
Seit einem halben Jahr sind wir bereits hier ganz im Süden Patagoniens, am Ende der Welt, wie es oft bezeichnet wird. Puerto Williams, die südlichste Ortschaft der Welt, ist so etwas wie ein Heimathafen auf Zeit geworden. Von hier aus erforschen wir den Beagle-Kanal, die Insel Navarino, Ushuaia und Feuerland. Die meiste Zeit jedoch verbringen wir längsseits an der berühmten Micalvi, einem auf einer Sandbank liegenden Wrack, das so etwas wie der örtliche „Yachtclub“ ist. Viel ist nicht los hier. Puerto Williams ist ein Dorf mit etwas über 2.000 Einwohnern. Außerdem ist hier auf der Südhalbkugel gerade Winter, und ein Teil der Einheimischen entflieht diesem in wärmere Gefilde. Ein Glück ist Chile so lang, das längste Land der Welt (puh, so viele Superlative), so dass es reichlich verschiedene Klimazonen für jeden Geschmack gibt: von Wüste über mediterran bis hin zu polar. Und noch zwei Superlative: Sowohl der trockenste Ort (Quillaqua in der Atacama-Wüste im Norden Chiles), als auch der feuchteste Ort der Welt (Puerto Eden auf der Insel Wellington, Patagonien) liegen in Chile.
Eine Schwangerschaft im Süden

Entschuldigt bitte, dass wir uns derzeit so spärlich melden, das hat einen ganz einfachen Grund: Wir sind zwar inmitten spektakulärer Natur und an faszinierenden Orten, allerdings passiert bei uns gerade nicht zu viel. Wie eingangs geschrieben, hängen wir längsseits an der Micalvi und überwintern hier. Der Grund ist, dass wir auf unser neues Crewmitglied warten, das sich aktuell noch in Rikis Bauch bequem macht. Kurz nach unserer Ankunft hier unten haben wir die Schwangerschaft bemerkt und beschlossen, hier im Süden zu bleiben, anstatt wie geplant direkt den Rückweg in Richtung Puerto Montt anzutreten. Hier ist es zwar deutlich kälter als weiter nördlich, dafür aber sehr trocken… lieber kalt und trocken als kühl und verregnet. Bis Ende dieses Monats dürfen wir noch in Puerto Williams auf der Insel Navarino bleiben, danach müssen wir für zwei Monate nach Punta Arenas, der nächsten größeren Stadt, denn das Krankenhaus hier ist nicht für Geburten und noch weniger für eventuell damit einhergehende Komplikationen oder Notfälle ausgelegt. Die ARACANGA wird hier bleiben, und wir werden zwei Monate lang Stadt- und Landleben erleben – ein neues Abenteuer.

Die Tage an der Micalvi vergehen ohne große Aufregung. Die letzen Monate war es kalt, sehr kalt und kalt, es hat geschneit und die Buchten sind teilweise gefroren. Wasser gab es keines, da die Leitungen gefroren waren, aber das ist für uns nichts besonderes. Wir sind es gewohnt, sparsam mit unseren Wasservorräten zu sein, da können uns ein paar Wochen Eis und Frost nicht schocken. Die Temperaturen waren meist zwischen im einstelligen Minusbereich, hin und wieder ist das Thermometer auch bis auf -15 gefallen.
Unsere Aktivitäten hier reichen von Schlitten- bis Kajakfahren, von Bergsteigen bis Schnorcheln, von Fahrradfahren bis Schlittschuhlaufen.

Das klingt alles furchtbar aufregend und jedes für sich ist es auch, in Wahrheit aber haben wir zurzeit auch sehr viel Alltag: Vorsorgeuntersuchungen in Puerto Williams und Punta Arenas, Schule an Bord für die Kinder und Studium für mich, Boot instandhalten und kräftig ausmisten, um Platz für den Zwergmatrosen zu schaffen und alles, was bei einem Leben mit Haus und Auto ganz nebenher funktioniert, an Bord jedoch deutlich zeitaufwendiger ist: Einkaufen, Wäsche waschen und das Boot instandhalten und für das Leben in der Kälte optimieren. Grundsätzliche Dinge kann man hier in Puerto Williams kaufen, alles was darüber hinaus geht ist aufwendig zu besorgen. Heute bestellt und morgen geliefert ist eine Utopie hier: auf eine Rolle Isoliermaterial haben wir drei Monate gewartet, zwei Tuben passenden Kleber gab es hier auf der Insel, auf weiteren Kleber warten wir seit drei Wochen vergebens. Aber: Das ist auch der Reiz der Sache. Manchmal nervt es zwar, aber meist genießen wir es, dass das Leben hier etwas langsamer funktioniert.
Unterwegs im Beaglekanal

Zwei Wochen sind wir in den Kanälen unterwegs gewesen, um die nahegelegenen Ankerbuchten zu erforschen, die wir ansonsten vermutlich nie gesehen hätten. Denn sobald es von hier aus wieder nach Norden geht, werden wir die guten Wetterfenster nutzen müssen, um etwas Strecke zu machen und würden somit die ganz in der Nähe liegenden Buchten und Ankerplätze verpassen. Wir genießen es, wenig Strecke machen zu müssen und umso mehr Zeit in sicheren Caletas, wie die Buchten hier heißen, zu verbringen.

In Caleta Victor Jara an der Nordküste Navarinos verbringen wir ein paar Tage. Morgens ist die Bucht von einer dünnen Eisschicht bedeckt, die bei leichten Plusgraden über den Tag hinweg taut. Rundum geschützt von allen Winden genießen wir die Ruhe.
Die Caleta Victor Jara ist nach dem gleichnamigen chilenischen Musiker benannt, der in den ersten Tagen der Diktatur Pinoches gefoltert und hingerichtet wurde. Seine Lieder handelten von einfachen Leuten, sozialer Ungerechtigkeit und politischen Skandalen, was nicht gerade im Sinne des rechtsextremen Diktators Pinochet war. Ihm wurden die Hände gebrochen, damit der nicht mehr Gitarre spielen konnte, er wurde misshandelt und schließlich mit 44 Gewehrschüssen getötet.

Warum fällt eine vermeintlich gebildete Menschheit abermals auf die populistische Leier der Rechtsextremen herein? Von der Wahl rechter Parteien hin zur Diktatur kann es recht schnell gehen, das hat die Geschichte oft genug bewiesen, sei es hier in Chile, in Deutschland und in so vielen anderen Ländern der Welt. Die Folgen sind immer die gleichen: eine davon ist die Verfolgung und Inhaftierung, Folter und Ermordung Oppositioneller und Andersdenkender. Freiheit und Demokratie sind riesige Privilegien. In einer Demokratie liegt es in der Hand eines jeden Einzelnen, diese zu schützen und Rechtsextremismus zu bekämpfen. Denn sind diese einmal an der Macht, werden Freiheit und Demokratie schnell abgeschafft und Kritiker wie Víctor Jara gefoltert und hingerichtet. Bitte, ein jeder, der das hier liest, macht Euch Gedanken darüber und überlegt, auf welcher Seite der Geschichte ihr einmal stehen möchtet.

Ende politischer Exkurs. Zurück in unsere wunderschöne Caleta Victor Jara. Wir unternehmen lange Spaziergänge um den nahegelegenen See, klettern auf die Felsen und beobachten von dort aus die Wale im Beaglekanal, Caracaras, die hier allgegenwärtigen Raubvögel, Möwen, Schwarzbrauenalbatrosse, Austernfischer und Sichler, um nur ein paar zu nennen. Die Kinder bauen Hütten aus angeschwemmtem Treibholz und wir stocken die Holzvorräte für unseren Holzofen auf. Neben dem Holzofen, der es unter Deck muckelig warm und trocken hält, haben wir noch unsere Dieselheizung, die wir je nach Außentemperatur hin und wieder zusätzlich laufen lassen.

Wir fahren eine kurze Etappe zur Nachbarinsel Hoste und erforschen zwei Ankerplätze, an denen wir ein kräftiges Tief mit über 100 km/h Wind, Schnee und Hagel verbringen. Als das erste Wetter durch ist gibt es ein kurzes Wetterfenster für die Rückfahrt nach Puerto Williams, also heißt es Anker auf und 400 Meter Landleinen einholen. Draußen im Kanal ist es jedoch noch extrem ruppig und windig, sodass wir, ein Blickkontakt genügt, direkt wieder umdrehen und zurück in die Schützende Bucht fahren. Der Wind hat innerhalb kürzester Zeit wieder auf Sturmstärke zugelegt, sodass es ziemlich aussichtslos ist, den Anker zu setzen und das Boot rückwärts in Richtung Ufer zu manövrieren, um Heckleinen auszubringen.

Stattdessen werfen wir eine 100 Meter lange Leine ins Dinghy, fahren an Land und knoten diese einmal quer über das Innere der Bucht zwischen zwei stabilen Bäumen. Ich bin im Dinghy, Riki manövriert die ARACANGA zur Leine und schnell belegen wir die Mitte der langen Leine am Bug. Für den Moment sind wir sicher mit dem positiven Nebeneffekt, mit dem Bug im Wind zu stehen. Zügig bringen wir eine weitere lange Leine direkt nach vorne aus, jeweils eine am Heck und eine zusätzliche Leine Steuerbord mittschiffs. So liegen wir sicher inmitten eines Spinnennetzes aus 500 Metern Landleinen. In den nächsten Tagen legt der Wind noch einmal zu. Es kreischt und pfeift im Rigg und des Öfteren legt sich unser 20-Tonnen-Boot in einer Böe auf die Seite.

Trotz Wind und Wetter unternehmen wir Ausflüge an Land, finden riesige Biberdämme, die zwar wunderschön sind, deren Erbauer jedoch leider eine invasive Art ist. Auch finden wir eine Wildererfalle mit einem Kuhfuß als Köder. Zunächst vermuten wir, diese ist für Wildkatzen gedacht, finden dann allerdings heraus, dass das einzige fleischfressende Tier auf der Insel der bedrohte Magellanfuchs ist, der nach wie vor wegen seines Felles gewildert wird. Wir machen ein paar Bilder, dann knipsen wir die Falle ab und nehmen sie mit, um sie der örtlichen Naturschutzbehörde CONAV in Puerto Williams zu übergeben.

Ein paar Tage später bessert sich das Wetter und wir beschließen, einen weiteren Versuch zu unternehmen, zurück nach Puerto Williams zu segeln. Das aufwendige ablegen und einholen der Leinen wird für RIki beschwerlich, so dass das unsere letzte Ausfahrt zu viert gewesen ist. Die Rückfahrt nach Puerto Williams ist zwar nach wie vor wellig, aber davon abgesehen sehr entspannt. Die restliche Zeit der Schwangerschaft werden wir in Puerto Williams verbringen.

Es grüßen ganz herzlich die fast fünf ARACANGAS

Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen

