Kleines Boot auf großer Fahrt – eine Inventur an Bord

Was kommt mit, was bleibt zu Hause? Da jeder etwas anders an die Sache ran geht und jeder seine Prioritäten anders setzt, gibt es keine ultimative Pack- oder allgemeingültige Ausrüstungsliste für eine Weltumsegelung. Was für uns Sinn macht, kann für eine andere Crew als überflüssig gewertet werden und andersrum genauso.

Unsere „aracanga“ vor Anker in Gambia

Deswegen: Wir möchten hier nicht vorschreiben, wie wer sein Boot auszurüsten hat, sondern lediglich einmal aufzählen, was wir so an Bord haben und wie wir an die Sache ran gehen. Unser Motto ist, dass wir nur das nötigste Equipment an Bord nehmen und auf alles, was entbehrlich ist, verzichten. Was kaputt gehen kann, das geht auch irgendwann kaputt und da Salzwasser, Luftfeuchtigkeit und Elektronik nicht die besten Freunde sind, versuchen wir wo möglich manuelle Lösungen zu bevorzugen. Zum Beispiel gibt es bei uns an Bord mit Ausnahme einer elektrischen Bilgenpumpe nur Fußpumpen. Ein anderes Beispiel ist die ewige Frage nach Windfahnensteuerung oder Autopilot, die wir für uns ganz klar mit Windfahnensteuerung beantworten, welche bei uns 99% der Segelstrecken steuert, genau wie bei meiner letzten Weltumsegelung mit der Ivalu. Am Heck unserer „aracanga“ pendelt eine Aries Windfahnensteuerung, mit der bei den Nonstopp-Weltumsegelungen von Wilfried Erdmanns Kathena Nui im Einsatz war. Auf der Ivalu waren wir mit einer Windpilot Pacific unterwegs und genauso zufrieden wie mit der Aries.

Aber von Fußpumpen zu Windfahnensteuerungen zu springen hat irgendwie wenig Struktur, darum fangen wir ganz von vorne am Bug an und arbeiten uns langsam ans Heck, zunächst an und später unter Deck: 

Hinweis: Fast alle Links zeigen die Ausrüstungsgegenstände, die wir auch an Bord haben. Selten gibt es diese Gegenstände nicht mehr, dann haben wir auf Nachfolgermodelle oder vergleichbare Modelle verlinkt (z.B. Handwindmesser oder Positionslaternen)

An Deck:

  • Bugspriet: Vor der Abreise haben wir einen

    Das Deck der „aracanga“

    Bugspriet angebaut und die Rollgenua somit um etwa 50 cm nach vorne gebracht, was ein ausgewogeneres Segelverhalten bei Vollzeug gibt. Da unser Boot sein bisheriges Leben am Bodensee verbracht hat, wollten wir zusätzlich zur leichten, 32 qm großen Genua noch eine kleinere, stabile und reffbare Stagreiterfock, die jetzt am Bug angeschlagen ist (16 qm mit einer Reffreihe). Eine Sturmfock mit etwa 4 qm liegt auf See außerdem bereit, ansonsten ist diese unter der Bugkoje aufgeräumt, wo auch der Spi und Blister liegen.

  • Im Ankerkasten liegen 60 Meter 8mm verzinkte Kette, in der Ankerrolle am Bugspriet liegt ein 16 Kilo Bügelanker. Auf dem Ankerkasten ist eine handbetriebene Ankerwinsch montiert. Das Ankergeschirr ist für unser Boot (30 Fuß, beladen 4,5 Tonnen) reichlich dimensioniert, dafür schlafen wir auch bei 45 Knoten Wind in der Ankerbucht noch ruhig. Der Anker wird mit einem Kettenfanghaken an einem Festmacher entlastet und zusätzlich mit einem Kettenstopper gesichert.
  • Zweifarbenlaterne am Bugkorb
  • Decksbelag: Wir haben vor der Abreise das Deck mit TBS belegt und möchten nicht darauf verzichten. Wir hatten Glück und konnten unser komplettes Deck mit dem Verschnitt und den Resten der Ivalu belegen, darum die vielen, kleinen Stücke und das ungewöhnliche Muster.
  • Zwei an Deck gespannte Lifelines mit festen Leinen zum einhaken
  • 50 x 50 Zentimeter Decksluke über der Bugkabine
  • 30 Liter Diesel in Kanistern sind an Deck an Backbord an das Fenderbrett an der Reling gelascht
  • Spibaum an Steuerbord an der Reling
  • Rettungsinsel für vier Personen im Container an Deck montiert
  • Rigg: Das Rigg ist original und stabil ausgelegt. Unter Deck steht eine massive Edelstahlmaststütze zwischen Kiel und Mastfuß. Genuastag, Fockstag und Babystag stützen das Rigg nach vorne, Ober- und Unterwanten auf die Seiten und ein im unteren Bereich geteiltes Achterstag nach hinten. Vor der Abreise haben wir sämtliche Stagen und Wanten (6 mm) erneuert. Die Genua (32qm) ist auf einer Furlex-Anlage gerollt, die Fock (16qm) an Stagreitern hat eine Reffreihe und das Groß (18qm) mit Lazyjacks und -bag ist mit drei Reffreihen ausstattet. Auf dem Masttopp sind eine UKW-Antenne, das Ankerlicht und ein Verklicker, eine elektronische Windanzeige haben wir nicht (und vermissen wir auch nicht). Auf halber Höhe sind Dampfer- und Arbeitslicht angebracht.
  • Zwischen Mast und Sprayhood steht ein Doradelüfter, der für gute Ventilation unter Deck sorgt.
  • Die Sprayhood, oder Dodger oder Doghouse,

    Aus Fehlern lernen – In Gambia bekommt die Sprayhood neue Scheiben, diesmal (hoffentlich) besser eingebaut

    haben wir aus Sperrholz, Epoxy und Glasfasermatten selbst gebaut und sind jede Überfahrt aufs Neue froh darum. Die feste Sprayhood hat den Vorteil, dass sie massiv ist und man auch auf dem Dach stehen kann, sie hat allerdings den Nachteil, dass sie nicht weggeklappt werden kann.

  • Cockpit: Anzeigen Lot und Logge. Zwei Eingang- Winschen auf dem Kajütaufbau und zwei Zweigangwinschen auf dem Cockpitsüll. Die Winschen sind nicht selbstholend, angesichts der überschaubaren Segelflächen ist das kräftemäßig für keinen von uns beiden ein Problem. Die Fallen sind ins Cockpit gelenkt, das Großsegel kann entweder am Mast mit Reffhaken und Reffleine oder mit zwei Leinen vom Cockpit aus gerefft werden. Außerdem ist im Cockpit eine große, manuelle Bilgenpumpe. Ein selbst genähtes und mit Segellatten verstärktes Sonnensegel zwischen Achterstag und Sprayhood gibt Schatten unterwegs und am Anker. Im Cockpit stehen außerdem zwei 20 Liter Wasserkanister mit einem Brett darüber, das wir als Brückendeck nutzen,  ein selbstgenähtes Relingskleid mit großen Cockpittaschen innen gibt Schutz vor Spritzwasser und zusätzlich Stauraum für Leinen.
  • Wir haben eine Pinnensteuerung (das war Kaufkriterium!) die mit der  Windfahnensteuerung „Aries“  verbunden ist. Auf der Aufhängung der Windfahnensteuerung gibt es eine kleine Badeplattform mit Badeleiter. Die Aufhängung besteht aus massiven Alurohren und Rohrverbindern.
  • Am Heckkorb hängt ein 10 Kilo Danforthanker als Heck- oder Zweitanker
  • Solarträger mit 160 Watt Solarpanel und

    Große Backskisten schlucken viel Equipement – und gelegentlich die Crew…

    UKW-Antenne für das AIS

  • Hecklicht, GPS-Antenne und Angelroutenhalter sind am Heckkorb montiert
  • Rettungskragen mit 40 Meter Schwimmleine ebenfalls am Heckkorb. Dazu ein selbstaufrichtendes Notlicht
  • älterer 4 PS zweitakt-Außenborder „Johnson Seahorse“ am Heckkorb mit 12 Liter externem Tank
  • Die „aracanga“ hat zwei große Backskisten, eine an Steuerbord und eine im Heck.
  • Backskiste an Steuerbord: Zweitanker (oderDrittanker, wie man es sieht…): 20 Kilo Bruceanker, dazu 40 Meter Ankerleine mit Blei und 120 Meter 30 mm Ankerleine, die auch als Schleppleine oder Leine für den Treibanker verwendet werden kann. Treibanker, Ankerball, diverse Waschschüsseln, Pütz, Ersatzblätter für die Aries, Luftpumpe fürs Dinghi, manuelle Bilgenpumpe, Autopilot (Pinnenpilot), Angelkoffer, Frisbee, Speedminton. Auf See findet auch unser Beiboot Platz in der Backskiste.
  • Backskiste im Heck: 60 Liter Wassertank (was

    Das Beiboot sollte stabil und robust sein

    eigentlich ein Gärfass ist…) und 30 Liter Dieseltank. Festmacher– Spi- und Ersatzleinen (neben normalen Festmachern verwenden wir ausrangierte Kletterseile als Festmacher, die man in Kletterhallen günstig bis kostenlos bekommen kann und die für unsere Bootsgröße in der Regel ausreichen), Fender, Landstromkabel, Flexibler Wasserschlauch mit Adaptern, Steckschotten für den Niedergang (Holz und Acryl), Cockpittisch (übrigens eine super Konstruktion für kleinere Boote!), Pütz mit Schrubber, Schwamm, Polituren etc., Schnorchelzeug, Neoprenanzüge, Klettergurt für den Mast (anstatt Bootsmannsstuhl), Schüttelschlauch zum Diesel aus Kanister nachfüllen

  • Beiboot: Lalizas Hercules 230 mit Luftboden und aufblasbarem Kiel mit Klappanker

Unter Deck:

Wir versuchen, unsere Ausrüstung immer zu optimieren und auch zu reduzieren. Was wir nicht benötigen, das wird verschenkt und nur was wir wirklich für notwendig erachten kommt an Bord. Einiges an Ausrüstung und an Klamotten ist im vergangenen Jahr schon wieder von Bord gewandert und andere Dinge, wie z.B. unser aktives AIS, wurden angeschafft. Das schöne an unserem eher einfachen und minimalistischen Konzept ist, dass wir deutlich weniger Zeit mit Reparaturen und Instandhaltung verbringen als die meisten anderen Fahrtensegler, die wir unterwegs treffen. Und dafür verzichten wir gerne auf so manchen Schnikschnak. Trotzdem, es gibt keine allgemeingültige Ausrüstungsliste für eine Weltumsegelung, die muss jeder für sich selbst erstellen. Aber vielleicht können wir mit diesem Artikel die ein oder andere Anregung geben.

Viele liebe Grüße,

Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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Ein Kommentar

  1. Eleonore Grebner

    Ihr macht das super, denn alles was kaputt gehen kann geht kaputt! Wir haben unsere Runde auch nach dem Motto: Keep it small and simple geschafft. Alles Gute! Lore

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