
Vom gigantischen Pio-Gletscher aus geht unsere Reise weiter nach Süden. Unser Ziel Puerto Williams, die südlichste Ortschaft der Welt, ist noch etwa 500 Meilen entfernt. Unter normalen Bedingungen auf einer Ozeanüberfahrt könnten wir diese Distanz in drei bis vier Tagen zurücklegen. Hier in den Kanälen, wo wir nur tagsüber und bei gutem Wetter unterwegs sind, und natürlich den ein oder anderen Umweg zu diversen Highlights in Kauf nehmen, kalkulieren wir etwa zwei Monate für diese Strecke. Unser erstes Etappenziel ist die Magellanstraße, ein Seeweg zwischen dem südamerikanischen Festland und der Insel Feuerland, der, wie der Name schon sagt, von Ferdinand Magellan entdeckt wurde, und zwar im Jahr 1520.

Die Gegend hier ganz im Süden des Kontinents ist vor allem bekannt für ihr schlechtes Wetter und ihre Stürme. Je südlicher, je stürmischer. Südlich des 40. Breitengrades wird das Wetter von ständigen Westwinden beherrscht, die nur durch Patagonien im Norden und durch die antarktische Halbinsel im Süden gebremst werden. Wir befinden uns mittlerweile südlich von 50 Grad Süd. Wettervorhersagen mit 40, 50 und mehr Knoten sind keine Seltenheit. (1 Knoten entspricht 1,85 km/h). Für solche Bedingungen suchen wir uns eine sichere Ankerbucht, wo wir uns mit einem oder zwei Ankern und mehreren langen Leinen, die wir an Bäume am Ufer knoten, sicher vertäuen. Im Idealfall wachsen ein paar Sträucher und Bäume als natürlicher Windschutz rund um die Bucht, so dass wir im Windschatten Schutz finden können. Je nach Größe des Tiefdruckgebiets dauert es zwischen einem und mehreren Tagen, bis es durchgezogen ist, und wir unseren Schutz verlassen und die Reise in Richtung Süden fortsetzen können.

Vom Pio-Gletscher segeln wir an einem wunderbar ruhigen Tag die 44 Meilen bis zur Caleta Refugio, einer sicheren, rundum geschlossenen Bucht mit nur einer kleinen Einfahrt, fast wie ein See. Wir ankern, legen zwei Heckleinen und fahren mit dem Beiboot an Land, um die Gegend zu erforschen. Ölzeug und Gummistiefel sind zur Alltagskleidung geworden, wobei wir uns immer wieder fragen, warum nicht mal jemand Gummistiefel für Kinder mit hohem Schaft herstellt, die nicht beim ersten Schritt in den Bach volllaufen mit Wasser … aber irgendwie stören nasse Kinderfüße die Eltern viel mehr als die Betroffenen … die freuen sich eher, die Gummistiefel auszuziehen und barfuß weiterzuspielen. Ein Glück haben wir eine gute Heizung und unseren Holzofen an Bord, und nach einem langen, kalten und nassen Tag draußen freut sich selbst Kira, die völlig unempfindlich gegen Kälte und Wärme ist, sich mit einer Tasse heißem Tee am Ofen einzukuscheln.

Der Wetterbericht für die Nacht und für die kommenden Tage verspricht ruhiges Wetter, perfekt um ein paar Meilen zu machen. Auch wenn die Temperaturen nur selten über 15 Grad klettern haben wir Hochsommer hier auf der Südhalbkugel, die Tage sind lang und es wird erst zwischen 22 und 23 Uhr am Abend dunkel. Trotzdem wollen wir nicht jeden Tag von früh bis spät unterwegs sein, 30 bis 40 Seemeilen am Tag haben sich als angenehme Tagesdistanz für uns erwiesen. Im Schnitt sind wir mit 5 bis 6 Knoten (= Seemeilen / Stunde) unterwegs, somit bleibt nach einem Segeltag immer noch genug Zeit für Landausflüge. Und Pausetage, an denen wir nicht weiterfahren, ergeben sich wettertechnisch ganz von selbst.
Probleme mit dem Boot haben wir – toi toi toi – kaum. Und wenn, dann nichts Essentielles. Unsere Ankerwinde, die wir in Puerto Aguirre gewartet haben, und seitdem bereits mehrmals versucht haben zu reparieren, macht immer noch Probleme. Wenigstens wissen wir, nachdem wir die Winsch mitsamt dem Motor komplett zerlegt haben, warum dieser immer wieder ausfällt: Der Motor der Ankerwinde ist ein 12-Volt-Gleichstrommotor mit 1.000 Watt. Die vier Kohlebürsten, zweimal Plus- und zweimal Minuspol, die den Strom zwischen Rotor (dem drehenden Teil des Motors) und Stator (dem nicht drehenden Teil) leiten, sitzen auf einem Kunststoffring. Zwei der Bürstenhalter sind herausgebrochen, haben einen Kurzschluss verursacht und den Plastikring geschmolzen.

Hier in der Wildnis einen neuen Motor oder ein Ersatzteil zu besorgen ist ausgeschlossen, also bleibt uns nicht anderes übrig, als den Kunststoffring nachzubauen. Als Material haben wir Acryl an Bord. Es funktioniert … aber leider nur eine halbe Minute. Das Ergebnis ist ein weiterer geschmolzener Kunststoffring und ein weiteres Mal den Anker von Hand aufholen. Nächster Tag, nächster Versuch. Das Acryl war viel zu hitzeempfindlich, diesmal bauen wir den Ring aus Sperrholz. Und siehe da, nach zwei Monaten Probleme mit der Ankerwinde funktioniert sie wieder. Es ist wahrscheinlich die einzige Ankerwisch mit Ersatzteilen aus Holz. Wir werden zwar mittelfristig nicht drumrum kommen, den Motor oder die komplette Winsch auszutauschen, aber bis Puerto Williams sollten wir so kommen.
Ansonsten läuft alles gut, außer Kleinigkeiten: Man kann noch so vorsichtig sein beim Diesel kaufen und noch so sehr darauf achten, dass kein Dreck und kein Wasser im Diesel sind, wenn man nach dem Nachfüllen den Tankdeckel offenlässt und dies erst nach einem langen, verregneten Tag bemerkt, dann hat man wohl oder übel Wasser im Diesel … Ärgerlich und dumm, aber halb so schlimm, solange man es noch am Ankerplatz bemerkt und nicht bei 35 Knoten Wind in einem schmalen Fjord.

Zurück zu den schönen Dingen der Reise: Wofür Patagonien neben Wind und Wetter ebenfalls bekannt ist, sind seine atemberaubende Landschaft und die zahlreichen Gletscher. Jeden einzelnen Gletscher zu besuchen würde die Reise ins Unendliche treiben und manche sind aufgrund von zu viel Eis, starker Strömungen, Untiefen oder fehlender sicherer Ankerbuchten kaum erreichbar für uns. Der nächste große Gletscher auf dem Weg ist der Amalia-Gletscher. Der Wetterbericht sieht nicht ideal aus, also beschließen wir ein, zwei Tage in der nahegelegenen gleichnamigen Bucht abzuwarten. Beim Blick durch das Fernglas bleibt der Blick am Waldrand am Ufer hängen, dort liegt ein Huemul, ein Andenhirsch. Die Tiere sind äußerst selten und vom Aussterben bedroht, was den Anblick umso besonderer macht.

Die Caleta Amalia ist eine tiefe Bucht mit großem Strand. Das Ufer fällt so steil ab, dass wir mit dem Boot bis auf wenige Meter an den Strand fahren und dort ankern können. Es ist windig und regnerisch, aber die Bucht ist gut geschützt. Zeit für eine Landexpedition: Kira und Naia packen ihre Forscherinnenrucksäcke – Messer, Lupe, Sammelbox und Fotoapparat – und gehen auf Expedition. Sie suchen nach allem – Spuren von Tieren, besonderen Muscheln, schönen Blumen, glitzernden Steinen, essbaren Pflanzen, … sammeln und dokumentieren. Seit wir unsere Freunde Greg und Kerry getroffen haben, die die Walpopulationen in Patagonien erforschen, kennen der Forscherdrang und die Begeisterung bei Naia und Kira keine Grenzen.

