Golf von Penas: Der Name der großen Bucht südlich des San-Rafael-Gletschers sagt eigentlich alles aus: wörtlich übersetzt bedeutet er Golf der Schmerzen oder auch Golf der Sorgen oder der Qualen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Name nicht von seiner landschaftlichen Schönheit herrührt, sondern eher mit Wind, Wetter und Wellen in Verbindung gebracht werden kann. Kein Wunder also, dass jeder Fischer hier, wenn er über besagten Golf spricht, seinen Satz mit „[…] malo, malo, malo.“ beendet.

Pringles Stokes, der von 1825 bis zu seinem Tod 1828 während einer Patagonien-Expedition Kapitän der berühmten HMS Beagle war, schrieb über das Wetter am Ankerplatz am Golf von Penas in sein Logbuch: „Hier saßen wir fest wegen des schlechtesten Wetters, das ich je erlebt hatte. Wir lagen vor drei Ankern und die Masten waren gesichert…“ Pringles Strokes schoss sich am 01. August 1828 nach zwei Jahren harter, stressiger und gefährlicher Arbeit als Expeditionskapitän in Patagonien mit einer Pistole in den Kopf, depressiv vom Wetter und der Trostlosigkeit der Landschaft. Die Kugel blieb im Kopf, er bei Bewusstsein. Er starb schließlich am 12. August.
Was die Landschaft angeht, stimmen wir Strokes nicht zu. Wir finden sie magisch, spektakulär und wunderschön. Dass das Wetter hier nicht immer Sonnenschein ist, das haben wir bereits des Öfteren erfahren. Glücklicherweise sind wir aber weit davon entfernt, uns deswegen eine Kugel in den Kopf zu jagen.
Von Chacabuco nach Westen
Aber noch sind wir auch nicht am Golf der Sorgen, sondern in Puerto Chacabuco. Nach unserem Sturm klart das Wetter auf und wir haben Bedingungen, die vielleicht auch Pringles Stokes umstimmen hätten können: Sonne satt und fast 30 Grad auf dem Thermometer. Beste Bedingungen, um unseren Weg nach Süden anzutreten. Wir sind zu sechst an Bord, Annika und ihr vierjähriger Sohn Junis kommen zu uns und möchten einen Monat mit uns segeln, von Puerto Chacabuco bis nach Caleta Tortel.

Bevor es allerdings losgehen kann, steht verproviantieren und Diesel bunkern auf dem Programm: Mehrere Trips zum Supermarkt in der Nachbarstadt Puerto Aysen sind notwendig, um die leere Bilge und sämtliche Vorratsfächer mit Lebensmittel für die nächsten Monate zu füllen. Gerade, als wir mit unseren sämtlichen Dieselkanistern im Beiboot am Steg anlegen, kommen uns unsere Nachbarn vom Fischerboot entgegen: „Wollt ihr die alle zur Tankstelle und zurück tragen?“
„Ja, es bleibt uns schließlich nichts anderes übrig.“
„Wir haben auch Diesel an Bord, ihr könnt was von uns haben. Ist auch günstiger …“, meint Geronimo, der Kapitän des Fischerkahns, augenzwinkernd. Gesagt, getan. Zwei Stunden später sind sämtliche Dieselvorräte gefüllt und unsere ARACANGA liegt gefühlt ein paar Zentimeter tiefer im Wasser.

Dann geht es los. Um nach Süden segeln zu können, müssen wir zunächst den Chonos-Archipel in Richtung Westen durchqueren. Der nach Süden führende Kanal Elefantes ist leider eine Sackgasse, die am San Rafael Gletscher endet. Wir müssen also um die Lagune San Rafael herum segeln und für etwa 150 Meilen raus aufs offene Meer und besagten Golf zu überqueren. Hätte die letzte Eiszeit etwas länger gedauert, wäre die Landenge zwischen San Rafael und dem Golf von Penas, der Isthmus von Ofqui, vielleicht ein schiffbarer Kanal geworden, was eine enorme Erleichterung der Reise nach Süden bedeutet hätte.

Wir stellen den Wecker auf halb fünf in der Früh, um die Ensenada Baja – die Flache Bucht – mit der Flut bei höchstem Wasserstand zu verlassen. Die Flut ist zwei Meter hoch, der Tiefenmesser zeigt 2,8 Meter an. Unsere ARACANGA hat zwei Meter Tiefgang, es ist nicht viel Wasser unter dem Kiel, aber genug um Chacabuco zu verlassen. Die ersten Tage beschert uns ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet schönstes Sommerwetter für unsere Tour in Richtung Golf von Penas. Aber das hier ist Patagonien und nicht die Südsee und das Sprichwort, dass man hier alle vier Jahreszeiten an einem Tag hat, bewahrheitet sich schon bald wieder, und wir tauschen das T-Shirt gegen Ölzeug und Gummistiefel ein. Wind- und Wettervorhersagen sind unsere steten Begleiter auf der Reise durch den Chonos-Archipel, und je näher wir besagtem Golf von Penas kommen, desto mehr halten wir Ausschau nach einem geeigneten Wetterfenster, um die berüchtigte 180 Seemeilen lange Passage zu segeln, für die wir etwa 36 Stunden einkalkulieren.
Galerie: Durch den Chonos-Archipel nach Westen
Caleta Millabu

