Lamin Lodge – von Pirogen und Planänderungen

Wir sind zurück an der Küste. Also nicht ganz, aber ganz in der Nähe. Wir können das Meer riechen aber noch nicht sehen. Die „aracanga“ liegt in einem Seitenarm des Flussdeltas des Gambia River etwa fünf Seemeilen von der Hauptstadt Banjul entfernt bei der Lamin Lodge.

Schiffsbauer und Räucheröfen

Am Strand von Tanji

Aber um unsere Sehnsucht nach dem Meer etwas zu stillen unternehmen wir heute einen Ausflug an den Strand. Allerdings ist unser Ziel nicht der Bilderbuchbadestrand, für den Gambia bekannt ist, sondern der Strand der einheimischen Fischer. Mit dem Local-Bus, der erst voll ist wenn die Reifen knapp im Radkasten schleifen, geht es mit zweimal umsteigen nach Tanji, dem Ort wo die Fischer mit ihrem Fang in eleganten Pirogen anlanden, der Fisch geräuchert und verarbeitet wird, Pirogen gebaut und ausgebessert werden, Motoren repariert werden und sich alles um den Fischfang dreht. In ihren offenen, bis zu 15 Meter langen Booten sind die Fischer oft mehrere Tage unterwegs und verwandeln das ganze Küstengebiet vor Gambia und dem Senegal in ein riesiges Labyrinth aus Netzen und Leinen, wie wir auf unserer Fahrt von der Casamance nach Gambia hautnah erleben durften. Am Strand stehen einige Pirogen an denen gearbeitet wird. Überall herrscht Betriebsamkeit, Boote werden ausgebessert und neu gebaut, grobe Holzplanken werden aneinandergefügt und die Planken so beschnitten, dass sie zueinander passen. Das heißt nicht, dass jede Planke nach einem genauen Plan gefertigt wird, sondern wenn ein Brett eine Beule hat wird in die anliegende Planke eine Delle geschnitten. Auch werden die Boote nicht wie bei uns kopfüber und zuerst das Spantengerüst gebaut, sondern aufrecht und zuerst die Planken, dann die Spanten. Gearbeitet wird höchstens auf den Zentimeter, eine genauere Arbeit ist mit dem zur Verfügung stehenden Werkzeug schwer möglich. Trotzdem entstehen am Schluss beeindruckende, elegante und äußerst seegängige Boote. Fast alle Fischerboote werden vom gleichen Motor angetrieben und hinter den Schiffsbauern stehen die Hütten der Motorenwerkstätten, wo geschätzt an die hundert zerlegte Yamaha 15 PS Zweitakt-Außenborder zur Reparatur und Wartung an groben Holzböcken hängen. Noch ein paar Meter weiter sind die Räucheröfen, hier wird der gefangene Fisch bis zu fünfmal geräuchert und somit haltbar gemacht. Ein Großteil des Fischs wird in andere afrikanische Länder exportiert und der kleinere Teil ist für den lokalen Markt bestimmt. Die Räucheröfen sind aus Beton oder Lehm gebaut und werden oben mit Wellblech abgedeckt.

Fische im Räucherofen

Die Öfen ziehen sich Reihe an Reihe in offenen Wellblechhütten entlang des Strandes, Unmengen an Fisch wird hier verarbeitet. Ist der Fisch fertig geräuchert, wird er Bambuskörben weiterverkauft, ein Korb ist etwa so groß wie eine Weinkiste und kostet gefüllt mit Räucherfisch 1.200 Dalasi, knapp über 20 Euro. Man sagt, dass Gambia mit die schönsten Strände von ganz Afrika hat. Der Strande von Tanji gehört mit Sicherheit nicht zu diesen, hier ist es dreckig, es stinkt es wird gearbeitet und von Umweltschutz hat hier kaum noch jemand etwas gehört. Trotzdem oder genau deswegen war unser Strandtag interessant, spannend und zum Nachdenken anregend.

Die Lamin Lodge

Wer sich mit Gambia als Segelrevier schon einmal auseinandergesetzt hat, der ist mit Sicherheit über den Namen Lamin Lodge gestolpert. Die Lamin Lodge ist der Treffpunkt der wenigen Segler, die sich nach Gambia verirren und für den Ein oder Anderen auch Endstation. Ein Ort, von dem so mancher nicht mehr loskommt. Die Lodge ist ein grob zusammengenageltes Gebäude, das einen tollen Charme ausstrahlt, aber auch irgendwie den Eindruck vermittelt, als hätte es schon einmal bessere Zeiten erlebt.

Die Lamin Lodge

Es liegen etwa 15 Segelboote vor Anker oder an den Mangroven vertäut, wovon der größte Teil allerdings nicht mehr als segeltauglich oder gar ozeantauglich eingestuft werden kann. Bevor wir unsere Flussfahrt gestartet haben sind wir schon einmal für zwei Nächte hier gewesen und waren nicht übermäßig begeistert von dem Ort und seinen etwas aufdringlichen Tour Guides. Daher hatten wir auch nicht vor, nach der Flussfahrt allzu viel Zeit hier verbringen zu wollen. Mittlerweile hat sich unsere Meinung allerdings etwas geändert. Die Jungs an der Lodge haben sich doch als sehr umgänglich erwiesen und wissen, dass wir keine Mangroventour buchen und keinen geschnitzten Elefanten kaufen möchten, gerne aber Zeit mit ihnen verbringen, Wasser und Diesel über sie besorgen, abends mit ihnen um die Wellblechhütten ziehen und zum Mittagessen ins Local Restaurant kommen. Das Restaurant ist ein kleines, rundes Gebäude mit windschiefem Wellblechdach, wo die Locals sehr gut und günstig Mittagessen und auch wir gern gesehene Gäste sind. Wir zahlen für ein Essen den Einheimischenpreis von 50 Dalasi, was etwas weniger als ein Euro ist. Die Portionen sind allerdings so groß, dass wir uns einen Teller teilen und gut satt werden davon. Für diesen Preis brauchen wir selbst in einem günstigen Land wie Gambia nicht einkaufen und an Bord kochen und jeden Tag freuen wir uns schon, was es heute leckeres gibt. Eines ist sicher, es ist irgendetwas mit Reis, dazu gibt es entweder ein Stück Fisch oder Hähnchen und eine leckere Sauce. Und zusätzlich gibt es jeden Tag ein klein bisschen Sprachunterricht auf Mandinka, wie die größte Bevölkerungsgruppe und deren Sprache heißt. Sumole – Hallo,  Inimbara – Wie geht´s, Kortanante – Ich hoffe es geht gut – Tanante – Danke, ich hoffe Dir auch, Fosama – bis morgen, Abaraka – Danke, Ha – Ja … ein paar Wörter können wir schon und meistens endet es in großem Gelächter bei Allen, wenn wir unsere neuesten Sprachkenntnisse auspacken.

Arbeiten und Planänderungen

Hier an der Lamin Lodge erledigen wir außerdem ein paar Arbeiten an der „aracanga“, bevor wir über den Atlantik segeln. Auf der letzten Überfahrt ist das Glas unseres Lukendeckels gesprungen, was wir hier auswechseln und unser Babystag ist immer noch eine provisorische Lösung. Hier in Gambia bekommt man sehr viel wenn man sich durchfragt oder lange genug danach sucht, aber auch nicht alles. Für den einen Zentimeter starken Lukendeckel haben wir zwei Plexiglasscheiben mit jeweils 5 mm Stärke gekauft, diese miteinander verklebt und dann in den Aluminiumrahmen eingeklebt. Das ist sicher nicht die Ideallösung, aber fürs Erste nicht schlecht und stabil. Ansonsten stehen auf der To-Do-Liste noch einige Pflegearbeiten an der Maschine, die glücklicherweise auch nach unserer 800 Kilometer langen Flussfahrt noch einwandfrei läuft. Sie soll frisches Öl und einen Satz neue Filter spendiert bekommen und auch die Dieselleitungen, die höchstwahrscheinlich genau wie die Maschine 38 Jahre alt sind, möchten wir demnächst erneuern. Außerdem gibt es noch ein paar kosmetische Arbeiten wie z.B. Polieren und ein neuer Salontisch, der etwas zu klein ist. Und dann soll es weiter gehen, denn nebenher haben wir fleißig Pläne geschmiedet, geändert, verworfen und neue Pläne gemacht. Und diese sind wie folgt:

Anstatt wie geplant bis November hier zu bleiben und über den Sommer zwei Monate nach Hause zu fliegen werden wir schon im Juni über den Atlantik segeln und unseren Heimaturlaub in etwas kürzerer Form im Mai machen. Normalerweise ist die Saison für die Überquerung des Atlantiks von November bis Februar, aber da wir nach Französisch-Guayana in Südamerika und nicht in die Karibik segeln und somit südlich der Hurrikanezone bleiben, können wir theoretisch das ganze Jahr den Atlantik überqueren. Im Juni sind die Passatwinde noch stabil, wir bleiben nördlich des Äquators und der ITC und somit im Passatbereich, verlassen Westafrika bevor die Regenzeit so richtig loslegt und kommen auf der anderen Seite zum Ende der dortigen Regenzeit an. Wenn die Vorhersageprognosen und die Pilot Charts also stimmen, können wir eine schöne Überfahrt und einen stabilen Passat erwarten.

Das war´s soweit von Bord. Viele liebe Grüße senden Eure aracangas Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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