Zwei Tage später lässt der Wind etwas nach und wir machen uns auf den Weg zum wenige Meilen entfernten Gletscher. Leider regnet es immer noch und auch die Windböen sind nach wie vor kräftig. Als wir am Gletscher sind, kommt für eine Minute die Sonne raus und der Wind legt sich. Zeit genug, die Magie zu genießen, die Geräusche, die Farben. Es knackt und kracht im Gletscher, donnernd kalbt ein Eisbrocken ins Meer. Das Grau wird für eine Minute zu eisblau, die im Mast kreischenden Böen werden für eine Minute durch das silberne Plätschern des Schmelzwassers abgelöst. Dann kommt die nächste Schauerböe. Aus Blau wird Grau, aus plätschern wird kreischen. Wir wenden das Boot – zurück zur Caleta Amalia.

Für den nächsten Tag ist ruhigeres Wetter vorhergesagt und wir planen einen längeren Tag auf dem Wasser. Auf dem Weg nach Süden liegen vor uns zwei ungeschützte Stellen, die wir bei guten Bedingungen passieren möchten. Beim ersten Licht des Tages holen wir den Anker auf. Unser Ziel ist ein schmaler, etwa zwei Seemeilen tiefer Fjord mit einer sehr sicheren Ankerbucht an seinem Ende, in der wir zwei Nächte bleiben. Direkt hinter den Heck von uns plätscher ein kleiner Bachlauf mit Wasserfall in die Bucht, dem wir für einige Meter aufwärts folgen, Über ein paar Wurzeln und Felsen erreichen wir das Plateau über der Bucht und genießen den Ausblick über den Fjord bis in den Kanal. Je weiter nach Süden wir kommen, desto rauer ist die Landschaft, desto karger die Vegetation und desto einfacher ist es, an Land zu gehen. War es nördlich des Golfs von Penas schier unmöglich, sich einen Weg durch das Dickicht des Urwalds zu bahnen, wird die Vegetation hier im Süden von halbhohen, windgepeitschten Bäumen, Büschen, Flechten und Farnen bestimmt.

Die letzten Meilen bis zur Magellanstraße fordern etwas Geduld. Mehrere Tiefdruckgebiete ziehen über uns hinweg und wieder einmal sind 55 Knoten Wind vorhergesagt. Zwar sind in unserer nächsten Ankerbucht die Möglichkeiten, an Land zu gehen, sehr beschränkt, was auch am Wetter liegt, dafür haben wir seit langer Zeit wieder einmal Gesellschaft: Ein französisches Boot liegt mit uns in der gleichen Bucht. Wir kennen das Boot, wir haben es bereits vor einem knappen Jahr in Chiloe gesehen, haben die Crew aber nicht kennengelernt. Also holen wir das jetzt nach. Während draußen der Sturm peitscht, sitzen wir bei unseren neuen Freunden in der gemütlichen Kabine, essen Crepes und trinken Rotwein. C’est la vie!

Unser letzter Ankerplatz vor der Magellanstraße ist Puerto Profundo. Wieder einmal ankern wir mit vier Landleinen am Ende eines schmalen Fjordes, und wieder einmal warten wir auf passendes Wetter zur Weiterfahrt. Die Magellanstraße verläuft in Zugrichtung der Tiefdrucksysteme und der vorherrschenden Windrichtung, außerdem ist sie deutlich breiter als die Kanäle, in denen wir bislang unterwegs waren, und bietet dem Wind einen deutlich größeren Fetsch, wie der Weg genannt wird, den der Wind als Angriffsfläche hat, um eine Welle aufzubauen. Drei bis vier Meter hohe Wellen sind hier keine Seltenheit und wieder einmal liegt das Geheimnis einer entspannten Reise in der Geduld, auf gute Bedingungen zu warten.
Die Magellanstraße – das wird einen neuen Blogeintrag geben. Herzliche Grüße senden die vier ARACANGAs MaRiKiNa

Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen


Hallo ihr vier ARACANGAS MaRiKiNa!
Es ist immer wieder beeindruckend Eure faszinierenden Berichte zu lesen.
Wie macht ihr das mit Trinkwasser? Habt ihr einen Wassermacher an Bord?
Wir wünschen euch weiterhin tolle Erlebnisse.
Liebe Grüße von Gitta und Pete von der Platypus, zu. Zu. Martinique
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