Bordalltag am Ankerplatz

In den letzten Wochen herrschen Routine und Alltag an Bord der aracanga2 vor. Wir haben uns in verschiedene Projekte gestürzt und diese versuchen wir so gut wie möglich abzuarbeiten. Das größte, aber nicht das einzige Projekt ist mit Sicherheit nach wie vor die etwas ungeplante Renovierung unseres neuen Bootes. Daneben ist Riki damit beschäftigt, gemeinsam mit der hiesigen Segelmacherin eine Kleiderkollektion zu entwerfen. Das läuft ungefähr so: Bronwen, die Segelmacherin, organisiert einige Seglerinnen, ein paar Flaschen Prosecco und Häppchen und der ganze Hühnerhaufen bringt seine Lieblingskleidungsstücke mit. Unter viel Gekicher und lautem Beifall und viel „That’s so beautyful, darling!“ Und „That looks fabulous on you, honey!“ werden die Klamotten vorgeführt. Von allem, was als „very gorgeous“, „so lovely“ oder „absolutely amazing“ eingestuft wird, nimmt Riki dann den Schnitt ab und als Muster mit nach Hause auf die aracanga2 oder in Bronwens Segelloft. Dort zerbrechen die beiden sich dann die Köpfe, wie daraus eine Kollektion entstehen kann, die zum einen einfach zu nähen sein muss und zum anderen mit nur drei verschiedenen Größen an jedem Figurtyp „gorgeos“ aussieht.

Bordalltag: Erst Kaffee, dann Strand

Kaffee
Morgens gibt’s aracanga-coffee

Unser Bordalltag beginnt normalerweise so, dass zwischen 5:30 und 6:30 Uhr Kira im Bett in ihrer Kabine sitzt und „Mama“ oder „Papa“ oder „Mampa“ ruft. Wir können ihre Koje von unserer Koje aus sehen und wenn sich dann einer von uns auf die Ellbogen stützt, grinst die Kleine und haucht ein langgezogenes „Hiiiii“ in Richtung unserer Kabine. Dann rutscht sie auf dem Bauch über die Bettkante nach unten und spätestens jetzt muss einer von uns mit ihr aufstehen und ihr eine „Nilch“ bereiten. Parallel wird Kaffee gemacht und dann gefrühstückt. Meistens gibt es entweder selbstgebackenes Brot mit Käse und Eiern oder selbstgemachten Joghurt mit Haferflocken und Obst.

Sobald die Sonne am Himmel steht und über unsere Solarzellen Ladestrom erzeugt, schalten wir unseren Wassermacher eine Zeitlang ein und produzieren am Tag ca. 20 Liter Frischwasser, was in etwa unserem Wasserverbrauch entspricht.

Kira am Strand
Am Strand von Hog Island

Dann ist meist Strand angesagt: Kira steht mit EImer, Schaufel und Ball bewaffnet auf der Badeplattform und wartet darauf, dass wir das Beiboot ins Wasser lassen und an den Strand von Hog Island fahren, wo sich mit viel Gebrüll ins Wasser gestürzt wird. Hog Island ist eine kleine, unbewohnte Insel im Süden Grenadas und mit einer Brücke mit der Hauptinsel verbunden. Hog Island und die vorgelagerten Riffe bilden eine sichere Ankerbucht, wo wir gemeinsam mit einigen anderen Booten, die die Hurrikanezeit hier verbringen, liegen. Auf manchen der Boote sind Kinder, die meisten zwischen 6 und 14 Jahre alt. Schulunterricht findet an Bord statt, und seit neuestem auf Hog Island, wo sich zweimal die Woche einige Kinder und ein oder zwei Elternteile zur „Island School“ treffen. Gestern war Physikunterricht. Jedes Kind hat ein paar Tauwerkreste und Gewichte mitgebracht, aus denen dann die verschiedensten Pendel gebaut und analysiert wurden. Um Schule müssen wir uns noch keine Gedanken machen, wir toben währenddessen im Wasser und wenn nach einer Stunde dann die Lippen blau sind und der Kiefer zittert, zeigt Kira wieder mit dem Finger auf das Beiboot und kündigt mit „Brummbrumm“ an, dass es Zeit ist, zurückzufahren.

Bordalltag: Duplo und Elmo

Zurück an Bord kann sich einer von uns seinen Projekten widmen, während der andere das Kind vom Sand befreit und danach mit ihr Bilderbücher anschaut oder Duplo spielt. Ein anderes Projekt, das wir in den letzten Tagen so gut wie abgeschlossen haben, ist der „Elmo“. Nein, Riki ist nicht schwanger und „Elmo“ ist kein Geschwisterchen, sondern ein Klabautermann. Besser gesagt, es ist ein Buch über einen Klabautermann und dessen abenteuerliche Reise, das ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe. Karin vom Streuner, mit dem wir 2018 und 2019 gemeinsam gesegelt sind, hat Illustrationen dazu angefertigt. Das Buch ist fertig und wird die Tage als Taschenbuch mit 232 Seiten erscheinen. Eine kleine Kostprobe gefällig? Hier gibt es die ersten paar Zeilen zum Probelesen:

Kapkap ist eine kleine Stadt am Rande des ewigen Meeres. Sie ist so klein, dass man sie auf den meisten Landkarten gar nicht findet. Nur auf besonders detaillierten Karten ist sie als winziger, roter Punkt eingezeichnet. Die Stadt liegt ganz in der Nähe des Großen Kaps, das so groß und imposant ist, dass man es einfach nur das Große Kap nennt. Aufgrund der Nähe zum Großen Kap und weil es sonst nichts gibt, wofür die Stadt bekannt ist, hat man sie ebenso Kap genannt, genauer genommen Kap am Großen Kap, oder einfach nur Kapkap, wie sie von seinen Bewohnern genannt wird. In Kapkap gibt es einen Lebensmittelladen, einen Schneider, ein Postamt und die kleine „Kneipe am Kap“. Die Gebäude rahmen den rechteckigen Hafen ein, in dem ein paar Boote, hauptsächlich Ruderboote, an der Mole liegen. An einer langen Pier auf der Seeseite des Hafens können größere Frachtschiffe anlegen. Zwischen den Häusern und dem Hafen kreuzen sich zwei Straßen, die eine, die entlang der Küste verläuft und die andere, die von Süden kommend, hier endet. Da sich jedoch auf dem Landweg nur selten irgendjemand hierher verirrt, ist die Kreuzung gleichzeitig die Terrasse der Kneipe, wo Stühle und Tische stehen und wo sich die Bewohner von Kapkap bei schönem Wetter gerne nachmittags zu Kaffee und Kuchen treffen. An den seltenen Tagen, an denen ein Frachtschiff an der Pier festmacht, liegt eine ganz besondere Atmosphäre in der Luft. Abends, wenn die Lieder der von Heimweh und Sehnsucht nach der Geliebten erfüllten Seemänner aus der Kneipe leise durch die Straßen ertönen, sitzen die Bewohner von Kapkap auf ihrer Kreuzung und lauschen andächtig dem Schifferklavier und dem melancholischen Gesang der Matrosen.

Das Kap ist der nördlichste Punkt des Kontinents Elrosaki. Steil und mächtig thront es an der äußersten Landspitze. Darüber hinaus erstreckt sich das Meer bis hin zum fernen Horizont, wo Himmel und Erde zu verschmelzen scheinen. Zu beiden Seiten des Kaps zieht sich, soweit das Auge reicht, ein unendlich erscheinender Sandstrand, bis hin zu fremden Ländern, fernen Kontinenten und anderen, Großen Kaps. Jenseits dieser Kaps erscheint das Meer grenzenlos und irgendwo, weit hinter dem Horizont und weiter noch, als je zuvor ein Bewohner von Kapkap gereist ist, liegen sagenumwobene Inseln und Länder, die man allerhöchstens aus Geschichten oder von den Liedern der Seemänner, die zu manch später Stunde aus der kleinen Kneipe leise durch die Straßen der Stadt tönen, kennt.

Das Klima am Großen Kap ist rau und stürmisch. In den meisten Jahren kann man die wenigen wirklich schönen Sommertage an einer Hand abzählen. Diese Tage verbringen die Bewohner von Kapkap am liebsten am Strand. Und sollte sich an solch einem Tag ein Tourist dorthin verirren, würde er vermutlich seinen Augen nicht trauen. Denn aufgrund seiner Abgeschiedenheit ist die Stadt einer der wenigen Orte, vielleicht sogar der einzige, an dem Menschen und allerlei fabelhafte Wesen noch friedlich miteinander leben.

