Pleiten, Pech und Happy End

Gambia ist seit vielen Jahren ein Traumziel von mir. The Gambia, wie das Land offiziell heißt, ist das kleinste Land Afrikas und an keiner Stelle breiter als 50 Kilometer. Es ist von allen Seiten vom Senegal umschlossen bis auf den Westen, dort grenzt es an den Atlantik. Gambia wird auch „The Smiling Coast of Africa“ genannt und soll die schönsten Strände des Kontinents haben. Das Land zieht sich wie ein Schlauch entlang des gleichnamigen Flusses ins Landesinnere und war, im Gegensatz zum französischsprachigen Senegal, bis ins Jahr 1965 von den Briten kolonialisiert. Man sagt, das Land ist so breit, wie weit die britischen Kanonen nach links und rechts vom Fluss aus feuern konnten.

Ausklarieren mit Hürden

Bye, bye Elinkine

Knapp drei Wochen waren wir mit unserer „aracanga“ zusammen mit Andrés und Karins „Streuner“ in der Casamance unterwegs. Unser Cruising Permit für den Senegal (sozusagen das Visum fürs Boot) haben wir bis zum letzten Tag ausgereizt und wir wären auch gerne noch länger geblieben, was allerdings einen mittelgroßen Papierkrieg und ca. 200 Euro an Gebühren bedeutet hätte. Und da der Gambia River genau wie die Casamance ein mächtiger Mangrovenfluss inmitten einer beeindruckenden Natur ist, haben wir uns das Geld gespart. Mit einem Zwischenstopp in Ehjid ging es zurück nach Elinkine, wo es ein kleines Büro der Immigration gibt. Dort allerdings stoßen wir mit unserem rudimentären Französisch auf Sprachbarrieren und auf einen Officer, dem gerade eher nach Palmwein als nach arbeiten zumute ist. Wir sollten nach Ziguinchour oder nach Cap Skirring an den Flughafen fahren und da ausklarieren, sagt er. Dort kostet das Ausklarieren allerdings 30.000 CFA (knapp 50 Euro) Schmiergeld pro Person, wie wir von anderen Seglern wissen und was wir nicht einsehen. Es ist genau, wie uns zu Beginn unseres Casamance-Aufenthalts gesagt wurde: Es ist sehr sicher, hilfsbereit und freundlich hier, die einzigen, vor denen man sich hier in Acht nehmen muss, sind die Offiziellen. Jetzt stecken wir in der Zwickmühle, der eine will uns nicht ausklarieren und der andere nur für sehr teures Geld und übermorgen läuft das Permit ab, dann haben sie uns in der Hand. Also Lagebesprechung zurück an Bord und Telefonat mit Freunden. Agolène meint, er kommt am nächsten Morgen in der Früh nach Elinkine und geht mit uns noch einmal zur Immigration. Mit ihm kommt Guy, ein französischer Segler, der schon öfter in Elinkine ausklariert hat. Und so spazieren wir am nächsten Morgen wieder zum Immigrationsbüro und geben vor, Freunde zum Übersetzen der Wegbeschreibung zum Flughafen dabei zu haben. Entweder unser Plan geht auf oder wir müssen in den sauren Apfel beißen und wirklich am Flughafen ausklarieren. Ganz nebenbei zeigt Guy dem Beamten seinen Pass mit den Ausreisestempeln aus Elinkine und damit der Officer sein Gesicht bewahren kann, tun wir alle so, als ob es gestern nur ein großes Missverständnis gegeben hat. Eine halbe Stunde und 10.000 CFA (ca. 15 Euro) „Gebühren“ später haben wir alle Stempel in den Pässen und machen uns auf den Weg nach Norden.

