Durch die Wildnis nach Süden

Caleta Tortel

Vor Anker in Caleta Tortel. Hinter uns unsere neuen Fischerfreunde

Caleta Tortel ist eine der wenigen direkt am Ufer gelegenen Ortschaften südlich des Golfs von Penas. Sie liegt nicht auf unserer direkten Segelroute nach Puerto Williams, sondern ist nur über einen etwa 100 Seemeilen langen Umweg zu erreichen. Das Dorf liegt am Ende eines langen in West-Ost-Richtung verlaufenden Fjordes. Es gibt hier keine Autos, keine Straßen, nur Holzwege und Stufen, alles ist mit Holzstegen verbunden. Caleta Tortel ist zwar ans Straßennetz angebunden, die Straße endet jedoch am Dorfeingang in einem Parkplatz, von dem aus lange Holztreppen nach unten ins Dorf führen.

Wir ankern auf etwa acht Metern Wassertiefe zwischen einem Fischer und einem Ausflugsboot, das Touristen zum nahegelegenen Gletscher Jorge Montt bringt. Die Fischer – es sind Algenfischer von der Insel Chiloe – haben wir ein paar Tage vorher schon im Kanal gesehen, wo sie „Luche“ ernten, besser bekannt als Meeressalat.

Unsere Route nach Süden

„Kommt rüber“, bedeuten sie uns am nächsten Vormittag mit Handzeichen. „Soy Maricello. Vino?“, stellt sich der Kapitän vor, und noch während er seinen letzten Schluck Kaffee austrinkt kramt er einen Zwei-Liter Karton Rotwein hervor und schenkt die notdürftig mit Salzwasser ausgespülten Tassen bis zum Rand voll. Wir sitzen auf der Ladeluke, genießen den Sonnenschein zwischen zwei Regenschauern. Handys werden gezückt, Fotos von der Familie herumgereicht, und eine weitere Runde – Widerspruch zwecklos – wird eingegossen.

Wir stocken unsere Vorräte an frischen Lebensmitteln und Brennholz auf, beantragen eine Zarpe, die von der Armada ausgestellte, offizielle Befahrenserlaubnis, nach Puerto Williams ganz im Süden Chiles, und warten zwei Tage schlechtes Wetter ab, bevor wir unsere Reise nach Süden fortsetzen.

Kurs Kanal Messier

Die ARACANGA vor Anker. Im Hintergrund der Kanal Messier
Vor Anker mit drei Landleinen. Im Hintergrund der Kanal Messier

Früh am Morgen holen wir den Anker auf. Unser Ziel ist der Kanal Messier, der in Nord-Süd-Richtung verlaufende Hauptkanal zwischen den vorgelagerten Inseln und dem Festland. Bei ruhigem Wetter und mitlaufender Strömung sind wir mit sieben bis acht Knoten zügig unterwegs. „Hier willst du rein?“ ,fragt Riki mit leicht schockierter Mine am späten Nachmittag, als wir in einen sehr schmalen Fjord einbiegen, an dessen Ende ein kleines Becken mit einer geschützten Ankerbucht liegt. Desto kleiner und enger, desto sicherer ist die Ankerbucht, da wir in direkter Ufernähe im Windschatten der Bäume liegen. Wenn sie dann noch gegen Winde aus Nord , West und Süd geschützt ist, ist es ideal. Zum frei ankern, also dass sich das Boot rings um den Anker drehen kann, sind die meisten Buchten zu eng, daher fixieren wir uns in der Regel mit zwei bis vier langen Landleinen an Bäumen am Ufer.

Es ist ratsam, immer auf jedes Wetter vorbereitet zu sein.

