Zurück in Gambia – from home to home

Es ist schön, wieder hier zu sein. Zurück in Gambia werde ich am Flughafen von Alex abgeholt. Er ist stolzer Fahrer eines alten Mercedes und steht schon bereit, als ich mit meinen sechs Taschen durch die Sicherheitskontrolle komme. Es gibt ein großes Hallo und Wiedersehen und dann geht es mit heruntergekurbeltem Fenster und dem allgegenwärtigen Reggae zurück zur „aracanga“.

Ein Teil des Gepäcks – der Rest kommt in Paketen

Der Flug von München nach Banjul war unaufgeregt und insofern glücklich, dass auf meinem Ticket 60 Kilo Gepäck vermerkt waren. Wieso, kann ich nicht sagen, denn als ich das Übergepäck buchen wollte, wurde ich nur von einer Hotline zur Nächsten und von einem Ansprechpartner zum Anderen weitergeleitet, ohne dass mir irgendjemand weiterhelfen konnte und mit dem Ergebnis, dass ich das Übergepäck doch direkt am Flughafen buchen und zahlen soll. Zwei kurze Hosen, eine Rolle Moosgummiband und meine Kamera sind im Handgepäck für mich, alles andere sind Spenden lieber Menschen für die Schulen und Dörfer hier in Gambia: Schulmaterialien, Schuhe, Klamotten, Schultaschen, Taschenmesser, Fußbälle, … tolle Sachen, alles in gutem Zustand und vieles neuwertig. Fünf weitere Pakete sind noch auf dem Frachtweg unterwegs. Die „aracanga“ sieht unter Deck jetzt schon aus wie ein kleines Frachtschiff, wenn dann erst alle Pakete erst da sind, wird es für ein paar Tage eng in der Kajüte.

From home to home

„Welcome back! Welcome home!“ Gambia ist toll und die Begrüßung im Dorf und an der Lamin Lodge, wo die „aracanga“ vor Anker liegt, ist herzlich und überschwänglich. „From home to home“ nennen es die Jungs hier und es fühlt sich wirklich ein klein wenig wie nach Hause kommen. „How are you? How is the family? Where is Riki?“ Es gibt viel zu erzählen und tausend Fragen. Dass Riki wegen ihrer Ohren-OP erst nach der Regenzeit kommen wird, wird mit viel Bedauern aufgenommen und jeden Tag wird sich erkundigt, wie es ihr geht. „We miss her and we put her in our prayers every day, hopefully she will be fine soon.“

Es ist Austernsaison

Es hat sich nicht viel verändert hier in den letzten drei Wochen, außer dass zurzeit der Fastenmonat Ramadan ist und die die Austernsaison begonnen hat. Die Frauen aus dem Dorf fahren jeden Morgen mit ihren Einbaumkanus raus, um bei Ebbe die Muscheln von den Mangrovenwurzeln zu pflücken.

Die Frauen kommen vom Austern sammeln zurück

Dies geschieht mit einer Art kleinem Beil und Handschuhen, denn die Schalen der Austern sind spitz und scharfkantig. Mit der Flut kommen die Kanus dann zurück zum Landeplatz hinter der Lamin Lodge, wo die Austern in großen Pötten über dem Feuer im Wasser gekocht und anschließend mit Messern geöffnet werden.

Alle helfen zusammen beim Austern öffnen

Einige der Taschenmesser, die ich im Gepäck hatte haben bei den Frauen, die die Muscheln pflücken und öffnen, neue Besitzerinnen gefunden. Dort werden sie nicht nur als Accessoire getragen, sondern sind wirklich immer im Einsatz. Jeden Tag setze ich mich eine Zeitlang zu den Gruppen im Schatten der Mango- und Cashewbäume und helfe, die Austern zu öffnen und zu sortieren, wobei immer viel gelacht und gespaßt wird. Die Muscheln werden in drei Größen sortiert, anschließend gewaschen und entweder vor Ort oder auf den Märkten in den benachbarten Ortschaften verkauft. Ein etwa Trinkbecher großes Gefäß voll geschälter Austern kostet je nach Größe zwischen 35 und 45 Dalasi, das entspricht etwa 0,60 bis 0,80 Euro. Die Austernschalen werden zu gebranntem Kalk weiterverarbeitet und auf dem Bau als eine Art Zement verwendet. Am Abend wird mir eine Handvoll der Muscheln mitgegeben, die gibt es dann an Bord mit Zwiebeln und Ei als leckeres Austernomelette mit Tabalabba, dem einheimischen Brot. Lecker!

Die letzten Tage im Ramadan

Ebenso lecker sind die Mangos, die zurzeit reifen und überall an den Wegrändern wachsen. Da allerdings zur Zeit noch Ramadan ist und ein großer Teil der Einheimischen fastet, versuche ich an Bord und nicht vor den Augen der Anderen an Land zu essen und trinken. Mit der Uhrzeit nimmt es hier niemand so genau, aber die Zeit des Sonnenuntergangs weiß während des Ramadans jeder auf die Minute genau. Dann nämlich wird das Fasten gebrochen, es gibt leckeren Minztee und reichlich zu essen und aus allen Häusern und Hütten zieht ein appetitanregender Geruch auf die Straße. Heute ist der letzte Tag des Fastens und morgen wird der Ramadan mit einem großen Fest, dem Zuckerfest oder Koriteh, wie es hier genannt wird, gefeiert. Dann versammelt sich die ganze Gemeinde auf dem Fußballplatz zum gemeinsamen Gebet und anschließend wird ausgiebig gefeiert. Bereits seit Tagen ist das anstehende Zuckerfest das große Thema und alle Familien bereiten sich fieberhaft darauf vor, es werden neue Kleider für die Kinder genäht, es wird vorgekocht, sauber gemacht und Schneider und Schuhmacher bieten festliche Gewänder für den besonderen Tag an.

Ein Ort im Fußballfiber

Während die Austernsaison in vollem Gange ist und der Ramadan sich dem Ende zuneigt hat außerdem die Fußballsaison begonnen und fast jeden Tag spielen zwei der insgesamt 22 Mannschaften aus der Region gegeneinander. Das Turnier läuft während der anstehenden Regenzeit und wenn man nach der Meinung der Fans und der Stimmung am Fußballplatz geht, sind wenn überhaupt nur die Champions-League oder der Africa-Cup ebenbürtige Veranstaltungen.

Während des Fußballtrainings

Während des Ramadan werden etwas verkürzte Halbzeiten von jeweils 30 Minuten gespielt, danach gibt es dann das volle Programm. Ich war bisher zweimal mit einigen Freunden am Fußballplatz, um die Spiele zu verfolgen und bin begeistert, im „Stadion“ ist eine tolle Stimmung und die Jungs spielen wirklich guten Fußball. Ich werde mit Sicherheit noch das ein- oder andere Spiel anschauen und für das Team des Stadtteils „Fadlam“ mitfiebern. „Fadlam“ ist die Gegend in der Gee, der während unserer Abwesenheit auf die „aracanga“ aufpasst, mit seiner Familie lebt. Deren Jugendteam bekommt von uns einen Satz Trikots und einige Fußballschuhe, was wir wiederum als großzügige Spende von meinem früheren Jugendteam „FC Stoffen“ bekommen haben.

Ein Brunnen für Bombale

Morgen ist Koiteh und somit der Fastenmonat zu Ende. Nach dem Ramadan wird wieder alles zur Normalität zurückfinden, zurzeit passiert hier nur wenig, was über das absolut Notwendige heraus geht. Bei 35 Grad an der Küste und 45 Grad im Landesinneren ist das auch irgendwie verständlich. Nach dem Fastenmonat werden auch die Arbeiten an dem Brunnen in Bombale in Angriff genommen, so dass die dortige Schule endlich mit Trinkwasser versorgt werden kann. Nächste Woche werde ich entweder mit der „aracanga“ oder mit dem Bus dorthin fahren, um zu sehen wie es voran geht. Insgesamt haben wir dank Eurer Spendenbereitschaft knapp 3.000 Euro für den Brunnenbau zusammen bekommen. Das heißt, dass wir aller Voraussicht nach nicht nur den Brunnen finanzieren, sondern die Schule auch noch darüber hinaus unterstützen können. Außerdem haben wir einen neuen Fußball für die Schule dabei, denn der letzte Ball war leider nicht der Beste und hat bereits nach ein paar Tagen den Geist aufgegeben.  Neben Notwendigkeiten wie Schulmaterialien und Kleidung sind Fußbälle die schönsten Gastgeschenke, denn jeder kickt hier gerne und mit einem Ball kann man einem ganzen Dorf eine Freude machen. Insgesamt hatten wir acht Fußbälle im Gepäck, Vier davon haben bereits neue, stolze Besitzer gefunden.

Und „Half Die“?

Half Die ärgert die Affen

Unser Bordkater hat sich bestens an das Landleben gewöhnt und wird wohl vorerst auch eine Landkatze bleiben, denn ich werde nur ein paar Wochen hier in Gambia sein. Sein Namen hat mit seinem Zustand nichts mehr gemein, er erinnert nur noch an seine Heimat „Half-Die“, ein Stadtteil von Gambias Hauptstadt Banjul, dessen halbe Population 1869 von einer Choleraepidemie ausradiert wurde. Der Kater ist jedermanns Liebling an der Lamin Lodge, wird bestens versorgt und bekommt auch während des Ramadan genug zu fressen. Muscheln gehören mittlerweile zu seiner Leibspeise und während ich beim Austern öffnen helfe, liegt er schnurrend auf meinen Füßen und freut sich, wenn die ein- oder andere Muschel für ihn abfällt. „Oysters are very good for rampa-tampa“ meinen die Jungs hier. Mal sehen, wie viele kleine „Half Dies“ im nächsten Jahr hier streunern…

Viele liebe Grüße von Bord der „aracanga“, Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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Ein Kommentar

  1. Sehr schöne Eindrücke. Ich denke solche Teile von der Welt zu sehen und nicht immer nur die großen Metropolen ist auch toll und interessant. Vielleicht reise ich da auch mal hin! Übrigens gute Idee nicht das ganze Gepäck mit dem Flugzeug mitzunehmen. Oft ist es günstiger einen Koffer zu importieren, da die Übergepäck Kosten beim Flug so hoch sind. Gut gelöst… 😉

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