In der Caleta Millabu, einem tiefen Fjord im Süd-Westen des Chonos-Archipels, warten wir unser anvisiertes Wetterfenster ab. Hinter uns liegen traumhafte, rundum geschützte Ankerbuchten und wunderbare Tage auf dem Wasser und die Caleta Millabu wartet mit einer spektakulären Kulisse aus Strand, Fels und einem donnernden Wasserfall auf. Die Sonnentage sind vorerst leider gezählt, dafür zeichnet sich in wenigen Tagen unser passendes Wetterfenster für die Überquerung des Golf von Penas immer deutlicher ab. Es sieht so aus, als ob der Wind für drei Tage etwas nachlassen und die hohe Welle ebenfalls ein wenig abflachen wird. Also bereiten wir die ARACANGA für ihre erste Ozeanpassage seit fast einem Jahr vor: Alles muss so aufgeräumt werden, nichts darf so herumstehen, dass es bei Schräglage oder bei einer großen Welle durch die Kabine oder durchs Cockpit fliegen kann. Gar nicht so leicht, mit sechs Personen an Bord…

Zwischenzeitlich unternehmen wir noch eine Wanderung, eher eine Kraxeltour, zum Wasserfall. Zuerst geht es durch den schier undurchdringlichen patagonischen Urwald mit seinem charakteristischen doppelten Boden aus Moosen, Farnen und Wurzeln. Prüft man seine Tritte nicht ordentlich, kann es passieren, dass man plötzlich einen oder zwei Meter tiefer im Unterholz steckt. Wege gibt es hier keine, genau wie Menschen. Nach einer kurzen Strecke von etwa einem halben Kilometer, für die wir allerdings etwa eine Stunde benötigen, erreichen wir, regennass und dreckig von oben bis unten, die vom Wind blank geschliffenen Felsen. Jeder hat ein Kind an der Hand, denn es ist steil und rutschig, und Plateau für Plateau klettern wir nach oben. Der Blick über den Fjord und das laute Donnern des Wasserfalls sind beeindruckend. Bei schönem Wetter wären wir wohl noch etwas weiter hoch geklettert, bei einstelligen Temperaturen und im strömenden Regen ist die Motivation der Kids dazu allerdings eher gering. Nass und frierend plädieren sie dafür, den Rückweg anzutreten.
Galerie: Caleta Millabu
Über den Golf der Qualen

Zwei Tage später ist es dann soweit: Um sieben Uhr in der Früh holen wir den Anker auf. Nach zwei Umdrehungen stoppt die Ankerwinsch, obwohl wir diese erst in Puerto Chacabuco überholt hatten. Also holen wir die 60 Meter Kette mitsamt Anker aus zwölf Meter Tiefe von Hand auf. Und das vor dem ersten Kaffee am Morgen… Endlich ist der Anker oben und gesichert. Das Großsegel setzen wir im ersten Reff, jetzt ist höchste Zeit für einen Kaffee. Wir motorsegeln ein Stück nach Westen, vorbei an unzähligen Untiefen, setzen zusätzlich zum Groß unsere kleine Genua und segeln in eine graue Suppe aus Regensqualls und Nebel. Die Sichtweite ist quasi null, die Welle steht unangenehm aus zwei verschiedenen Richtungen und der Wind weht mit 25 bis 35 Knoten. Alles ist relativ, überall sonst auf der Welt würde man getrost am Ankerplatz bleiben, hier am Golf von Penas ist es das beste Wetter, das einem beschert wird. Also Augen zu und durch. Die Windfahne steuert das Boot. Die verschiedenen, sich überlagernden Wellensysteme und kräftige Schauerböen werfen unsere ARACANGA regelmäßig aus der Bahn und wir müssen den Kurs von Hand korrigieren. Der Wind kommt von hinten, die Logge zeigt immer wieder Geschwindigkeiten im zweistelligen Bereich an und die ARACANGA legt sich weit über auf beide Seiten. Immer wieder brechen einzelne Wellen über das Deck. An ein normales Leben ist nicht zu denken, das bloße Existieren ist Aufgabe genug und jegliche Aktivität wird auf ein notweniges Minimum reduziert. Was unseren geplanten Rhythmus der Nachtwachen angeht – jeder Erwachsene macht vier Stunden – ist unmöglich. Der Großteil der Crew liegt seekrank in der Koje und kümmert sich um ebenso seekranke Kinder. Hin und wieder wandert eine Schüssel Halbverdautes über die Reling und die Versorgung ist auf Tee und Kräcker reduziert. Beste Bedingungen also. Unsere Wetterplanung kann allerdings nicht allzu schlecht sein, denn mit uns überqueren drei andere Segelboote, mehrere Fischer, eine Fähre und zwei oder drei Frachter den Golf von Penas zur selben Zeit wie wir. Und das in einem Gebiet, in dem wir manchmal wochenlang kein anderes Segelboot sehen und das auch große Schiffe bei schlechtem Wetter meiden. Die Bedingungen hier sind einfach so, nicht umsonst wird er der Golf der Schmerzen, Qualen und Sorgen genannt. Nach knapp 30 Stunden Überfahrt schält sich ein blasser Umriss von Land aus dem nebelverhangenen Schauerwetter. Zwei Stunden später liegen wir in einer geschützten Ankerbucht. Fischer haben eine lange, dicke Leine durch die Bucht gespannt, an der wir uns mit zwei Leinen festmachen. Geschafft. Alles andere muss bis morgen warten. Wir fallen in die Kojen und verschlafen den restlichen Nachmittag.
Richtung Tortel – Sturm und Regen

Zwei Tage später stoppt der Regen, zumindest für einen Tag, und wir setzen unsere Reise in Richtung der kleinen Ortschaft Caleta Tortel fort. Caleta Tortel markiert das Ende eines langen Gletscherfjords und je näher wir der Ortschaft kommen, desto mehr nimmt das Wasser die typische, eisblaue Farbe von Gletscherwasser an. Rings um uns ragen blankgeschliffene, steile Felsen in die Höhe, die Vegetation hier ist deutlich karger als nördlich des Golfs. Die Bäume wachsen, wenn überhaupt, meist nur wenige Meter vom Ufer und an windgeschützten Stellen. Überall entspringen Quellen und egal wo wir hinsehen stürzen hohe Wasserfälle in die Tiefe, jeder einzelne spektakulär und beeindruckend. Die wilde und ungezähmte Natur macht das schlechte Wetter wett. Mit Ölzeug, Handschuhen, Mütze und gefütterten Gummistiefeln stehen wir im Cockpit und genießen das Panorama.

Nach 20 Meilen liegt an unserer Backbordseite eine große Bucht, in der wiederum eine sehr kleine Einbuchtung einen sicheren Ankerplatz verspricht. Noch ist es ruhig, aber für die kommenden Tage sind Böen mit bis zu 50 Knoten, also knapp 100 km/h vorhergesagt. Wir machen das Beiboot klar und bereiten ein paar Landleinen vor, bevor wir unsere ARACANGA so in die kleine Bucht manövrieren, dass die Böen von vorne kommen und unser Cockpit somit trocken und geschützt bleibt. Sechs Leinen – zwei Backbord voraus, zwei Backbord achtern und je eine Steuerbord vorne und achtern sichern das Boot, so dass wir sicher liegen. Den Rest des einzigen trockenen Tages nutzen wir, nach dem vielen Regen der letzten Zeit, endlich wieder an Land zu gehen und die Gegend zu erkunden. Kira fährt im Kajak, welches wir in Puerto Chacabuco als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gefunden haben, und jeder ist froh, einen Tag ohne Regen zu haben.

Die nächsten Tage sind wie vorhergesagt: Nass und sehr windig. Die Böen kreischen im Rigg, wir allerdings liegen sicher in unserer kleinen Bucht und freuen uns einmal mehr über unseren Holzofen, den wir vor kurzem eingebaut haben. Mit Tee, Kaffee und einem ersten Blech Weihnachtsplätzchen verbringen wir die Tage unter Deck. In einer Regenpause reparieren wir die Ankerwinsch – das Relais hat den Geist aufgegeben – und bauen gleich das ganze System neu – neues Relais, neuer Taster und neue Sicherung. Gut, dass wir sämtliche Ersatzteile an Bord haben. Zusätzlich zum Taster, dem empfindlichsten Bauteil der Gruppe, bauen wir als Backup eine Fernbedienung an einem langen Kabel, die wir zur Not anstecken können, ein. Eine gute Beschäftigung für schlechte Tage.

Aber auch das schlechte Wetter geht irgendwann vorbei und mit dem ersten ruhigeren Tag werfen wir die Leinen los und fahren die restlichen 20 Meilen bis Caleta Tortel. Junis und Annika verlassen uns hier in Tortel wieder, um Patagonien noch ein paar Tage an Land zu bereisen, bevor es für sie wieder zurück nach Deutschland geht. Wir nutzen die Möglichkeit, ein paar frische Vorräte aufzustocken, bevor wir unsere Reise nach Süden fortsetzen.
Galerie: Vom Golf von Penas bis Tortel
Wo sind wir genau?
Wir haben die Seite „Wo segelt die ARACANGA?“ überarbeitet, so dass es wieder möglich ist, unsere aktuelle Position zu verfolgen: Wo segelt die aracanga? Unsere aktuelle Position – www.ahoi.blog
Soweit von Bord. Herzliche Grüße aus Caleta Tortel schicken die vier ARACANGAs Riki, Martin, Kira und Naia

Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen


