Nach Süden gepustet – Von den Kanaren auf die Kapverden

29.11.2018, 10.00 Uhr UTC: Die zweite Nacht ist vorbei und ein beständiger Passatwind schiebt uns von den Kanaren nach Süden in Richtung Kapverden. Seglerisch gibt es wenig zu tun für uns, das Großsegel haben wir schon ziemlich zu Anfang wieder eingeholt und sind seitdem unter Genua unterwegs. Der Wind weht gleichmäßig mit 15 bis 20 Knoten und sorgt für eine Bootsgeschwindigkeit von permanent zwischen vier und fünfeinhalb Knoten. Von schräg achtern rollt eine teilweise noch etwas ungleichmäßige, nervöse Welle mit ca. 1,5 Metern heran, die Boot und Crew zeitweise ordentlich durchschüttelt und hoffentlich, je weiter nach Süden wir kommen, mehr und mehr einer gleichmäßigen, langen Dünung weichen wird. Die Höhe einer Welle ist nicht das was sie unangenehm macht, sondern die Frequenz, sprich die Zeit von Wellenkamm zu Wellenkamm. Eine kurze, steile Welle mit nur einem halbem Meter Höhe ist viel unangenehmer als eine lange, hohe Welle, die man gemächlich rauf fährt, oben die Aussicht genießt und dann wieder langsam ins Wellental hinabgleitet.

Wie bei jeder Überfahrt müssen wir uns erst einmal an die Bootsbewegungen und den Wachrhytmus gewöhnen und bekommen in den ersten Nächten eher wenig Schlaf ab. Viel mehr sind wir nachts damit beschäftigt, eine Schlafposition zu finden, in der man nicht permanent durch die Koje rollt, um dann für ein paar Minuten die Augen zu zu machen, bis wieder eine quer laufende, hohe Welle an die Bordwand kracht. Von sieben Uhr abends bis neun Uhr am Morgen hat jeder sieben Stunden Wache und sieben Stunden Schlafenszeit, um zwei Uhr nachts wird gewechselt. Um den verpassten Schlaf nachzuholen legen wir uns tagsüber nochmal ein, zwei Stunden hin, Riki meist am Vormittag nach ihrer Nachtwache und ich am späten Nachmittag vor meiner Wache. Tagsüber haben wir keinen festen Wachrhytmus. Noch ist es nachts kühl und feucht draußen und für die Nachtwachen packen wir uns mit langen Klamotten, Schuhen, Ölzeug und Mütze ein, dazu gibt´s eine Kanne heißen Tee. Die Zeit vergeht mit lesen, schreiben und Musik hören und falls die Müdigkeit einen übermannt, wird die Eieruhr auf eine viertel Stunde gestellt und dazwischen gedöst. Andere Schiffe sehen wir selten, höchstens eines pro Nacht, Tendenz abnehmend. Steuern müssen wir nicht, das erledigt unsere Windfahnensteuerung.

 


Wer ist noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken?

–> Hier gibt es unseren aracanga-Fotokalender 2019 <–


 

Logbucheintrag vom 01. Dezember 2018: In der Nacht war es windig und wellig, der Wind hat auf ca. 25 Knoten von achtern zugelegt und wir sind immer wieder hohe, sich brechende Wellen heruntergesurft. Top-Speed: 10,7 Knoten. Die aracanga und die Aries Windfahnensteuerung machen ihren Job super, wir müssen kein einziges Mal eingreifen, um das Boot auf Kurs zu halten. Das Groß ist seit Anfang der Überfahrt unten, wir variieren lediglich die Größe der Genua. Im Schnitt machen wir ca. 4,5 Knoten und jeden Tag über 100 Meilen, was ein gutes Etmal für unsere Kleine ist. Heute Nachmittag ist Halbzeit, dann sind es noch 400 Meilen bis nach Sal.


 

Es weihnachtet sehr

02.12.2018: Heute ist der erste Advent. Und wir haben sogar zwei Adventskalender an Bord. Den einen – ein ganz einfacher mit einem kleinen Stück Schokolade für jeden Tag – haben wir bei unserem letzten Großeinkauf beim Lidl in Las Palmas mitgenommen. Den anderen Adventskalender gab es zu unserer großen Überraschung von zu Hause, ein kleines Paket für jeden Tag. Karin vom Streuner, die für ein paar Tage in Deutschland war, hat uns das große Paket mit den vielen kleinen Paketen darin mitgebracht und kurz vor unserer Abfahrt übergeben, öffnen durften wir es allerdings erst am 01. Dezember. Mittlerweile weihnachtet es bei uns an Bord schon etwas, mit Adventskalendern, Lebkuchen und Vanillekipferln, einer Weihnachtsgirlande (die war im ersten Türchen drin) und sogar eine Flasche Glühwein haben wir an Bord.

Es ist relativ warm – um die 25 Grad – auch wenn es sich durch den kräftigen Wind deutlich kühler anfühlt. Dieser hat in den letzten beiden Tagen etwas zugelegt und schiebt und kräftig nach Süden. Mit dem Wind hat auch die Welle auf zweieinhalb Meter zugenommen und immer wieder sind große Brecher mit an die vier Meter Höhe dazwischen. Die kleine aracanga wird ganz schön durchgeschüttelt und legt sich weit von links nach rechts und wieder zurück. Im Moment ist nur ein kleiner Fetzen Genua ausgerollt. Das reicht, um das Boot bei vier bis sechs Knoten Geschwindigkeit auf Kurs zu halten. Konnte man vor ein paar Nächten in den Nachtwachen noch komfortabel im Cockpit stehen, einen Fuß auf der linken und einen Fuß auf der rechten Sitzbank und mit einer Tasse Tee nach vorne auf die Sprayhood gelehnt, ist im Moment nicht mehr daran zu denken. Sitzen, einkeilen, abstützen und festhalten ist angesagt, um nicht durchs Cockpit oder durch die Kajüte zu purzeln. Wir haben noch 320 Seemeilen bis auf die nordöstlichste Kapverdeninsel Sal und gut über die Hälfte der insgesamt 800 Seemeilen liegen in unserem Kielwasser.

 


 

Kurs Kapverden

05.12.2018: Die letzten drei Tage hat sich die Überfahrt zu einem wahrhaftigen Traum entwickelt. Es ist warm geworden, tagsüber sogar richtig heiß, Wind und Welle haben abgenommen und auch das Wasser wird langsam wärmer. Die kurze Welle ist einer langen, angenehmen Atlantikdünung gewichen und der Wind weht beständig mit zwischen 10 und 20 Knoten von achtern. Nachts haben wir einen sternenklaren Himmel, sehen bei wunderbaren Nachtwachen keine fremden Boote mehr, dafür vor uns das Kreuz des Südens und hinter uns gerade noch so den großen Wagen und den Polarstern. Haben wir bis vorgestern so gut wie keine Tiere gesichtet, werden wir jetzt regelmäßig von Delfinen begleitet, die in unserer Bugwelle spielen und nachts im Meeresleuchten glitzernde Bahnen hinter sich her ziehen. Auch die aracanga malt nachts eine Glitzerspur ins Meer, die sich einige Meter hinter dem Boot in den Wellen wieder verliert. Auch sind hier wieder einige Vögel unterwegs, hauptsächlich Wasserläufer und braune Tölpel, die wir mit unserem Buch über Meeresvögel identifizieren können. Wir haben auch schon ein paar Meeresschildkröten von stattlicher Größe gesichtet, die, wenn wir an ihnen vorbeisegeln, neugierig den Kopf aus dem Wasser heben und uns nachschauen, genau wie wir dann neugierig an der Reling stehen, bis das Tier seine Reise fortsetzt und in einer Welle wieder verschwindet. In dem täglich wärmer werdenden Wasser sehen wir auch wieder fliegende Fische. „Fliegen“ die Fische auf der Flucht vor einem Fressfeind bei Tageslicht knapp über der Wasseroberfläche für teilweise mehrere hundert Meter, schießen sie nachts senkrecht aus dem Wasser nach oben, was hin und wieder mit einer Bruchlandung bei uns an Deck endet.

Ein Pottwal – deutlich größer als die aracanga

Gestern Nacht hat ein Exemplar von ca. zehn Zentimeter länge eine besonders saubere Notlandung hingelegt, nämlich genau in einer der Taschen neben dem Niedergang und dort wiederum genau in Rikis leeren Trinkbecher, wo er mit viel Getöse auf sich aufmerksam gemacht hat, bis er aus seiner misslichen Lage wieder befreit wurde. Manch nicht ganz so glücklichen Kollegen finden wir erst am nächsten Morgen vertrocknet an Deck, ebenso kleine Tintenfische, die, man würde es ihnen nicht zutrauen, anscheinend auch ziemlich hoch aus dem Wasser springen können. Aber die mit Abstand beeindruckendste Begegnung war ein Pottwal, deutlich größer als die aracanga. Der Wal ist in aller Seelenruhe nur einen Meter neben uns vorbeigeschwommen und hat uns neugierig begutachtet. Ein Stück hinter unserem Boot hat er seine Fluke in die Luft gestreckt hat und ist abgetaucht.

Aktuell sind wir ca. 30 Meilen vor Sal und wir haben die Segelfläche trotz des mittlerweile schwachen Windes auf ein Minimum reduziert, um nicht in der Nacht anzukommen. Mal sehen, ob unser Timing wieder so gut funktioniert wie auf den letzten Überfahrten, wo wir immer kurz nach Sonnenaufgang den Anker geworfen haben.

06.12.2018: Unser Timing hat funktioniert, kurz nach Sonnenaufgang sind wir in Palmeira angekommen und wir liegen ruhig und sicher vor Anker.

 

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2012 


 

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Ein Kommentar

  1. Shlomo Rabinowitz

    Absolut beeindruckende Bilder. Grossartig! Aber warum ist auf den ersten dreien die Erde derart gekrümmt? Ist das der Aufnahmewinkel oder habt ihr schon das Ende der Welt erreicht? Jetzt schon? Das Ende der Welt ist nur wenige Tage Segeln von Gran Canaria entfernt? Wo hört sie dann auf? Und wo ist dann der gute alte Chris K. damals hingesegelt: Irland?
    Gute Fahrt weiterhin, wünscht euch euer Shlomo

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