Puerto Williams – Neues vom Ende der Welt

Seit einiger Zeit sind wir bereits ganz im Süden Patagoniens unterwegs. Fast jeder hat von magischen Ortsnamen wie Feuerland und Navarino, Beagle-Kanal und Drake Passage, Puerto Williams und Ushuaia, Micalvi und Kap Hoorn gehört, und in fast jedem lösen diese Orte verschiedenste Arten von Gefühlen aus: von Fernweh bis Sehnsucht, von Furcht bis Ehrfurcht. So auch in uns.

Die Micalvi in Puerto Williams
Die Micalvi

Puerto Williams und die Micalvi

Der Ort Puerto Williams, die südlichste Stadt Chiles und der Welt, wurde im Jahr 1953, zunächst unter dem Namen Puerto Luisa gegründet, um Chiles Anspruch in einem seit längerem schwelenden Grenzkonflikt mit Argentinien zu untermauern. 1956 wurde die Ortschaft in Puerto Williams umbenannt.

Die Flaggen der Region Magellanes und Chile
Im Zentrum von Puerto Williams

Puerto Williams ist in der letzten Zeit so etwas wie unsere Homebase geworden, genauer genommen der legendäre südlichste „Yachtclub“ der Welt, Club de Yates Micalvi. Mit einem Yachtclub hat die Micalvi nicht viel gemeinsam, eigentlich ist sie lediglich ein Wrack auf einer Sandbank, das als Anlegestelle für eine Handvoll einheimischer Boote und, je nach Jahreszeit, ein paar Besucher wie uns dient. Die legendäre Bar im Inneren der Micalvi ist leider nur noch nach Absprache geöffnet.

Der etwa 55 Meter lange Frachter aus genieteten Eisenplatten lief 1925 unter dem Namen Bragi im heutigen Polen vom Stapel. Mehr Flussschiff als Hochseedampfer wurde das Schiff einige Jahre auf dem Rhein eingesetzt, bevor er 1928 von der chilenischen Marine gekauft und auf seinen neuen Namen Micalvi getauft wurde. Vollgestopft mit Waffen und Munition begann eine abenteuerliche Reise des nicht sehr seegängigen Schiffes über den Atlantik, von Europa nach Chile. „Eine Reise ohne Rückfahrschein“, wie der Kapitän der Legende nach sagte, denn eine weitere Atlantiküberquerung würde die Micalvi seiner Ansicht nach nicht überleben. Stattdessen wurde sie einige Jahre als Versorgungsschiff für die abgelegenen Siedlungen Patagoniens und die Sicherung der Souveränität Chiles eingesetzt.

Der Grenzkonflikt zwischen Chile und Argentinien

Die ARACANGA längsseits an der Micalvi in Puerto Williams
Es ist kalt geworden. Die ARACANGA längsseits an der Micalvi.

Im Jahr 1958 errichtete die Besatzung der Micalvi einen Leuchtturm auf dem unbewohnten Inselchen Snipe unweit von Puerto Williams und befeuerte dadurch den Grenzkonflikt mit Argentinien. Das Nachbarland reagierte prompt und montierte den chilenischen Leuchtturm nur wenige Tage später wieder ab, um ein eigenes Leuchtsignal zu errichten. Ein chilenisches Boot kehrte zurück, riss das argentinische Leuchtfeuer ab und stellte das Chilenische wieder auf. Daraufhin entsandte Argentinien einen Zerstörer, der den Leuchtturm komplett zerstörte und argentinische Marineinfanteristen hissten deren Nationalflagge und besetzten das Inselchen. Chile wiederum schickte seine gesamte Kriegsflotte in den Süden und ein Krieg stand knapp bevor. Unter der Drohkulisse Chiles verließ Argentinien die Insel und beide Staaten einigten sich diplomatisch auf den Status von vor dem Konflikt: Die Insel blieb unbesetzt und kein neues Leuchtfeuer wurde errichtet.

Kriegshinterlassenschaften in Navarino
Zeugen des Grenzkonfliktes auf Navarino

Die Micalvi fand nach ihrer Ausmusterung im Jahr 1961 ihre letzte Ruhestätte in Puerto Williams. Sie wurde im seichten Schlick des Hafens verankert und 1976 zum chilenischen Nationalmonument erklärt. Heute dient der historische Rumpf als Anleger für Boote aus aller Welt, die das Kap Hoorn oder die Antarktis ansteuern. In den alten Offizierskabinen befindet sich der legendäre Club de Yates Micalvi – die südlichste Schiffsbar der Erde und ein weltberühmter Sehnsuchtsort und Treffpunkt für Segler.

Der durch die Micalvi ausgelöste Grenzkonflikt von 1958 zeigte Chile, wie vage und verwundbar die südliche Grenze war. In der Folge baute das Land seine Präsenz im Süden massiv aus. Der Konflikt um das kleine Inselchen Snipe war der direkte Vorbote für den Beagle-Konflikt von 1978, bei dem die beiden Diktatoren Pinochet und Videla ihre Länder wegen derselben Grenzfragen erneut an den Rande eines Krieges brachten. Im Fokus standen wiederum drei unbewohnte Inselchen: Picton, Nevaa und Lennox. Chile beanspruchte die Inselchen basierend auf einem alten Grenzvertrag, Argentinien basierend auf dem informellen Prinzip „Chile am Pazifik, Argentinien am Atlantik“. Im Dezember des Jahres standen sich die beiden Länder, befohlen von zwei skrupellosen Militädiktatoren, massiv aufgerüstet und gefechtsbereit gegenüber. Es ging nicht um die Inselchen, sondern um riesige, recourssenreiche Seegebiete und den direkten Zugang zum Atlantik und zur Antarktis.

Panzer, Navarino

Ein internationales Schiedsgericht Sprache die Inselchen Chile zu, der argentinische Diktator Jorge Rafael Videla jedoch erklärte das Urteil für nichtig, was diplomatische Lösungen schier unmöglich machte. Beide Länder rüsteten weiter auf und trainierten für den Ernstfall, nicht nur in Patagonien, sondern in den ganzen Staatsgebieten.

Für den 22. Dezember 1978 plante die argentinische Militärjunta die Operación Soberanía. Argentinische Elite-Einheiten sollten die Inseln besetzen und gleichzeitig eine Großoffensive über die Anden starten, um Chile in zwei Hälften zu schneiden. Dass an diesem Tag kein Blut vergossen wurde, lag am Wetter und an der Diplomatie: Ein schwerer Sturm verzögerte das Auslaufen der chilenischen Flotte und erschwerte die argentinische Landung im Süden um entscheidende Stunden. In sprichwörtlich letzter Sekunde schickte Papst Johannes Paul II. ein dringendes Telegramm an beide Diktatoren und bot eine persönliche Vermittlung des Vatikans an. Die Invasion wurde gestoppt, auch weil Peru sich neutral erklärte und somit Argentinien seine Hilfe verwehrte und die Angst vor einem Mehr-Fronten-Krieg zu groß war. Der Krieg wurde in letzter Sekunde verhindert.

Die Segelschule im Beagle Kanal, Puerto Williams
Optis der Segelschule vor Puerto Williams im Beagle-Kanal. Im Hintergrund ist Argentinien

Einen Friedens- und Freundschaftsvertrag zwischen den beiden Ländern gab es erst im Jahr 1984, nachdem Argentinien den Falkland-Krieg gegen Großbritannien verloren hatte und die Militär-Junta der Demokratie weichen musste. Chile behielt die volle Souveränität über die Inseln Picton, Nueva und Lennox, musste jedoch im Gegenzug erhebliche maritime Zugeständnisse im Atlantischen Ozean machen. Auch heute noch sind die militärischen Hinterlassenschaften entlang des Beagle-Kanals in Form von Bunkern, Panzern, Marine-Präsenz und verfallener Gefechtsstände in den Wäldern der Inseln Navarino im Süden und Feuerlands im Norden zu sehen.

Die Konflikte sind beigelegt und beide Länder sich freundlich gesinnt, die Lage ist von einer freundschaftlichen Zusammenarbeit geprägt, was sich hoffentlich auch in einer aktuell unruhigen politischen Weltordnung und unter politischen Führern am rechten Rand der Demokratie nicht ändert. Regelmäßig können wir beobachten, wie sich Kulturschaffende beider Länder austauschen und besuchen, um Einheit zu demonstrieren und gleichzeitig die Erinnerung zu wahren.

Große Neuigkeiten

Fünf Schwimmwesten
Im Oktober ist es soweit…

Wir selbst lassen es in der letzten Zeit ruhig und gemütlich angehen. Die ARACANGA ist die meiste Zeit an der Micalvi angebunden und abgesehen von einer Fahrt ins argentinische Ushuaia und einem ausgedehnten Trip entlang des Beagle-Kanals und der Küsten Navarinos und Hostes sind wir in Puerto Williams. Der Sommer ist dem Herbst gewichen und der Herbst dem Winter. Diesen werden wir hier in Puerto Williams verbringen. Es ist kalt, am Morgen sind die Decks der Boote gefroren und manchmal auch das Wasser am Ankerplatz. Es schneit hin und wieder, noch bleibt der Schnee jedoch nicht liegen, der Beagle-Kanal speichert noch zu viel Wärme. Beim Spaziergang in den Ort sehen wir auf der einen Seite Wale und auf der anderen wilde Pferde. Es ist ruhig und gemütlich. Die meisten anderen Segler sind weitergezogen und wir sind, abgesehen von einem anderen Boot, die einzigen Überwinterer an der Micalvi. Aber nur weil wir es aktuell so ruhig angehen lassen soll das nicht heißen, dass es keine Neuigkeiten gibt: Ganz im Gegenteil, der Grund, warum wir uns entschieden haben, etwas länger hier zu verweilen, ist die große Neuigkeit: Wir erwarten ein neues Crewmitglied.

Mit Air Antarctica zur Vorsorgeunztersuchung
Auf dem Weg mit Air Antarctica zur Voruntersuchung nach Punta Arenas

Es ist etwas überraschend, aber nicht ungeplant, eher unerwartet … umso mehr freuen wir uns. Wir haben einfach nicht damit gerechnet, da Rikis Endometriose nicht gerade dafür gesprochen hat. Aktuell haben wir Halbzeit, und mittlerweile ist es unübersehbar. Nach zahllosen Plänen und Überlegungen fällt der Entschluss, diesmal zur Geburt nicht nach Deutschland zu fliegen, sondern hier in Chile zu bleiben. Das Gesundheitssystem ist super, wir fühlen uns gut aufgehoben und versorgt, und obendrein ist Riki mittlerweile in der staatlichen Krankenversicherung. Uns geht es gut. Bis Ende August, was hier auf der Südhalbkugel das Ende des Winters ist, dürfen wir in Puerto Williams bleiben, danach müssen wir in die nächste größere Stadt, Punta Arenas, wo auch ein Teil der Voruntersuchungen stattfindet. Außer im Notfall darf man hier in Puerto Williams weder geboren werden noch sterben…

Die Zeit bis Ende August nutzen wir, um wieder einmal ein paar Renovierungsarbeiten an unserer ARACANGA zu machen, die in den rauen und windigen Bedingungen entsprechend beansprucht wird. Ich (Martin) mache seit einem knappen Jahr ein Fernstudium zum Bootsgutachter beim „International Institute for Marine Surveying IIMS“. Auch hier steht die Halbzeit knapp bevor, mittlerweile habe ich drei der acht Module abgeschlossen, die vierte Hausarbeit reiche ich hoffentlich die Tage ein. Es ist anspruchsvoll und interessant, macht aber gleichzeitig viel Spaß und ist hoffentlich mittelfristig eine gute Art und Weise, von unterwegs aus zu arbeiten und Geld zu verdienen.

Caleta Victor Jara, Navarino
Rikis Geburtstagsbucht, die Caleta Victor Jara

Und dann war da noch Naias vierter Geburtstag, den wir bei schönstem Wetter mitsamt Schatzsuche quer durch den Fjord, Kindergeburtstag und Grillen am Abend feiern. Auch Riki hatte Geburtstag und am gleichen Tag war auch noch unser neunter Hochzeitstag. Neun Jahre … ein Jahr nach der Hochzeit haben wir mit der kleinen ARACANGA in Breisach am Rhein unsere Reise begonnen. Acht Jahre zweieinhalb Kinder und einige Seemeilen später sind wir hier in Puerto Williams, einem Ort, der für uns von Beginn an ein Sehnsuchtsort war und nach wie vor ist. Wir genießen die Tage hier, es ist schön, so viel Zeit an diesem besonderen Ort zu verbringen.

Herzliche Grüße von Bord senden die 4,5 ARACANGAs MaRiKiNaXx


Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen

Ein Kommentar

  1. Susanne & Rainer

    Herzliche Glückwünsche aus Schwifting!

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