Gambia River – 400 Kilometer im Landesinneren

400 Kilometer flussaufwärts

Wir befinden uns jetzt in einer Gegend, wo der Anblick eines Segelbootes mehr als nur ungewöhnlich ist. Bei Janjanbureh, auch Georgetown genannt, geht eine Stromleitung über den Gambia River, die das ganze Land als „The Cable“ kennt und für die meisten der wenigen Segelboote, die den Fluss befahren, den Umkehrpunkt markiert. Die Stromleitung verbindet die Insel MacCarthy (gesprochen: Makati) und die darauf befindliche frühere Hauptstadt Gambias Janjanbureh mit dem Stromnetz. Große Ortschaften und Städte sind an das nationale Stromnetz angebunden, ein Großteil der Dörfer und kleineren Ortschaften haben allerdings keine Stromversorgung. Geht man danach, wie häufig wir gefragt werden, ob wir „The Bridge“ oder „The Cable“ gesehen haben, sind dies die beiden Hauptsehenswürdigkeiten Gambias. Auf jeden Fall sind sowohl eine Stromversorgung als auch die Brücke über den Gambia River wichtige Errungenschaften für ein sehr armes Land wie Gambia. Für uns ist die Stromleitung über den Fluss häufiges Gesprächsthema, denn niemand kann uns gewiss sagen, ob unser Boot unter der Stromleitung hindurch passt. Die „aracanga“ ist etwas über elf Meter hoch und wenn wir die Leute fragen, ob wir durchfahren können lautet die Antwort meistens: „Yes, yes, no problem… but maybe you wait for low tide…“ Der Tidenunterschied beträgt bei Janjanbureh nur etwa einen Meter und so ganz wollen wir uns auf die Schätzungen der Einheimischen doch nicht verlassen… also bleibt uns nur eines übrig: ausprobieren. Wir bleiben eine Nacht vor Anker bei MacCarthy, verlängern hier unser Visum, füllen die Wassertanks auf und wagen dann den Versuch. Die Stromleitung hat an beiden Ufern hohe Masten und hängt über der Flussmitte weit durch. Der Plan ist, dass wir sehr nah am Nordufer voraus fahren und die „Streuner“ uns mit ca. 200 Metern Abstand folgen, so dass sie aus der Entfernung sagen können, ob sie die Stromleitung über unserem Masttopp sehen oder ob wir abdrehen müssen. Vom eigenen Boot aus ist es unmöglich, die Höhe abzuschätzen und dementsprechend aufgeregt sind wir, als wir auf „The Cable“ zufahren. Per Funk kommt die Ansage: „Kein Problem, ihr habt noch mindestens drei Meter Luft nach oben…“ … und wir sind drunter durch. Aufatmen. Jetzt sind wir über den Punkt hinaus, wo die wenigen Boote, die den Fluss befahren, in der Regel zum Umdrehen gezwungen werden. Für uns beginnt ein neues Abenteuer. Ab hier ist das Kartenmaterial deutlich ungenauer, oft fehlen für mehrere Seemeilen die Tiefenangaben, und Felsen und Untiefen sind in verschiedenen Karten an unterschiedlichen Stellen eingezeichnet.

Fährverbindung über den Gambia River

Die erste größere Ortschaft, die wir nach „The Cable“ passieren ist Bansang. Aber nach unserem Aufenthalt in Janjanbureh haben wir keine Lust auf Stadtleben, sondern fahren noch etwa eine Meile weiter um die nächste Flussbiegung, wo wir zufällig ein paar Nilpferde auf einer Sandbank sehen und uns spontan entscheiden, den Anker zu werfen und hier die Nacht zu verbringen. Auch ohne in Bansang an Land zu gehen spüren wir, dass das Leben einfacher wird, je weiter wir ins Landesinnere vordringen. Hier hat die Fähre über den Fluss keinen Motor, sondern sie wird mit einem Riemen am Heck gewriggt. Die Fähre ist ein einfaches, aus Blech geschweißtes Boot, etwa fünf Meter lang und zwei Meter breit. Mit solchen Gefährten werden Menschen, Vieh, Eselskarren und Mopeds transportiert. Autos gibt es hier so gut wie gar keine.

