Große Baustelle, große Ernüchterung

Die ARACANGA auf dem Slipwagen
Die ARACANGA kommt aus dem Wasser

Nach einer langen Segelsaison steht während der Hurrikanzeit viel Arbeit an Bord an. Hier in Guatemala holen wir die ARACANGA aus dem Wasser, um das Unterwasserschiff neu zu machen und neue Seeventile einzusetzen. Seeventile sind all die Borddurchlässe, wo Wasser in das Boot kommt, zum Beispiel das Kühlwasser für den Motor, die Zuleitung vom Wassermacher oder das Spülwasser für die Toilette, oder wo Wasser aus dem Boot geht, wie z.B. die Abflüsse von Spüle, Waschbecken und Toilette oder die Lenzrohre vom Cockpit. Es sind zwölf Seeventile an der Zahl und wir werden die 43 Jahre alten Messingteile, die sich teilweise nicht mehr schließen lassen, gegen moderne Kunststoffventile austauschen, die sich nicht viel aus Rost, Oxidation und Elektrolyse machen. Auch sonst stehen einige Arbeiten an, für die das Boot jedoch nicht unbedingt an Land stehen muss, wie z.B. Relingstützen neu einsetzen, Fußreling und Deck lackieren, Maschine warten etc.

Die ARACANGA kurz vor dem Slippen
Von der einen Seite kommen wir, von der anderen Seite der große Traktor

Genau vor einem Monat: Wir fahren das Boot an die Sliprampe und von der anderen Seite fährt der große Traktor mit dem noch größeren Anhänger die Rampe hinunter. Nach einigem Feinjustieren sitzt die alte Dame dann fest im Sattel und wird langsam und vorsichtig an Land gezogen. Spannend. Zum ersten Mal sehen wir unser Boot außerhalb ihres Elementes. Gut sieht sie aus. Das alte Antifouling blättert zwar ein bisschen ab, aber da wir das Boot sowieso sandstrahlen lassen wollen, stört uns das wenig. Auf den ersten Blick sehen wir keine schadhaften Stellen.

Die Ernüchterung

Beim Sandstrahlen
Beim Sandstrahlen des Unterwasserschiffs

Schon am nächsten Tag ist es soweit. Auf beiden Seiten der ARACANGA hängen dicke Planen bis auf den Boden, der große Generator brummt und (unser mittlerweile Freund) Frendi bläst Quadratzentimeter für Quadratzentimeter altes Antifouling und alten Primer vom Rumpf. Viereinhalb statt der prognostizierten eineinhalb Tage ist er beschäftigt und was unter der Farbe zum Vorschein kommt, lässt uns zunächst einmal kräftig schlucken: An einigen Stellen haben wir Osmoseblasen, was jedoch kein riesiges Problem zu reparieren und bei einem GFK-Schiff nicht ungewöhnlich ist, an Backbord jedoch kommen alte Reparaturen zum Vorschein, die nicht nur unprofessionell, sondern extrem schlecht ausgeführt wurden. Schnell wird uns klar, dass wir hier größere Baustellen haben und mit Sicherheit die nächsten zwei Monate damit beschäftigt sein werden, Hurrikanschäden von vor 30 Jahren sowie einen alten Blitzschaden erneut und diesmal professionell zu reparieren. Der alte Hurrikanschaden von 1995, als damals Hurrikan Luis über die Karibik gefegt ist, ist uns durchaus bewusst. Der Schaden wurde in Trinidad von einer bekannten Werft repariert, was eigentlich Info genug sein sollte, dieser Reparatur zu vertrauen. In diesem Fall jedoch hat die Werft einfach viel Geld von der Versicherung eingestrichen und eine Arbeit unter aller Sau abgeliefert. Anstatt die Oberflächen ordentlich vorzubereiten wurde Epoxidhard schlecht angemischt und einfach auf vorhandenes Antifouling laminiert, was zum einen niemals eine feste Verbindung geben wird, zum anderen ist es vorprogrammiert, dass somit Feuchtigkeit ins Laminat gelangt.

Schlechte Reparaturen

Nach dem Sandstrahlen wird der Rumpf mit Hammer und Meißel, Flex und Brecheisen von den alten Reparaturen befreit. Es tut richtig weh, zuzuschauen, wie große, dicke Schichten altes Laminat herausgerissen werden. Aber: Frendi und seine Crew sind immer wieder erstaunt und begeistert, wie stabil und dick der Rumpf der ARACANGA ist, bei anderen Booten wären wir schon längst durch den Rumpf im Innenraum angekommen. Mit unserem einige Zentimeter dicken Rumpf sind wir an den schlimmsten Stellen nicht einmal halb durch das Material. Das ist das Schöne an GFK, es lässt sich relativ einfach reparieren und wiederaufbauen. Wenn das Boot in hoffentlich ein, zwei Monaten wieder schwimmt, wird der Rumpf wieder genauso dick und stark sein, wie vor Hurrikan Luis.

Das Schiff und die Struktur machen uns keine Sorgen, alles ist um ein vielfaches dicker und stärker ausgelegt als bei sämtlichen anderen Booten um uns herum. Was uns eher Sorgen bereitet ist unsere Bordkasse, denn auf solche Reparaturen und die damit verbundenen Kosten sind wir nicht vorbereitet. Die Reparaturen alleine, ohne die Hilfe der Werft, zu erledigen, kommt nicht in Frage. Hier sind viele helfende Hände gefragt. Also müssen wir in den sauren Apfel beißen und hoffen, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen und nicht sämtliches Erspartes draufgeht. Bislang, toitoitoi, sind die Angebote zwar für uns sehr teuer, aber sehr, sehr fair.

Sparprogramm

Naia und Kira vor dem Bungalow
Unser Domizil für die kommenden Wochen

Wir streichen unsere Ausgaben radikal auf das nötigste zusammen, jegliches nicht unbedingt notwendige Extra wird erstmal nach hinten verschoben. Neue Lackierung über Wasser, Coppercoat, feste Reling, zusätzlicher Dieseltank, Matratzen, das alles muss vorerst warten. Während das Boot auf dem Trockenen steht und täglich in einer Wolke aus Sand und Schleifstaub, Aceton und Polyesterharz gehüllt ist, wohnen wir auf der anderen Seite des Flusses in einem kleinen Bungalow. Mit den Kids auf dem Boatyard im Schleifstaub zu wohnen ist unmöglich. In den beiden Bungalows links und rechts von uns wohnen gute Freunde, deren Boote auch gerade auf dem Trockenen stehen, und rund um die Hütten streunen Truthahn, Hühner und Hunde. Einer von uns fährt jeden Tag auf die Baustelle, um an Bord zu arbeiten, und Kira fragt bereits jeden Tag, wie lange wir denn noch in dem Haus wohnen müssen und wann wir wieder auf das Boot können: „Ich will wieder segeln und am Sandstrand spielen und schnorcheln.“ Ein paar Wochen wird sie sich wohl noch gedulden müssen, und so schlecht findet sie unsere kleine Landpartie dann doch nicht. Es ist schön hier, wir hätten es wirklich schlechter erwischen können mit unserer Unterkunft, aber wir freuen uns alle schon wieder riesig darauf, zurück an Bord ziehen zu können.

Altes neues Beiboot

Unser Dinghy
Das neue alte Dinghy

Nicht nur die ARACANGA, auch unser Dinghy, das im ständigen Dauereinsatz ist, benötigt etwas Liebe und Zuneigung. Noch bevor das große Boot aus dem Wasser kam, haben wir uns darum gekümmert. Nachdem die Schläuche unsers Dinghys so langsam am Ende ihres Lebenszyklus sind, wir das ständige Pumpen und Kleben des Schlauchbootes satthaben, und wir ohnehin schon seit einiger Zeit mit einem festen Dinghy liebäugeln, ist es an der Zeit, etwas zu tun: Gemeinsam mit Hugo, einem einheimischen Bootsbauer, entsteht der Plan, unser Schlauchboot in exakt der gleichen Form aus GFK zu bauen. Der Fiberglasboden ist der Originale, die Schläuche jedoch werden abgenommen, in zwei Halbschalen mit Glasfaser und Polyesterharz überzogen, dann wird der alte Schlauch entfernt, die festen Teile miteinander verbunden und wieder an den Boden laminiert. Somit haben wir jetzt ein festes Beiboot mit den Vorteilen eines Schlauchbootes wie z.B. Unsinkbarkeit und Stabilität. Für uns ist das der günstigste Weg zu einem neuen, langlebigen Beiboot und für Hugo der Start einer neuen Geschäftsidee.

Nächste Phase: Der Wiederaufbau

Die ARACANGA nach dem Schleifen
Die Drecksarbeit ist erledigt

Zurück zur ARACANGA. Einen Monat stehen wir jetzt auf dem Trockenen, das Boot ist bis auf den Kiel komplett gesandstrahlt und geschliffen, das Ruder ausgebaut und geschliffen und die dreckige Vorarbeit zum größten Teil erledigt. Im Moment trocknet das Boot und demnächst wird es dann mit dem Wiederaufbau losgehen. Die Reling ist bereits neu eingesetzt und auch das Relingnetz wieder gespannt. Unter Deck haben wir den Motor gecheckt ein kleines Ölleck am Getriebe hoffentlich endgültig beseitigt, die Seeventile sind alle ausgebaut und neue bestellt. Der hässliche Teil, wenn alles auseinandergerissen wird, die Schrauben gegen den Uhrzeigersinn gedreht werden und Dreck und Staub regieren, ist passiert. Ab jetzt werden Schrauben rechtsherum gedreht, Löcher gestopft und Material neu auflaminiert. Hoffen wir, dass das Boot bald wieder schwimmt und auch die Bordkasse dann noch etwas flüssig ist, denn wir haben noch viele Pläne für die kommenden Jahre.

Soweit für heute. Viele liebe Grüße aus Guatemala senden

Riki und Martin, Kira und Naia

Gute Kleidung für schlechtes Wetter. Mit unserem Marinepool Gutscheincode AHOI10 gibt es zehn Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment von Marinepool

–> u n s e r e K a f f e e k a s s e <–

Ein Kommentar

  1. Jetzt bin ich überzeugt, dass ich mir ein Segelboot kaufen möchte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert