Wetterlotterie im Englischen Kanal

Cherbourg

Das Wetter im Englischen Kanal ist sehr wechselhaft
Wetterlotto im Hafen von Cherbourg

Zwei Wochen Wetterlotterie, so kann man kurz und knapp unseren Aufenthalt in Cherbourg beschreiben. Jeden Tag checken wir verschiedene Wind- und Wettervorhersagemodelle und kommen jeden Tag zu dem Schluss, dass wir wohl noch ein paar Tage länger bleiben, so wie das Wetter im Englischen Kanal aussieht. Ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen jagt durch vorbei und bringt meist starken Westwind und eine unangenehme Welle mit sich – keine Bedingungen, bei denen wir gerne draußen sind und gegen die Elemente ankreuzen. Also ist abwarten und weiterhin Wetterberichte checken angesagt.

Cherbourg ist nicht besonders schön, dafür voller Charme, netter Cafés und freundlicher Menschen. Steffi und Victor, Freunde die hier in Cherbourg wohnen, holen uns nach ihrer Arbeit ab und gemeinsam gehen wir zum Surfen an den Strand, treffen uns in der Mittagspause zum Essen auf dem lokalen Markt und abends zum gemütlichen Soirée mit ihrem Freundeskreis mit Wein, Fondue und dem gesamten Freundeskreis bei ihnen zuhause. Dann ist da noch die „Cité de la Mer“ gegenüber des Yachthafens, eine tolle Mischung aus Aquarium und Museum. Hier gibt es drei Teile, eine multimediale Ausstellung mit großen Bildschirmen, Beamern und Aquarien über das Leben im Meer, das französische Atom-U-Boot „Le Redoutable“ und eine Ausstellung über die Titanic, die vor ihrer Abfahrt über den Atlantik einen Zwischenstopp in Cherbourg eingelegt hat. Leider blieb uns mit Baby der Eintritt in die „Redoutable“ verwehrt. Beim Anblick der langen Schlange vor dem U-Boot und da die Aussicht, sich mit so vielen Leuten in eine engen Metallröhre zu zwängen trotz Mundschutz irgendwie nicht zu unserem Verständnis von Abstand halten passt, ist die Enttäuschung dann gar nicht so groß. Trotzdem, der Besuch der „Cité de la Mer“ lohnt sich, selbst ohne der Besichtigung der Hauptattraktion.

Riki und Kira
Kira im Autobus, wie wir ihren aracanga-roten Buggy getauft haben

Kira ist der Star am Steg. Sind wir normalerweise schon sehr kontaktfreudig, lernt man mit Baby noch schneller die Bootsnachbarn kennen. Sobald wir mit unserer neuen Errungenschaft, einem aracanga-roten Buggy für die Kleine, über den Steg laufen, klettern die Damen von den Nachbarschiffen über die Reling, um mit Kira zu schäkern. „Wooo ist die Kira?“ – „Daaaa!“, dieses Spiel klappt auf allen Sprachen und wird auch nach dem zehnten und hundertsten Mal nicht langweilig. Kiras Hauptattraktion in der großen Marina hingegen ist zweifellos der Wickelraum, den wir regelmäßig fluten. Hier gibt es eine große Babybadewanne, deren Anblick alleine schon für laute Freudenjauchzer sorgt. Sobald dann Wasser eingelassen ist, gibt es kein Halten mehr und es wird geplanscht, dass das Wasser nur so spritzt.

Ansonsten nutzen wir die Wartezeit, um ein paar Arbeiten an Bord zu erledigen. Zweifelloser Spitzenreiter in der Unbeliebtheitsskala der Reparaturen ist die verstopfte Entlüftung des Fäkalientanks. Details erspare ich Euch, aber es war ein Sch… Job!

Hier in Cherbourg verlässt uns Jochem um zurück zu seiner Familie und seinen Liebsten zu fahren. Schade, es war schön mit Dir! Ab hier sind wir zu viert an Bord: Kira plus Eltern plus Opa Peter.

Großeinkauf
Ein letzter Einkauf bevor es losgeht

Schön war‘s in Cherbourg, aber nach über zwei Wochen reicht es dann auch und wir freuen uns, als das vielversprechend aussehende Wetterfenster für Ende der Woche Tag für Tag stabil auf der Vorhersage ist. Samstag Früh geht es los, so ist der Plan. Der Wind kommt aus nördlichen Richtungen und wir möchten nach Süd-West, perfekt. In der Nacht von Freitag auf Samstag kann keiner von uns viel schlafen, denn der Wind nimmt so an Stärke zu, dass sämtliche Masten im Hafen ein Kreischkonzert veranstalten und wir am Morgen an vieles, aber sicher nicht ans Ablegen denken. Also verschieben wir das Auslaufen zunächst auf den Abend, aber auch dann macht das Wetter wenig Lust auf Segeln. Dennoch legen drei Boote aus dem Hafen ab, um ein bis zwei Stunden später wieder zurück im Schutz der Marina zu sein. Am Sonntag in der Früh geht es dann wirklich los.

Waschen, schleudern, trocknen. Von Cherbourg nach Brest

Um neun Uhr in der Früh machen wir die Leinen los. Es pfeift immer noch kräftig und die Wellen, die wir durch die Hafenausfahrt und in den Vorhersagen sehen, lassen wenig Vorfreude auf das Wetter im Englischen Kanal aufkommen. Trotzdem, die Vorhersage lässt zwar einen schaukeligen und nassen Start, aber dann eine angenehme Überfahrt erwarten. Genau so ist es. Im Vorhafen setzen wir das doppelt gereffte Großsegel und schon in der Hafenausfahrt werden wir ordentlich durchgeschüttelt. Die Wellen sind etwa zwei Meter hoch, was nicht so schlimm ist, kommen jedoch aus zwei verschiedenen Richtungen und sind somit manchmal kaum kalkulierbar. Immer wieder überlagern sich die beiden Wellensysteme und lassen große Brecher gegen den Rumpf der Ivalu donnern. Wir setzen die Fock und schalten den Motor aus.

Mit der Tidenströmung machen wir gute Fahrt voraus, von schönem Segeln kann man jedoch nicht sprechen. Eingepackt in Schwimmweste und Ölzeug bekommen wir einige Duschen im Cockpit ab und wie ein wildgewordenes Pferd kämpft sich die Ivalu durch die Welle. Es fühlt sich an wie in einer Waschmaschine beim Schleudern. Riki liegt mit Kira unter Deck, hier ist zwar der Waschfaktor geringer, der Schleuderfaktor jedoch deutlich unangenehmer und den beiden ist nicht ganz wohl zumute.

Martin und Kira
Von Meile zu Meile wird die Überfahrt schöner

Von Cherbourg aus müssen wir zunächst einige Meilen nach Nord-Westen um mit etwas Abstand das Kap de la Hague und dann die Insel Alderney zu runden. Die Ecke ist bekannt für seine unangenehme Welle und wir freuen uns beim Blick auf die Logge, die über weite Strecken zweistellige Werte anzeigt. Hier ist die Tidenströmung besonders stark und schiebt uns ordentlich an. Nach Alderney, als hätte jemand den Schalter umgelegt, kommt die Sonne raus und die Welle nimmt beträchtlich ab. Jetzt beginnt der schöne Teil der Überfahrt. Der Wind weht konstant bis am nächsten Morgen und die Sonne trocknet und wärmt. So macht segeln Spaß und wir sind wieder versöhnt. Nachts ist es zwar kalt, aber ein paar Schichten lange Unterwäsche und zwei Kannen heißer Tee machen die Temperaturen erträglich. Um elf Uhr am nächsten Morgen haben wir die Ile d’Ouessant voraus. Leider dreht auch um elf Uhr der Tidenstrom gegen uns und wir entscheiden uns, nicht durch den „Chenal du Four“, die schmale Passage zwischen der Insel und dem Festland, zu fahren, sondern den weiteren Weg außen herum zu wählen. Der Kanal ist berüchtigt für seine starken Tidenströmungen von bis zu fünf Knoten. Um die Insel herum ist es wunderschön, wir werden von Delfinen besucht und das Wetter lässt sämtliche Salzwasserduschen vom Morgen zuvor vergessen, jedoch sind die Tidenströmungen um die Insel herum ebenso kräftig, so dass wir weitaus später ankommen als wären wir durch den Pass gefahren. Aber zum Glück geht es ja nicht um Zeit.

Die Einfahrt in die Bucht von Brest – unbeschreiblich schön!
Kira in Camaret
Endlich angekommen – Kira in Camaret sur Mer in der Bretagne

Kurz nach Sieben fahren wir entlang der Steilküste in die große Bucht von Brest und in den Hafen von Camaret sur Mer, einem idyllischen Fischerdorf am Eingang der Bucht. Hier gefällt es uns auf Anhieb, die Hafeneinfahrt ist wunderschön und zum ersten Mal auf dieser Reise kommt das Gefühl auf, weit weg zu sein.

Und jetzt beginnt ein neues Kapitel der Wetterlotterie: Wir warten auf ein gutes Wetterfenster, um die Biscaya zu überqueren.

Viele Grüße von Bord senden

Peter, Riki, Martin und Kira

–> unsere Kaffeekasse <–

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