Kurs Gambia

Flaute und Nebel vor Westafrika

Von der Casamance nach Gambia ist es nur eine kurze Überfahrt von 100 Seemeilen, was ca. 24 Stunden auf dem Wasser bedeutet. Der Wetterbericht hat zunächst etwas Wind vorhergesagt, so dass wir die erste Hälfte segeln und dann den Rest unter Maschine zurücklegen möchten. In Elinkine haben wir kein Diesel bekommen, also wurde der restliche Treibstoff zwischen unserer „aracanga“ und dem „Streuner“ so aufgeteilt, dass es für beide Boote bis nach Gambia reichen sollte. Dann ging es los, unter Maschine den Seitenarm der Casamance bis in den Hauptfluss und dann mit der langsam einsetzenden Ebbe durch den flachen, gut betonnten Pass raus auf den Atlantik. Der erhoffte Wind hat sich nicht eingestellt, daher haben wir nur das Großsegel gesetzt um das Boot etwas zu stabilisieren und sind weiter unter Motor gefahren. 100 Meilen bei durchschnittlich vier Knoten bedeutet 25 Stunden, bei einem Dieselverbrauch von großzügig gerechnet einem Liter die Stunde bedeutet das 25 Liter. Mit unseren 30 Litern im Tank plus fünf Liter Reserve sollten wir also zur Not die komplette Strecke unter Maschine zurücklegen können. Uns so war es auch, bei absoluter Flaute und schlechter Sicht sind wir langsam in die Nacht getuckert und gegen 23.00 Uhr haben wir auch das Licht der „Streuner“ aus den Augen verloren. Die Küste vor dem Senegal und vor Gambia ist sehr flach und fischreich und tags wie nachts sind unzählige Fischer in ihren eleganten, bunten Pirogen unterwegs, was uns eine schlaflose Nacht beschert hat. Die Fischer legen Netze aus, die in der Regel unter der Wasseroberfläche treiben und mit Bojen oder Fahnen markiert sind. Einige Netze jedoch treiben auch an der Oberfläche und stellen eine Gefahr für uns dar, weil sie nicht beleuchtet sind und sich leicht in unserer Schiffsschraube verheddern können. Da wir trotz Suchscheinwerfer keine Chance haben, die Netze bei Nacht zu erkennen bewegen wir uns nicht weg vom Gashebel, um im Notfall den Hebel auf Neutral zu stellen und somit die Drehung der Schraube zu stoppen. Zweimal erwischt es uns. Beim ersten Mal verhängt sich das Netz zwischen Kiel und Ruder und glücklicherweise nicht in der Schraube. Trotzdem müssen wir ins Wasser, um das Netz unter dem Ruder hindurch zu drücken und uns zu befreien. Etwas mulmig ist es schon, bei stockdunkler Nacht auf Tauchgang zu gehen, zumal wir bei der Dämmerung noch zwei Haie gesehen haben, aber es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Beim zweiten Netz war der Schwung im Boot noch so groß, dass wir mit Kiel und Ruder über das Netz hinweg gerutscht sind.

Ausschau halten nach Bojen und Netzen

Der Rest der Nacht ging glücklicherweise ohne weitere Zwischenfälle vonstatten, doch am nächsten Morgen gab es schon den nächsten Schreck: 20 Seemeilen vor Banjul ist unser Dieseltank leer, wir haben deutlich mehr Sprit verbraucht als kalkuliert. Also schütten wir die letzten fünf Liter in den Tank und setzen trotz fast absoluter Flaute Groß und Genua dazu. Am Funk rufen wir André und Karin auf dem vereinbarten Kanal, die uns jedoch nicht hören können. Nach einiger Zeit sehen wir allerdings ihr Boot am Horizont vor uns und kommen ihnen langsam näher, auch sie dümpeln in der Flaute ohne Maschine, ihr Motor ist heiß gelaufen. Glücklicherweise ist nur der Kühlwasserfilter mit Seegras verstopft und kurz darauf fahren wir gemeinsam nebeneinander in Richtung Banjul. Von den Beiden bekommen wir fünf weitere Liter Diesel, so dass der Sprit jetzt für beide Boote bis zu unserem Ziel Banjul reichen sollte. Wenige Meilen vor Banjul dann dasselbe Spiel wieder. Diesmal ist den Streunern der Diesel ausgegangen und wir hängen sie an eine lange Schleppleine für die letzten Meilen.