Schildkröten, Affen und Krokodile

Der „Monkey Court“

Am nächsten Tag geht die Fahrt weiter flussaufwärts, entlang einer karger werdenden Landschaft und den typisch afrikanischen, roten Felsen. Einer dieser Felsen ist der sogenannte „Monkey Court“, es wird gesagt, dass hier die Affen Gericht halten. Große Gruppen von mehreren hundert Pavianen können wir am Ufer, auf den Bäumen und auf den Felsen beobachten. Ein oder zwei Affen sitzen immer in den hohen Baumkronen, um den Rest der Gruppe, der mit der Futtersuche beschäftigt ist, bei herannahender Gefahr zu warnen. Neben den Pavianen gibt es viele Meerkatzen und andere Arten. Aber nicht nur Affen sehen wir. Hier oben ist das Wasser deutlich klarer, es gibt Wasserschildkröten und die seltenen Seekühe, von denen wir eine zu Gesicht bekommen. Auch können wir immer wieder bis zu dreieinhalb Meter große Krokodile vom Boot aus beobachten. Nachts kann man die Tiere sehen, wenn man mit einer starken Taschenlampe das Ufer ableuchtet, die Augen der Krokodile reflektieren gelb oder rot zurück und bei einem abendlichen Angelausflug mit dem Beiboot schwimmt ein großes Krokodil seelenruhig etwa zehn Meter neben unserem Dinghi her. Menschen werden normalerweise nicht von den Tieren angegriffen und vor dem Beiboot mit Außenborder haben sie Angst, trotzdem sind wir auch bei den extremen Temperaturen von 45 Grad und mehr sehr vorsichtig damit, ins Wasser zu gehen.

Temminck-Stummelaffen

Neben den vielen, spannenden und schönen Begegnungen mit Tieren gibt es allerdings auch wahre Plagegeister hier, die Tsetsefliegen und andere Moskitos. Tagsüber kommen die Tsetses regelmäßig ans Boot und lassen sich auch nicht von Rauchkringeln, Mückenspray oder Ähnlichem beeindrucken. Die Tiere sind allerdings glücklicherweise tagaktiv und nachts haben wir unsere Ruhe vor ihnen. In windstillen Nächten haben wir manchmal kleine Mücken an Bord, aber alles in allem hält es sich in Grenzen. Erst, wenn im Mai die Regenzeit beginnt, wird die Mückenplage hier im Landesinneren schlimm, trotzdem sind wir froh über unsere Mückengitter über Niedergang, Luke und Koje.

Meist fahren wir tagsüber ein paar Stunden auf dem Fluss und nutzen den Tidenstrom, der auch 400 Kilometer flussaufwärts noch deutlich zu spüren ist. Manchmal haben wir ein festes Ziel, manchmal suchen wir uns spontan einen schönen Ankerplatz wenn der Strom kentert. Wenn der Anker gefallen ist wird gekocht, meist einfache Dinge wie Reis mit Fisch oder Nudeln mit Sauce. Leckereien wie Schokolade oder Kekse sind längst aufgebraucht und auch Wein oder Bier gibt es schon seit geraumer Zeit nicht mehr an Bord, zu kaufen gibt es nur Grundnahrungsmittel. Einfach zu leben stört uns nicht, aber hin und wieder drehen sich die Gespräche doch um Gelüste wie ein Glas Wein oder ein kühles Bier. Entsprechend groß sind die Überraschung und die Freude, als wir in einer Flussbiegung so etwas wie eine Bar entdecken. Die Bar entpuppt sich als ein kleines Touristencamp und wir werden gleich auf ein kühles Bier eingeladen. Normalerweise steuern wir nicht gezielt Touristenplätze an und verbringen die Zeit am liebsten mit den Einheimischen, aber hier ist die Versuchung dann doch zu groß.

Geier auf der Suche nach Aas

Wie sich herausstellt wird das „Campement Madyana“ in erster Linie von Jägern besucht, geschossen werden hauptsächlich Warzenschweine, die sich Mangels der hier ausgerotteten Großkatzen wie Löwen zu einer Plage entwickelt haben. Die geschossenen Schweine werden zum Teil hier im Camp gegessen und zum größten Teil an die nicht-muslimische Bevölkerung verteilt. Auch werden verschiedene Überpopulationen von Vögeln geschossen und ebenfalls zum größten Teil an die Einheimischen weitergegeben, so profitiert jeder davon. Pascal, der Betreiber des Camps, nimmt uns einen Vormittag mit, um uns die verschiedenen Arten der Vögel zu erklären, Spuren der Tiere zu zeigen und über die Jagd, die hier streng reglementiert ist, aufzuklären. Wir bleiben für drei Tage vor Anker und genießen unseren kleinen „Urlaub“ bei den Jägern, die uns jeden Mittag und Abend zum Essen einladen und am Schluss sogar eine komplette Schweinshaxe mitgeben. Glücklicherweise hat der „Streuner“ einen Kühlschrank, denn wir essen drei Tage von der Haxe und auch die Katze freut sich über die Abwechslung im Speiseplan. Danke Pascal für Deine enorme Gastfreundschaft.

Die Kinder aus Diabugo Tenda

Nach unserem kulinarischen Zwischenstopp am „Campement Madyana“ heißt das nächste Ziel Diabugo Tenda, eine kleine Ortschaft am Flussufer. Die Ortschaft besteht nur aus zwei Großfamilien, von denen allerdings der Großteil einer Familie nach Banjul umgesiedelt ist. Auf die Frage nach der besten Verbindung nach Basse, die nächste größere Stadt wo es einen Geldautomaten gibt, wird gleich das einzige Moped des Dorfes startklar gemacht und nach einem wilden Ritt entlang von Sand- und Buckelpisten in die Stadt und wieder zurück sind unsere Bargeldreserven wieder aufgefüllt. Bei der Rückkehr ins Dorf begegnen wir einem alten Mann, den mir Lamin, der Mopedfahrer, als seinen Vater vorstellt. Wir unterhalten uns kurz mit dem Mann und fahren danach weiter zum Ufer, wo unser Dinghi liegt und eine Gruppe Männer im Schatten eines Mangobaumes sitzt. Einer der Männer steht gleich auf, begrüßt mich, und stellt sich als der Vater von Lamin vor. Vater, Bruder, Schwester, Onkel oder Tante, solche Bezeichnungen werden hier nicht so eng ausgelegt und Familie bedeutet hier nicht Mama, Papa, Kind sondern eine Großfamilie von mehreren Generationen. Und der Einfachheit halber werden alle gleichaltrigen als „brother“ oder „sister“ bezeichnet. Zur Großfamilie zählen etwa 20 Erwachsene und mindestens 30 Kinder. Sie betreibt die örtliche Fährverbindung über den Fluss und eine kleine Gold- und Silberschmiede.

Die lokale Silberschmiede

Diese besteht aus einer Feuerstelle mit einem in den Lehmboden „betonierten“ Blasebalg, zwei Ambossen, zwei Hämmern und sehr wenigen, alten Zangen. Hergestellt wird hier in erster Linie der traditionelle Schmuck der „Fula“, einer Kulturgruppe, die wir hier am Fluss neben den „Mandinkas“ am häufigsten antreffen. Mit dem Blasebalg, der von einer alten Fahrradfelge und einem Keilriemen aus zusammengeknoteten Gummiresten betrieben wird, gibt es allerdings ein Problem: Die Achse, die links und rechts von je einer Kugel gelagert wird, springt dauernd aus ihrer Führung. Für eine Reparatur fehlen die einfachsten Werkzeuge, die wir glücklicherweise an Bord haben. Wir bauen einen neuen Bolzen mit Kontermutter ein, setzen eine Kegelbohrung, dass die Lagerkugeln nicht mehr abhauen können und setzen den Blasebalg wieder zusammen. Mit der Reparatur des Blasebalgs, der für das Einkommen der Familie essentiell ist, können wir uns für die große Hilfsbereitschaft zumindest ein wenig bedanken. Die Gastfreundschaft geht hier so weit, dass es uns schon fast unangenehm ist, wir bekommen sogar morgens frisches Tabalabba (das einheimische Brot), Orangen und Eier ans Boot geliefert.

Fähranleger, Waschküche und Kinderspielplatz

Für die Kinder und Jugendlichen sind die „Toubab“, wie wir hier genannt werden, die große Attraktion im Dorf. Den ganzen Tag über sitzen kleine Gruppen Halbwüchsiger am Ufer und beobachten uns, es ist ein bisschen wie im Zoo, nur andersherum. Stühle und Sitzgelegenheiten werden am Fluss zurechtgerückt und sobald sich einer der „Toubab“ bewegt gibt es große Aufregung auf den Rängen und weitere Zuschauer kommen herbei geeilt. An Land werden wir, wie in den anderen Dörfern auch, von den Kindern in Beschlag genommen, die allerdings hier etwas zurückhaltener sind, da sie vermutlich noch nie oder nur sehr selten einen „Toubab“ gesehen haben. Wir haben eine wundervolle Zeit in dem kleinen Dorf Diabugo Tenda, dementsprechend schwer fällt uns auch der Abschied, zu dem fast das ganze Dorf winkend am Ufer steht.

Diabugo Tenda ist für uns der Umkehrpunkt unserer Flussreise auf dem Gambia River. Es ist extrem heiß, jeden Tag über 45 Grad, und die Fischernetze und Fischreusen der Einheimischen ergeben manchmal ein Labyrinth, das auf den ersten Blick nur schwer zu durschauen ist und die Navigation oft sehr schwierig gestaltet. Teilweise sind Netze über den kompletten Fluss gespannt, welcher hier relativ schmal ist, und wir können nie sagen, wie tief die Netze unter der Oberfläche treiben. Mit unserem Tiefgang von 1,7 Metern wird es zusehends schwieriger, den Fluss zu befahren.

Vor Anker bei Madyana

Wir wissen zwar ungefähr, wo es Felsen und Untiefen gibt, allerdings werden die schmalen Durchfahrten oft durch Fischernetze erschwert. Wir haben uns nicht festgelegt, wie weit wir den Fluss befahren möchten und sind mittlerweile sehr weit gekommen. Hier 400 Flusskilometer von der Küste entfernt umzukehren ist in Ordnung für uns, sehr viel weiter würden wir auch nicht mehr fahren können. Wir haben das Gefühl, den Fluss mit seinen äußerst gastfreundlichen Bewohnern, der überwältigenden Tierwelt und Vegetation gut kennengelernt zu haben. Jetzt freuen wir uns darauf, langsam wieder in Richtung Banjul zu tuckern, ein paar neue und ein paar bekannte Plätze anzusteuern und auf ein etwas milderes Klima an der Küste.

Herzliche Grüße von Bord senden die „aracangas“ Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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5 Kommentare

  1. Sehr schön, wie ihr alles erlebte beschreibt. Man hört förmlich die Fauna im Hintergrund, nimmt die Gerüche der Landschaft als auch der jeweiligen „Dorfzivilisation“ wahr und empfindet lebhaft, welche Freude eure Besuche sowohl bei euch als auch den Bewohnern der Dörfer auslöst. Gelungen!
    p.s. Vielen Dank für eure mail. Ich freue mich, wenn ich unterstützen konnte und wünsche euch viel Erfolg mit dem Projekt Bombale! Liebe Grüsse, Peter

  2. Hallo
    Wieder ein toller Bericht. Ist schon irre in eine Gegend mitgenommen zu werden wo man selber nicht hinkommt. Euch eine glückliche Rückfahrt zum Meer natürlich immer mit der berühmten Handbreit wünschen die Buschis

  3. na das ist ja noch ein richtiges abenteuer.kann mich noch errinnert das welche den orinoko hochgefahren sind dann das boot 70 kilometer ueber land an den rio negro transportiert haben und dann weiter den amazonas runtergefahren sind.weiterhin viel erfolg fahre jetzt nach phuket zurueck das boot kommt aus dem wasser und dann gehts zurueck zum schwarzeald

  4. Eure Berichte sind immer wieder toll zu lesen und machen Lust auf mehr. 400 km mit Eurem Segelschiff, das ich auf Sal ja kurz sehen durfte, flussaufwärts ins tiefere Afrika – Wow!

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