Einer dieser Bewohner ist Elmo, ein kleiner Klabautermann. Die seltenen lauen Sommerabende verbringt er gern am Hafen, wo er es sich in einer Rolle Tauwerk gemütlich macht, genüsslich an seiner kunstvoll geschnitzten Meerschaumpfeife zieht, große Rauchkringel in die Luft bläst und vom grenzenlosen Ozean träumt. Elmo ist eine lustige Gestalt. Er ist nicht größer als ein Kleinkind, hat aber das Gesicht eines alten Mannes mit einem langen, weißen Bart und zerzausten Haaren, auf denen er einen von der Sonne ausgeblichenen Dreispitz trägt. Sein durch Wind und Wetter gegerbtes Gesicht hat eine sonnenverbrannte rotbraune Farbe. In seinem Mund, den man unter dem Bart allerdings höchstens erahnen kann, steckt stets eine kleine, mit Schnitzereien verzierte Pfeife, und an jedem Ohr baumelt ein massiver Goldring. Er trägt ein bis zu den Ellbogen aufgekrempeltes Matrosenhemd, das den Blick auf die über die Jahre etwas ausgeblichenen Tätowierungen einer Windrose und dem Kreuz des Südens auf seinen Unterarmen freigibt. Die abgeschnittene blaue Leinenhose reicht Elmo bis übers Knie und wird von einem geflochtenen Hanfseil gehalten, in dem ein hölzerner Hammer steckt. Schuhe trägt der Klabautermann nie, nicht einmal im Winter. Würde Elmo jedoch einem von uns begegnen, würden wir ihn gar nicht wahrnehmen, denn für jeden, in dessen Körper kein Klabauterblut pulsiert, sind Klabautermänner unsichtbar.

Einst, vor vielen Jahren, ist Elmo an Bord eines stolzen Dreimasters nach Kapkap gekommen. Nach zahlreichen Ozeanüberquerungen, Stürmen und Flauten ist das Boot vor dem Großen Kap auf die Klippen gelaufen, wo es seitdem liegt und einem Mahnmal gleich schon von fern zu sehen ist. Die Bewohner von Kapkap haben an der Spitze des Großmastes eine helle Laterne angebracht, die seit jenem Tag jeden Abend entzündet wird und deren Schein viele Seemeilen weit zu erkennen ist, um andere Seeleute vor den gefährlichen Felsen zu warnen. Die wenigen Überlebenden des Schiffsunglücks haben auf anderen Schiffen angeheuert und sind weiter zur See gefahren. Elmo jedoch hat sein Schiff verloren, und da ein Klabautermann nicht einfach so auf einem fremden Schiff anheuern kann, ist er in der Stadt geblieben.

Klabautermänner sind gute Geister, und auf manchem Schiff, das zur See fährt, lebt ein solcher. Nachts, bei ruhigem Wetter, kann man sie an Deck poltern hören, wo sie Ausbesserungsarbeiten am Boot vornehmen und mit ihren Hämmern lose Planken wieder festklopfen. „Oder war das Geräusch vielleicht doch nur ein Knarzen des Schiffsrumpfs in einer Welle?“, die meisten Matrosen können nur mutmaßen, ob ein solch unsichtbares Wesen an Bord ihres Schiffs lebt. Eine der Lieblingsbeschäftigungen ganzer Schiffsbesatzungen ist, gerade wenn bei anhaltenden Flauten nur wenig Arbeit an Deck anfällt, in endlosen Diskussionen darüber zu debattieren, ob denn nun ein Klabautermann an Bord ist oder nicht. Diejenigen unter den Seemännern, die sich für besonders aufgeklärt halten, tun ihn als alberne Sagenfigur längst vergangener Zeiten ab, die romantischeren Matrosen hingegen vertrauen auf den Schutz des Kobolds. Endgültig geklärt ist die Frage nur auf Schiffen, auf denen ihn ein Besatzungsmitglied trotz der Unsichtbarkeit zu Gesicht bekommt. Dann aber ist keine Zeit mehr für Diskussionen, sondern schnelles Handeln gefragt: Denn die wichtigste Aufgabe eines Klabautermanns ist es, die Besatzung seines Schiffes vor bevorstehenden Gefahren und Unheil zu warnen. Und das tut er, indem er sich zeigt.

Elmo hat es mit seinen Aufgaben nie so genau genommen oder besser gesagt, Elmo war oft so sehr damit beschäftigt, seinen Schabernack mit der Besatzung zu treiben und die Matrosen zu necken, dass er bedrohliche Situationen manchmal erst im allerletzten Augenblick erkannt hat…

So, genug der Werbung, zurück zu unserem Bordalltag. Wem der „Elmo“ gefällt und wer Interesse daran hat, der darf in ein paar Tagen gerne noch einmal hier vorbei schauen oder uns eine Nachricht schicken.

Bordalltag: Renovierung

Einbau der Ankerwinde
Einbau der neuen Ankerwinde

Wie schon geschrieben, unser größtes Projekt ist unsere Bootsrenovierung, mit der wir ziemlich gut vorankommen. Die neue Ankerwinde ist eingebaut. Das allerwichtigste jedoch ist, wir bekommen kein Wasser mehr ins Boot. Die aracanga2 hat zwischen den beiden Rümpfen noch einen dritten Rumpf, der allerdings nur etwa 10cm im Wasser ist. In diesem Mittelrumpf, der Nacelle, befindet sich achtern der Motor und in einem abgetrennten Bereich davor der Mastfuß. In diesem Bereich hatten wir Wasser, das wie wir herausgefunden haben, durch das Cockpitlenzrohr gekommen ist. Das Schlimme jedoch ist, dass dieses Wasser vermutlich über viele Jahre hinweg nicht bemerkt wurde. Wir haben es erst gefunden, nachdem wir Wände und Böden ausgebaut und darunterliegende, einlaminierte Böden und ein rottes Schott entfernt, sowie zwei Inspektionsluken eingebaut haben. Provisorisch ist das Leck beseitigt, wenn wir das Boot jedoch irgendwann aus dem Wasser heben, werden wir das Leck mit Glasfasermatten und Epoxidharz professionell reparieren müssen. Nachdem kein Wasser mehr ins Boot eindringen kann, entfernen wir alles rotte Holz und trocknen die Bilge mit Ventilatoren gut aus. Als Nächstes werden wir das rotte Schott und den rotten Boden neu anfertigen und einlaminieren sowie den hölzernen Mastfuß, der auch an den Außenseiten etwas Rott abbekommen hat, auflaminieren und großzügig verstärken. Parallel beenden wir noch die Baustelle „Hardtop und Dodger“, wo die Fenster ausgeschnitten und eingesetzt werden und danach die Fronten mit weißem Gelcoat angepinselt werden müssen. Langweilig wird es uns noch nicht.

Kira mit Mundharmonika
Jeden Donnerstag ist Live-Musik bei Nimrods und Kira ist immer vorn dabei.

Ja, das machen wir tagsüber. Bzw. einer von uns, während der andere etwas mit der Kira unternimmt. Abends sind wir dann entweder gemütlich an Bord oder irgendwo, wo Musik gespielt wird. Es gibt so gut wie jeden Abend in irgendeiner Bar Livemusik oder man trifft sich am Strand, wo meist irgendwer eine Gitarre oder ein anderes Instrument dabei hat. Es gab bereits Abende am Strand mit mehreren Gitarren, Bass und Ukulele, Djembe, Geigen, Saxophonen, Keyboard und so weiter. Dann ist Kira meist mittendrin, mit Rassel in der Hand oder Mundharmonika im Mund, freut sich und tanzt. Und wir freuen uns auch. Und tanzen auch manchmal.

Zu guter Letzt: Elsa

Hurrikane Elsa bringt Regen
Elsa bringt glücklicherweise mehr Regen als Wind

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, das große Thema vor Kurzem war Hurrikane Elsa. Ein paar Tage lang haben alle hier von Elsa gesprochen, die zum einen sehr früh im Jahr und zum anderen sehr südlich und schnell über den Atlantik kam. Ein paar Boote verkriechen sich in sichere Ankerbuchten und vertäuen sich an den Mangroven, was eine gute und gängige Hurrikanetaktik ist. Wir sind hier in einer sicheren Bucht und an einer starken Boje, daher beschränken wir uns wie die meisten anderen Segler darauf, alles was wegfliegen und sämtlichen Sonnenschutz wegzupacken, zwei Anker und einige Leinen vorzubereiten und die Vorhersage des National Hurricane Centers zu verfolgen. Die Prognosen sind relativ eindeutig, dass der Wirbelsturm knapp nördlich vorbeizieht und uns viel Wind, aber keinen Sturm, und viel Regen bescheren wird. Und so ist es dann auch. Es schüttet so sehr, dass wir innerhalb kurzer Zeit unsere beiden Wassertanks randvoll machen und anschließend eine ausgedehnte Süßwasserdusche genießen. Wir sind sauber, das Boot ist sauber und nichts ist passiert, gut so.

Viele liebe Grüße von Bord der aracanga2 senden

MaRiKi

–> u n s e r e K a f f e e k a s s e <–

2 Kommentare

  1. Oh, wie ich den Aracanga Kaffee vermisse…

  2. Phil Mattingley

    Dear Martin,
    Congratulations to the amazing news! I am excited to hear that you have successfully finished your book and even published it already. Would love to read it. Where can I puchase it? That is so great!

    All the best and hope to see you again soon,
    Phil

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