Von Camaret nach A Coruña – bei Traumbedingungen über die Biscaya

Camaret sur Mer

Sanfte Wellen am Strand der Biscaya

Die letzten Tage bescheren uns traumhafte Bedingungen, sowohl im Hafen als auch auf See. Camaret sur Mer bei Brest ist ein idyllisches kleines Fischerdorf am Rande der Biscaya. Hier liegen wir zwischen schroffen Felsen und stolzen Klippen in Laufweite zum Sandstrand sowie zur Steilküste an der sich die Wellen des Atlantiks brechen. Naja, von brechenden Wellen kann man die Tage nicht wirklich sprechen, aber die Bilder bekannter bretonischer Leuchttürme wie dem „Ar-Men“, bei den Einheimischen auch die Hölle der Höllen genannt, oder die berühmte Aufnahme des ein paar Meilen weiter im Norden stehenden „La Jument“ mit dem Leuchtturmwärter und der Riesenwelle zeigen, dass die Biscaya und die Bretagne auch anders können… Aber wir sind nicht enttäuscht, nicht in den zweifelhaften Genuss solcher Wellen zu kommen und genießen die ruhigen und verhältnismäßigen warmen Tage in der Bretagne. Hier treffen wir Samuel und Sarah mit ihren Jungs Elia und Levi wieder, die wir in Cherbourg kennengelernt haben und die auf ihrer „On y va“ ein Jahr lang der Sonne hinterhersegeln. Auch lernen wir Jerome und Vera mit ihrer wunderschönen „Philos“ kennen. Gemeinsam wandern wir entlang der Küste, unternehmen tagsüber Ausflüge an den Strand und schmeißen am Abend zusammen den Grill an. Dazu gibt es ganz bretonisch eine Flasche Cidre und etwas untypisch leckeren bayrischen Kartoffelsalat.  

Camaret sur Mer
Camaret sur Mer

In Camaret haben wir deutlich mehr Glück mit der Wetterrlotterie als in Cherbourg und schon vier Tage nach unserer Ankunft brechen wir schon wieder auf in Richtung Süd-Süd-Westen. Über der Biscaya, die eigentlich berüchtigt für Wind und Welle ist, liegt in den nächsten Tagen ein stabiles Hochdruckgebiet mit relativ beständigem Schiebewind aus nördlichen bis östlichen Richtungen. So ein Wetterfenster in dieser Gegend ist ein Geschenk und obwohl uns die Bretagne unheimlich gut gefällt und wir es durchaus noch eine Weile hier aushalten könnten, legen wir am Samstag in der Früh mit Ziel A Coruña in Spanien ab. Der Herbst sitzt uns im Rücken. Unsere Freunde von der „On y va“ und der „Philos“ werfen auch die Leinen los und wir verabreden uns für ein paar Tage später in Spanien sowie unterwegs auf Kanal 72.  

Über die Biscaya

Traumbedingungen auf der Biscaya

Die ersten Meilen, bis wir die legendäre Hölle der Höllen runden, segeln wir hoch am Wind und schießen gegenseitig mit der „Philos“ ein paar Bilder von den Booten. Mit einer Hölle oder gar Hölle der Höllen hat der Leuchtturm an diesem Tag nichts gemeinsam. Wobei der Name nicht nur vom stürmischen Wetter, sondern auch von der Tatsache, dass die Leuchtturmwärter früher bis zu drei Jahre durchgehend Dienst auf dem Leuchtturm mitten im Meer geleistet haben.

Die Philos auf der Biscaya
Die „Philos“ kurz nach dem Ablegen

Uns bescheren etwa eineinhalb Meter Welle und 15 Knoten Wind traumhafte Segelbedingungen und vorbei an „Ar-Men“ können wir Kurs direkt auf die Bucht von A Coruña auf der anderen Seite der Biscaya anlegen. Die Biscaya ist die Grenze zwischen Nordsee und Atlantik, hier fällt die Wassertiefe von etwas über 100 auf über 4.000 Meter ab. Delfine begleiten die Ivalu während Frankreich langsam hinter uns am Horizont verschwindet und wir in die erste Nacht segeln. Die Nachtwachen teilen wir so auf, dass Riki sich in erster Linie um die Kleine kümmert und Peter und ich um das Boot. Solange wir zu dritt (mit Kira natürlich zu viert!) an Bord sind, können wir uns diesen Luxus gönnen. Die Nacht verlängern wir auf 14 Stunden und teilen diese in zwei lange Wachen von je sieben Stunden auf, was uns besser liegt als mehrere kürzere Wachen von drei oder vier Stunden und etappenweisem Schlafen dazwischen. Peter übernimmt die erste Wache von 19.00 Uhr bis 02.00 Uhr in der Früh und ich dann die zweite Nachtwache von 02.00 bis 09.00 Uhr. Die Nächte sind kalt, schön und unspektakulär, es herrscht nachts zwar verhältnismäßig wenig Wind und stundenweise auch Flaute, aber lieber dümpeln wir langsam unter Segeln dahin, als den lärmenden Motor zu starten. Nach einer kurzen Eingewöhnung genießt Kira die Segeltage und die Bewegung des Bootes scheint ihr wenig auszumachen. Sie sitzt mittlerweile sehr stabil auf den Bodenbrettern im Salon oder auf unserer Koje und spielt am liebsten mit allem, was kein Babyspielzeug ist. Sehr beliebt sind Rollen und Blöcke, Leinen, Winschen und Kurbeln, Sonnenbrillen, Caps, Flaschen und Becher. Weniger interessant sind Babyrasseln, Kuscheltiere, Spieluhren und was wir sonst so an Spielzeug an Bord haben. Okay, dann wird das Spielzeugsäckchen eben neben Rassel und Spieluhr mit Blöcken, Schäkeln und Leinen bestückt. Bevor wir losgesegelt sind, haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir die Kleine bei Wind und Wetter am besten beschäftigen und sicher „verstauen“ können. Bewährt haben sich, danke für den Tipp Anna und Thomas, unser Babysitz mit – ganz wichtig – eigenem Tischchen, dazu Glasheber um den Sitz im Cockpit zu fixieren, die Babytrage und ein Stillkissen. Und natürlich besagte Blöcke, Leinen und Becher.

Martin und Kira auf der Biscaya
Morgens ist es noch kalt – aber wunderschön

Der zweite Tag bringt genau wie der Erste wunderbares Segeln bei etwa 15 Knoten Wind und kaum mehr Welle. Meile für Meile ziehen wir gemächlich nach Süden und sehen unterwegs kaum ein anderes Boot. Zwei Frachter mit Kurs auf die spanische Nordküste sind die einzigen Schiffe, die uns mit weitem Abstand begegnen. In der Nacht taucht dann ein Positionslicht achtern auf, es ist die „On y va“, wie wir am Funk erfahren, die die nächtliche Flaute genutzt haben, um ein paar Meilen unter Maschine zu fahren und gleichzeitig ihre Batterien zu laden. Elia (4) ruft uns am Morgen am Funk an und erzählt uns, dass sie uns auf dem AIS sehen und etwa sechs Meilen hinter uns sind. Der dritte und letzte Tag gibt zunächst pures Segelvergnügen. Wir reffen das Groß und setzen anstelle der großen Genua die kleinere Fock. Bei etwa 20 Knoten Wind preschen wir mit acht bis zehn Knoten dahin, während der Wind mehr und mehr zunimmt und die Welle steiler und höher wird. Es sind noch etwa 50 Meilen bis zum Ziel als wir das zweite Reff einbinden wollen, das jedoch klemmt (wir haben beim Umbau der Reffs in Cherbourg einen kleinen Denkfehler gemacht) und wir das Groß ganz wegnehmen. Nur unter Fock machen wir bei 25 bis 30 Knoten Wind noch immer zwischen sieben und acht Knoten Fahrt, weswegen wir beschließen, das verklemmte Reff erst in A Coruña in Angriff zu nehmen. Mit dem Übergang vom tiefen ins flachere Wasser nimmt auch die Welle ordentlich zu, jedoch nicht an Höhe, sondern an Frequenz, das heißt, dass die Wellenberge viel kürzer aufeinander folgen und deutlich steiler werden. Es hat mittlerweile etwa vier Meter Welle, unangenehm ist jedoch nicht die Höhe, sondern die Frequenz und die zwei verschiedenen, sich überlagernden Wellensysteme. Die Kämme der Wellen beginnen sich zu brechen, der Windmesser klettert auf über 30 Knoten und unter Deck fliegen zwei Körbe mit Obst und in der Kabine eine nicht ganz geschlossene Schublade mit Babyklamotten durch die Kajüte, als sich die Ivalu in einer Welle weit nach Steuerbord überlegt. Riki und Kira sitzen eingekeilt auf dem Salonboden und machen Brotzeit, was so aussieht, dass die eine gutgelaunt auf einem Stück Brot herumlutscht und die klebrigen Überreste in den Ritzen der Bodenbretter verteilt, während die andere ein Salamibrot isst und gleichzeitig versucht, das Baby zu bändigen und das Chaos in Grenzen zu halten.

A Coruña

Die Biscaya ist windig und wellig auf den letzten Meilen
Die letzten Meilen nach A Coruña sind ruppig und windig

Mit dem Runden des exponierten Felsens vor der Bucht von A Coruña wird die Welle schlagartig weniger und auch der Wind lässt nach, so dass wir die letzten Meter in den Hafen unter Maschine fahren. Um 23.30 Uhr machen wir nach drei Tagen und zwei Nächten in der Marina fest und genießen unser wohlverdientes Ankerbier. Ein paar Stunden später macht die „On y Va“ neben uns fest und am nächsten Morgen läuft auch die „Philos“ in den Hafen ein.

Vor der Abfahrt haben wir wegen der hohen Covid-19-Infektionszahlen lange überlegt, ob wir nach Spanien segeln sollen oder nicht. Letztendlich fällt die Entscheidung, A Coruña und vielleicht ein oder zwei Ankerbuchten in Spanien anzulaufen, auf ausgedehnte Stadtbummel, Kneipenbesuche oder ähnliches jedoch zu verzichten. Schließlich sind wir auf dem Boot relativ isoliert und es liegt in unserer eigenen Verantwortung, wie weit wir uns ins Sozialleben stürzen. Trotz Corona und der hier in Spanien sehr spürbaren strengen Regeln ist es schön, hier in A Coruña zu sein, nicht zuletzt wegen des warmen Wetters.

Viele Grüße aus A Coruña senden die drei Generationen der Finkis: Kira, Riki, Martin und Peter

–> unsere Kaffeekasse <–

6 Kommentare

  1. Ihr macht das toll! Angstfrei durchs Leben. Gefällt mir! Der Kleine ist ja allerliebst. Liebe Grüße Lore

  2. toller Bericht, kann richtig mitfühlen. Welche Regeln gelten denn derzeit in Spanien?

    • Danke Dir. In Spanien gelten strenge Regeln wie das tragen eines Mund-Nasenschutzes in der Öffentlichkeit, auch draußen. Die Leute hier sind sehr diszipliniert und man fühlt sich trotzdem sicher, wobei wir versuchen große Menschenmassen zu meiden.

  3. Ahoi!
    Vielen Dank für deine tollen Berichte. Ich denke sehr oft an euch!
    Herzliche Grüße an die Crew.
    Rilana

    • Hi Rilana und Family, schön von Euch zu hören. Die “On y va”, mit der wir zur Zeit gemeinsam unterwegs sind, hatte ihren Liegeplatz zuvor übrigens auch in Lelystad 🙂

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