Staande Mastroute Teil 1 – Groningen bis Amsterdam

Staande Mastroute: Groningen – Zoutkamp – Dokkum – Leeuwarden – Lemmer – Ijsselmeer – Enkhuizen – Markermeer – Amsterdam. Das war unsere Route der letzten Tage und – vorausgesetzt man bringt genügend Zeit mit – ist sie eine sehr reizvolle Alternative zur Tour über die Nordsee und birgt mit jeder Stadt und jedem Stopp ein neues Highlite. Wo es am schönsten war bisher? Schwer zu sagen. Im Grunde sind die Städte mit ihren engen Gassen, Brücken, Schleusen und Kanälen alle sehr ähnlich und trotzdem ist jede für sich genommen äußerst reizvoll. Über Kanäle und durch Seen, hier in Holland Meere genannt, geht es durch das platte Land. Breite Schilfgürtel säumen die Ufer, dahinter grasen die Kühe und Schafe und hier und da steht eine Windmühle, mal eine klassische und mal eine moderne.

Groningen – Zoutkamp

Die Stadt Zoutkamp
Zoutkamp

Wir verlassen Groningen mit dem Ziel Zoutkamp oder Dokkum. Es ist die letzte Etappe zusammen mit unseren Freunden Lu und Carina, die uns mit der Hein Mück im Kielwasser folgen. Appropos Kiel, mit der Ivalu haben wir einen Tiefgang von zwei Metern, bevor der Kiel über den Boden kratzt, was ein oder zwei Mal der Fall ist. Der Grund ist jedoch nur weicher Schlick, von dem her ist eine Grundberührung kein großes Problem hier, solange man nicht mit vier Knoten Fahrt “falsch abbiegt”, aber dazu später mehr. Da das Wetter sich nicht von seiner besten Seite zeigt und wir nicht so zügig vorankommen wie geplant (bzw. zu lange beim Frühstück getrödelt haben) beschließen wir, in Zoutkamp zu stoppen anstatt der Staande Mastroute bis nach Dokkum zu folgen. Der Hafen ist für Boote bis zwei Meter Tiefgang angegeben und mit etwas Schwung schieben wir den Kiel durch den Schlick zum Liegeplatz. “Zwei Meter? Kein Problem!”, meint der Hafenmeister mit einem Augenzwinkern, “die unteren 20 Zentimeter sind jedoch etwas dickflüssig.” Unsere Festmacherleinen bräuchten wir heute gar nicht, das Boot liegt auch so fest. Wir legen sie trotzdem, da für die Nacht sechs Windstärken vorhergesagt sind.

Nach unseren Kanalfahrten durch Frankreich und die Flussfahrten im Senegal und in Gambia sind wir etwas abgehärtet, was knappe Wassertiefen angeht, auf Binnenfahrt mit einem tiefgehenden Boot gehört die ein oder andere Grundberührung einfach dazu.

Von Zoutkamp nach Leeuwarden

Windmühle am Kanal
Typisch: Kanäle und Windmühlen

Auf die heutige Grundberührung hätten wir jedoch verzichten können: Im Leuweersmeer müssen wir exakt den roten und grünen Tonnen folgen, um im Fahrwasser der Staande Mastroute zu bleiben. Es geht scharf nach steuerbord, ganz korrekt bleibt Rot links und Grün rechts, und zack sitzen wir fest. Der Tiefenmesser zeigt 0,6 Meter an. Hoppla. Wir befinden uns in einem abzweigenden Fahrwasser, das zu einem kleinen Hafen führt, für die Ivalu jedoch viel zu flach ist. “Das passiert uns allen mal”, meint der sympatische Herr, der mit seiner klassischen Peniche neben uns aufstoppt. Wir werfen ihm eine Leine zu, und nach zwei vergeblichen Versuchen schleppt er uns beim dritten Anlauf wieder ins tiefe Fahrwasser. Er winkt und tuckert weiter in Richtung Dokkum, wir hintendrein. Als er ein paar hundert Meter weiter an einem Steg anlegt, werfen wir unser SUP ins Wasser und paddeln ihm zu seiner großen Freude eine Flasche Gin als Dankeschön hinüber. Diese haben wir einige Tage vorher von dem dänischen Pärchen, das wir in Brunsbüttel aus der Schleuse geschleppt haben, bekommen. Ja, eigentlich schenkt man Geschenke nicht weiter, aber dank Henning von Profihost haben wir bereits einen soliden Vorrat an Gin an Bord.

Weiter geht es durch Dokkum. Wie ein Bilderbuch liegt die Stadt am Kanal, der von zahlreichen Brücken überquert wird, die allesamt nach sehr kurzer Wartezeit für uns geöffnet werden. Wir sind sehr versucht, für die Nacht zu bleiben, entscheiden uns aber doch, Leeuwarden anzusteuern. Genau wie durch Dokkum schlängelt sich der Kanal wunderschön durch die Stadt und zahlreiche Boote liegen links und rechts am Ufer. Wir finden einen Liegeplatz mit ganz eigenem Charme, wir nennen ihn liebevoll unseren Sperrmüllplatz und es sieht so aus, als ob hier jemand gerade sein Hausboot ausgemistet hat, was uns allerdings nicht stört.

Die Staande Mastroute von Leeuwarden nach Lemmer

Ein Traditionssegler unter einer Klappbrücke
Eine der zahlreichen Klappbrücken

Am folgenden Tag fahren wir einigermaßen zeitig los, um bis nach Lemmer und somit ans Ijsselmeer zu kommen. Die letzten Tage war wenig los auf den Kanälen, heute aber fahren wir dicht gedrängt im Konvoi mit vielen anderen Booten entlang der Staande Mastroute. Wieder müssen wir einige Brücken passieren und sind jedesmal begeistert, wie reibungslos Wasser- und Straßenverkehr nebeneinander her laufen. In Lemmer bleiben wir drei Tage, zuerst im Hafen und dann mitten in der Stadt im Kanal. Ganz spontan bekommen wir Besuch von Jörn uns Steffi, die in der Nähe Urlaub machen und kurzfristig auf einen Kaffee vorbei kommen. Mit Jörn bin ich 2013 auf der Ivalu von den Azoren nach Spanien und weiter über die Biscaya und durch den englischen Kanal bis nach Belgien gesegelt. Lemmer ist toll, das Zentrum der Stadt ist klein und überschaubar und einige Bars und Restaurants säumen die Ufer. Am Ende des Kanals geht eine Schleuse ins Ijsselmeer, die für uns jedoch mit 1,90 Meter zu flach ist, weswegen wir ein paar Meter zurück und durch die große Schleuse am anderen Ende der Stadt fahren müssen.

Ijsselmeer und Markermeer

Martin und Kira im Cockpit der Ivalu
Kurs Amsterdam

Wir sind seit etwa drei Wochen an Bord und am stärksten merkt man das an unserem kleinsten Crewmitglied Kira. Sie ist jetzt ein halbes Jahr alt und hat sich an Bord gut eingelebt, sitzt sein ein paar Tagen, freut sich und lacht und ist immer gut drauf, solange sie nicht müde oder hungrig ist. Für die Landgänge haben wir statt einem Kinderwagen eine Trage und ihren Mittagssclaf macht sie am liebsten in ihrer kleinen Hängematte über dem Kartentisch. Tagsüber sitzt sie zwischen Kissen im Cockpit, feuert das bunte Windrad zu Höchstleistungen an, und bringt die komplette Crew damit zum Lachen. Für sie bzw. mit ihr ist die Tour entlang der Staande Mastroute ideal, noch ist wenig Bewegung und Schräglage im Boot und es ist genug Zeit, sich an Bord einzuleben, bevor es raus aufs richtige Meer geht. Für den Moment begnügen wir uns mit den holländischen Binnenmeeren. Über das Ijsselmeer geht es bei kaum Wind im Schneckentempo und nach einer Nacht in Enkhuizen, fahren wir am Tag darauf durch die Schleuse ins Markermeer und segeln bei angenehmen 15 Knoten von der Seite weiter nach Amsterdam. Vor Amsterdam warten wir mit unzähligen anderen Booten knapp zwei Stunden an der Brücke und der direkt dahinterliegenden Schleuse. Als die Brücke von Rot auf Grün schaltet, geht ein panischer Wettlauf um die besten Plätze in der Schleuse los und uns bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen, denn von allen Seiten drängen die Boote. Wir fahren mit einigen anderen Booten in die Schleuse und gehen an einer sehr großen Yacht, die an der Steuerbordwand der Schleuse liegt, längsseits. Plötzlich bricht jedoch eine hektische Panik an Bord unseres Nachbarn aus. Er treibt quer durch die Schleuse und fängt an, wie wild vorwärts und rückwärts Gas zu geben, vorne gegen die anderen Boote und rückwärts gegen die Schleusentore zu rumsen. Dann beginnt ein wildes drücken und schieben bei den anderen zehn Booten in der Schleuse, die sich allesamt vor dem panischen Skipper in Sicherheit bringen möchten. Wir flüchten uns an das Päckchen auf der gegenüberliegenden Schleusenwand und endlich kehrt auch an Bord der großen Yacht Ruhe ein. Nach der Schleuse geht es nur noch eine gute Seemeile bis in den zentral gelegenen Sixhaven, wo wir ein paar Tage liegen, bis es die Tage weiter in Richtung Rotterdam und Englischer Kanal geht.

Herzliche Grüße von Bord von der ganzen Crew!

–> unsere Kaffeekasse <–

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