Großer Dampfer – kleiner “Streuner”

Endlich angekommen

Gerade als wir in Banjul den Anker werfen wollen kommt uns das Lotsenboot entgegen und weist uns an, an dem Baggerschiff „Samo“ fest zu machen. Also nehmen wir den „Streuner“ längsseits und gehen wiederum längsseits an das Arbeitsschiff, wo wir gleich von der ganzen Crew sehr freundlich empfangen werden. Ein Crewmitglied eilt sofort los, um uns zwei Kanister Diesel zu besorgen und ein weiterer macht sich mit uns auf den Weg zur Immigration. Über die Immigration von Banjul haben wir einiges sehr Unterschiedliches gehört und gelesen und sind daher sehr gespannt, was uns dort erwartet. Wir werden in das enge Büro gebeten und nehmen gegenüber von einer Beamtin und einem Beamten Platz.
Beamtin: „Wie lange wollt ihr bleiben?“
Wir: „Bis November“
Beamtin: „Kein Problem, ihr bekommt ein Visum für einen Monat, das könnt ihr auf drei Monate verlängern und danach bekommt ihr einen Resident Status.“

Längsseits am Baggerschiff

Ok… das war ja einfach. Die Stimmung ist sehr locker, wir füllen ein paar Formulare und Crewlisten aus, es werden ein paar Fragen zum Woher und Wohin gestellt und danach zeigen wir Fotos vom Winter in Deutschland. Die beiden Beamten geben uns ihre Handynummern und falls wir irgendetwas brauchen, sollen wir uns melden. Mit einem Augenzwinkern meint die Beamtin zu Riki und Karin „Give me a call, I can show you around and we can have a ladies night.“ Wir hatten selten eine so nettes und ungezwungenes Einklarieren und das entgegen sämtlicher Befürchtungen und Vorhersagen auch noch kostenlos. Zurück an Bord standen jeweils zehn Liter Diesel für uns bereit. Wir waren, wie bereits so oft in Westafrika, wieder einmal überwältigt von so viel Hilfsbereitschaft. Small, der uns zur Immigration begleitet hat, bietet uns an, am nächsten Tag auch zum Zoll und zum Hafenmeister mit uns zu gehen und wir verabreden und für acht Uhr in der Früh. Dann machen wir uns auf den Weg zu unserem eine knappe Meile entfernten Ankerplatz. Der Ankerplatz und das angrenzende Stadtviertel haben den Namen „Half Die“, was ironischerweise irgendwie zu unserer Überfahrt passt. Den Namen verdankt das Gebiet einer Choleraepidemie, die 1869 die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft hat.

Clearance Teil 2

Am nächsten Morgen machen wir das Beiboot klar und André und ich machen uns auf den Weg zum Baggerschiff „Samo“, wo Small bereits auf uns wartet. Small wurde von seinem Chef dem Hafenmeister offiziell freigestellt, um uns zu begleiten. Erste Station: Geld abheben. Die hiesige Währung heißt Dalassi und der Wechselkurs ist ein Euro zu 55 Dalassi. Nach dem Besuch des Geldautomaten fühlt man sich wie ein reicher Mann. Das Bündel Hunderter ist sogar zu dick für den Geldbeutel und die Hälfte des Geldes muss in der Mappe mit den Schiffspapieren zwischengeparkt werden. Nächste Station: Zoll. Das Hauptzollamt ist mitten in der Stadt und der Beamte erklärt uns, dass es Freitagvormittag ist und er so kurz vor dem Wochenende eigentlich nicht mehr arbeiten wolle. Erst als Small ihm erklärt, dass er vom Hafenkapitän geschickt wird, reicht er uns die Formulare zum ausfüllen. Nachdem alle Felder ausgefüllt sind bekommen wir das gleiche Formular noch einmal, um eine Kopie anzufertigen. Fünf Meter neben ihm würde zwar auch ein Kopierer stehen, aber wir füllen alles anstandslos aus. Mit den Dokumenten werden wir zurück in den Hafen geschickt, wo der dortige Beamte unsere Boote inspizieren und die Dokumente stempeln soll. Das Hafenzollamt ist ein kleiner, enger Raum mit zwei leeren Schreibtischen, zwei Beamten in bunten, afrikanischen Gewändern und einem Röhrenfernseher, auf dem ins englische übersetzte Koranverse zum Gesang eines Muezzin abgespielt werden.
Beamter: „Habt Ihr ein Beiboot?“
Wir: „Ja, ein sehr kleines…“
Beamter: „Wenn ich ins Wasser falle bin ich tot, ich kann nicht schwimmen.“
Wir: „Kein Problem, wir ziehen dich wieder raus.“
Beamter: „Es ist Freitag.“
Wir: „Wir haben Fotos von den Booten“
Beamter: „Gut. Die Zollformalitäten sind kostenlos, aber wenn ihr wollt, dann könnt Ihr eine Kleinigkeit zahlen. Habt Ihr etwas zu verzollen?“

Half Die – der Name ist Programm

Fünf Minuten später sind die Dokumente gestempelt und wir bringen sie zurück ins Hauptzollamt. Letzte Station: Hafenmeister. Hier bekommen wir die Erlaubnis, den Fluss zu befahren. Der Hafenmeister ist ein sehr sympathischer Kerl, der uns gleich seine Handynummer und E-Mailadresse gibt. Falls es irgendwo auf dem Fluss Probleme geben sollte, sollen wir uns jederzeit bei ihm melden. Auch hier müssen wir wieder einen Vordruck ausfüllen, mit dem wir zur Buchhaltung geschickt werden, um für das Cruising Permit umgerechnet 20 Euro zahlen. Der Hafenmeister sitzt im vierten Stock, die Buchhaltung im Erdgeschoss. Bitte klingeln steht an einer im oberen Bereich abgeklebten Glastür. Nach dem dritten Mal klingeln passiert immer noch nichts und wir schauen unter der Tür durch, wo keine Armeslänge von uns ein Beamter sitzt. Also klingeln wir noch einmal und endlich geht die Tür auf. Links um die Ecke sitzt eine sehr beleibte Beamtin, die die Arbeit macht. Sie ist auch für das Öffnen der Türe zuständig, wofür sie einen langen Besenstiel hat, mit dem sie blind um die Ecke fuchteln muss, um den Türöffner zu drücken. Endlich, wir bekommen unsere Quittungen und sind offiziell in The Gambia einklariert. Zusammen mit Small und seinem Kumpel, der einen alten 190er Benz hat, fahren wir noch zum Markt und danach zurück zu unserem Dinghi. Small begleitet uns an Bord und die fünf Meilen zu unserem ersten Ziel in Gambia, der Lamin Lodge.

Von Banjul zur Lamin Lodge

Ausblick aus der Lamin Lodge

Die Lamin Lodge ist der wohl bekannteste Treffpunkt für Segler in Gambia. Hier liegen ein paar Boote in verschiedenen Pflegezuständen, von denen nur drei bewohnt sind. Die anderen sind verlassen oder die Eigner nutzen sie als Feriendomizil. Eines der Boote ist die Nacht zuvor gesunken und man sieht nur noch einen Mast und bei Ebbe den Windgenerator. Von Banjul zur Lamin Lodge sind es ca. fünf Meilen durch enge Seitenarme des Gambia-River. Hier möchten wir nur kurz bleiben, um Diesel und Wasser zu bunkern und unsere Flussfahrt ins Landesinnere vorzubereiten. Morgen soll es los gehen. Wir sind sehr gespannt, was uns auf dem Fluss erwartet und freuen uns in erster Linie auf die vielen Tiere, für die der Fluss bekannt ist.

Herzliche Grüße von Bord senden die aracangas Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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3 Kommentare

  1. Hallo Ahoi, hallo Riki und Martin,
    herzlichen Dank für all Eure tollen Blogbeiträge. Insbesondere interessiert uns zur Zeit alles über Gambia, wohin wir von den Kanaren aus aufbrechen wollen. Nun wird uns für September und Oktober von einer Reise nach Gambia abgeraten: Regenzeit, Mücken, Malaria. Da wir aber ab November zum sprung über den Atlantik verabredet sind, würde Gambia dann wohl ausfallen. Da Ihr lange in Gambia wart: würdet Ihr September und Oktober ebenfalls als Reisezeit ausschließen?

  2. Pingback:Lamin Lodge - von Pirogen und Planänderungen - ahoi.blog

  3. „Sie ist auch für das Öffnen der Türe zuständig, wofür sie einen langen Besenstiel hat, mit dem sie blind um die Ecke fuchteln muss, um den Türöffner zu drücken.“

    Herrlich!!!

    Theater des Lebens. 🙂

    ****

    Wie wunderbar, dass Ihr immer wieder hilfsbereite Menschen trefft!

    Freuen uns sehr auf Eure weiteren farbenfrohen Berichte vom Fluss.
    Bonne chance! Bisous.

    LuCa

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