Hierzu haben wir insgesamt 600 Meter Schwimmleine mit Durchmessern zwischen 19 und 25 Millimeter an Bord, teils auf Spulen, teils in Säcken. Schwimmleine deshalb, da sie einfacher auszubringen und die Gefahr, die Leine in die Schraube zu bekommen, geringer ist. Also geht es durch den zugegebenermaßen sehr engen Kanal in das kleine Ankerbecken, an dessen einem Ende wir den Anker runterlassen und uns dann rückwärts in eine kleine Einbuchtung manövrieren. Mit dem Beiboot bringen wir drei Leinen aus, fertig. So liegen wir sicher, egal was kommt. Denn auch wenn der Wetterbericht Flaute vorhersagt, hier im tiefen Süden kann man nie ganz sicher sein, was das Wetter angeht und es ist ratsam, immer auf alles vorbereitet zu sein. Böen mit 40 Knoten haben wir regelmäßig, auch 50 Knoten und mehr sind keine Seltenheit. Besonders kritisch sind Ankerbuchten und Kanäle mit tiefen Tälern oder steilen Felswänden, da sich hier oftmals katabatische Winde bilden, sogenannte Willywaws. Die Windmassen stauen sich an den Berggipfeln, bis sie plötzlich über diese gedrückt werden und in vertikaler Richtung den Fels hinabrasen. Diese Fallböen können deutlich stärker werden als der Grundwind und sind berüchtigt und gefürchtet.

Austral- oder Peale-Delfine, unsere ständigen Begleiter

Zwischen der Insel Wellington und dem Festland hindurch segeln wir bei böigem Wetter nach Süden und je weiter wir kommen, desto karger werden die Felsen, desto kleiner und windgepeitschter die Bäume am Ufer und desto rauer und kälter das Klima. Delfine – Austral- und chilenischer Delfin sowie Albatrosse, hauptsächlich Schwarzbrauenalbatrosse (Mollymauks), die mit ihren zweieinhalb Metern Spannweite zu den kleineren Albatrosarten zählen, sind unsere ständigen Begleiter. Auch Andenkondore, Kormorane, Pinguine und andere Vogelarten, sowie Otter, Seehunde und Seelöwen, bekommen wir regelmäßig zu Gesicht. Mit Abstand am verspieltesten jedoch sind die Australdelfine, auch als Peale-Delfin bekannt. Sie begleiten unsere ARACANGA oft über Stunden hinweg bis zum Ankerplatz und selbst unser Beiboot.

Puerto Eden

Die einzige Ortschaft auf direkten Weg nach Süden ist Puerto Eden, ein verschlafenes Nest mit 80 Einwohnern. Der Name des Dorfs muss dem Hirn eines hoffnungslosen Optimisten entsprungen sein, mit einem Garten Eden hat das Dorf wenig gemein. So reizvoll es hier ist, so feucht ist es. Mit einem Garten Eden hat es wenig zu tun. Puerto Eden, das den man getrost als am Ende der Welt gelegen bezeichnen kann, hält den Rekord der regenreichsten Ortschaft der Welt. Hier regnet es an bis zu 350 Tagen im Jahr. Aber das klingt schlimmer, als es ist, denn es regnet nicht durchgehend den ganzen Tag, und mit etwas Glück lässt sich zwischen zwei Regenschauern die Sonne blicken.

Puerto Eden

Ebenso wie in Caleta Tortel gibt es hier nur Holzstege, keine Straßen, keine Autos. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist die Fähre, die ein- bis zweimal die Woche hier anlegt. Wir kommen an Weihnachten in Puerto Eden an und ankern in der Bucht. Verschiedene Freunde geben uns den Kontakt zu Greg und Kerry, die schon seit Jahrzehnten hier in Patagonien segeln und mittlerweile ein kleines Haus in Puerto Eden haben. Kurzerhand laden die beiden uns und die Crew eines anderen Segelbootes, das ebenfalls hier vor Anker liegt ein, gemeinsam Weihnachten zu feiern. Jeder bringt etwas mit, wir kochen ein Gulasch und bringen selbst gebackene Plätzchen mit, und es entsteht ein leckeres Buffet. Geschenke gibt es natürlich auch, die Kids freuen sich über neue Puzzle, Spiele, Bücher und, für Kira geht ein Wunsch in Erfüllung, unsere ausrangierte Kamera. Wir selbst haben uns während unseres Heimaturlaubs als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk eine neue Kamera gegönnt. Es wird ein wunderbar schöner Weihnachtsabend, zu späterer Stunde werden Instrumente hervorgeholt, Chello, Ukulele, Gitarre, und bis spät in die Nacht sitzen wir in lustiger Runde bei Wein und Musik zusammen.

Unterwegs zum Gletscher mit Blick auf den Nachbargletscher

Die nächsten Tage verbringen wir viel Zeit mit unseren neuen Freunden, Riki hilft an der Nähmaschine aus, ein paar Teile ihres Cockpitverdecks zu reparieren, und wir nutzen und genießen die Möglichkeit, Wäsche zu waschen und heiß zu duschen.

Von Puerto Eden bis Puerto Williams und Ushuaia ganz im Süden planen wir, ein bis zwei Monate unterwegs zu sein. Auf direktem Weg gibt es keine Ortschaft, das südliche Patagonien ist einer der letzten vom Menschen unangetasteten Naturräume der Welt. Boote sind hier kaum unterwegs, dass wir so wie in Puerto Eden auf eine andere Seglercrew treffen, kommt äußerst selten vor.

Hatten wir bis Puerto Eden viel Regen und schlechtes Wetter, sieht es so aus, als ob sich um den Jahreswechsel der Sommer doch noch blicken lässt. Sommer, das heißt Temperaturen im ein- bis niedrigen zweistelligen Bereich. Zum Jahreswechsel möchten wir am Brüggen-Gletscher sein, dem mit 66km Länge längsten ins Meer mündende Gletscher der Südhalbkugel (mal abgesehen von den Gletschern der Antarktis).

Kurs Gletscher

Am Brüggen-Gletscher

Die Tour zum Gletscher bedeutet zwar wieder einmal einen größeren Umweg, den der Anblick der fast fünf Kilometer breiten Gletscherzunge jedoch tausendmal wettmacht. Schon aus knapp 20 Seemeilen Entfernung (etwa 37 km) sieht die Gletscherzunge gigantisch aus und je näher wir kommen, desto größer und beeindruckender wird sie. Der Umweg zum Gletscher führt und nach Norden, das heißt gegen die vorherrschende Windrichtung und somit auch gegen das Eis. Der Gletscher kalbt unaufhörlich ins Meer, von ganz kleinen Brocken bis hin zu großen Eisbergen. Die großen Stücke sind gut zu sehen, die kleineren, knapp an der Wasseroberfläche schwimmenden sogenannten Growler sind die für uns Gefährlicheren, da sie oftmals nur schwer auszumachen sind. Oberhalb der Wasseroberfläche ist nur etwa ein Zehntel eines Eisberges zu sehen, der weitaus größere Teil schwimmt unter Wasser und ist in dem trüben Gletscherwasser nicht zu sehen.

Frohes Neues Jahr allerseits!

Wir manövrieren uns langsam durch das Treibeis und finden auf der Westseite einen eisfreien Zugang bis in unmittelbare Nähe des Gletschers. Die Sonne lässt sich blicken, ein paar Delfine schwimmen ums Boot und um uns herum wird die magische Stille vom Knacken, Plätschern und Donnern des Gletschers unterbrochen. Besser kann man das Jahr kaum beenden und ins neue Jahr starten.

Unsere Ankerbucht liegt nur etwa drei Meilen vom Gletscher entfernt. Wir bringen zwei Heckleinen aus und stoßen auf das alte und auf das neue Jahr an. Wenn das neue Jahr so voll an Begegnungen, Abenteuern und Erlebnissen wird wie das Alte, wird es uns mit Sicherheit nicht langweilig. Prost Neujahr.

Wo sind wir genau?

Wir haben die Seite „Wo segelt die ARACANGA?“ überarbeitet, so dass es wieder möglich ist, unsere aktuelle Position zu verfolgen: Wo segelt die aracanga? Unsere aktuelle Position – www.ahoi.blog

Euch wünschen wir von Herzen einen guten Start ins Jahr 2026 und schicken liebe Grüße, Eure Riki, Martin, Kira und Naia


Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen

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