Gambia River – Kurs Küste

Auf dem Weg zurück zur Küste.

Man kann nicht sagen, dass wir jetzt mit der Strömung unterwegs sind, denn selbst 400 Kilometer flussaufwärts ist der Tidenstrom noch so stark, dass die Strömung alle sechs Stunden ihre Richtung ändert und wir uns die komplette Flussfahrt den Schiebestrom zunutze machen können. Trotzdem geht es flussabwärts etwas schneller, denn zusätzlich zum Tidenstrom schiebt uns die Strömung des Flusses kräftig in Richtung Küste. Der Umkehrpunkt unserer Flussreise ist der Ort Diambugo Tenda und zusammen mit unserem Buddyboat „Streuner“ geht es flussabwärts, vorbei an den Baboon Islands in Richtung Banjul. André ist mittlerweile zum Einhandsegler bzw. Einhandflussfahrer geworden, denn Karin ist über den Sommer zurück nach Deutschland geflogen, um die Bordkasse der „Streuner“ etwas aufzubessern.

Besucherrekord

Unser erster Stopp auf der Fahrt zurück zum Atlantik ist das Dorf Karantaba, wo wie bei den anderen Ortschaften auch unzählige Kinder am Strand und an der Pier stehen und uns mit viel Geschrei und wilder Gestik dazu auffordern, bei ihnen zu ankern. Als wir das Beiboot klar machen spricht es sich im Dorf wie ein Lauffeuer herum, dass die „Toubabs“ kommen und mehr und mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene versammeln sich am Ufer.

Kinder in Karantaba

Da der Ort Karantaba jenseits der Stromleitung liegt, die den Fluss überspannt und die das ganze Land als „The Cable“ kennt, verirren sich hier noch weniger Boote her als in die Dörfer und Orte etwas weiter flussabwärts. Im Chor schreien die Kinder „Wel-come-wel-come-wel-come“ während wir an Land paddeln und am Strand angekommen können wir kaum aus dem Boot steigen, so dicht ist die Traube an Halbwüchsigen um uns herum. „Do you have a football for us?“ So schön die Begegnungen mit den Locals sind, so anstrengend ist es manchmal auch und könnten wir, würden wir gerne jedem Dorf einen Fußball und jedem Kind Stifte und Hefte für die Schule schenken. So gerne wir geben, nach sechs Wochen auf dem Fluss sind die meisten Gastgeschenke aufgebraucht und über den letzten Fußball, den die „Streuner“ noch an Bord hatten, hat sich die Schule von Jareng Badala gefreut. Trotzdem sind wir auch in Karantaba gern gesehene Gäste und das Fußballmatch Gambia – Deutschland (Deutschland hat etwas gambianische Verstärkung bekommen) hat auch mit einem ausgetretenen Plastikball viel Spaß gemacht. Nach dem Match kommen die Kleinen uns schwimmenderweise an Bord besuchen und mit 16 Kindern im Cockpit und acht weiteren im Dinghi stellen wir einen neuen Besucherrekord auf, der die letzten Vorräte an Doppelkeksen schnell dahinschmelzen lässt.

Ins Netz gegangen

Am nächsten Tag setzt der Ebbstrom gegen Mittag ein und wir machen uns auf den Weg in Richtung der nächsten größeren Ortschaft Bansang. Vorbei an Horden von Pavianen, die am Ufer in den Mangobäumen sitzen und die reifenden Früchte klauen, fahren wir einen Flussabschnitt, der uns noch vom Hinweg wegen seines flachen Wassers gut in Erinnerung ist. Immer wieder zeigt das Echolot zweieinhalb Meter und weniger an und wir fühlen uns irgendwie an die Kanalfahrt durch Frankreich vom letzten Sommer erinnert… Flussaufwärts jedoch haben wir alle gefahrenen Strecken aufgezeichnet, so dass wir jetzt nur noch unseren alten Tracks folgen müssen, um vor Untiefen sicher zu sein.

Martin am Steuer der „aracanga“

Kurz vor Bansang werfen wir bei Ebbe den Anker relativ mittig im Fluss auf etwas über zwei Meter Wassertiefe. Hier haben wir zwei Wochen vorher Flusspferde gesehen und hoffen, die Tiere auch dieses Mal auf der ausladenden Sandbank am Nordufer beobachten zu können. Nilpferde sehen wir leider keine, aber dieser Ankerplatz wird uns trotzdem gut in Erinnerung bleiben: Gegen fünf Uhr morgens wachen wir auf, da wir Stimmen ums Boot herum hören und schauen durchs Mückengitter beim Niedergang raus. Zwei Fischer in ihren Einbaumkanus sind leise am diskutieren, während sie ihre Netze einholen und kommen dem Boot immer näher. Nach ein paar Minuten stellen wir mit Schreck fest, dass sich unser Boot in den Netzen verfangen hat. Gemeinsam mit den beiden Männern versuchen wir vom Dinghi aus, das Boot zu befreien und die Netze unbeschadet zu bergen, aber das Gewühl an Leinen und Maschen ist so dicht, dass wir die „aracanga“ nur noch mit Hilfe von Messern freischneiden können. Mindestens eines der drei Netze muss daran glauben. Wir passen beim ankern immer gut auf, dass sich keine Fischernetze in der Nähe befinden, jetzt um fünf Uhr in der Früh erfahren wir, dass manche Netze mit der Strömung treiben und sich teilweise frei im Fluss bewegen. Normalerweise werden die Fischernetze immer von einem oder zwei Kanus begleitet damit sie sich nirgends verhängen, aber die Fischer sind im Laufe der Nacht eingeschlafen und haben die Netze aus den Augen verloren. Trotzdem bieten wir den beiden Pechvögeln an, für den entstandenen Schaden aufzukommen und zahlen ihnen das beschädigte Netz. Zusätzlich schenken wir beiden je eines unserer Taschenmesser, worüber sie sich so sehr freuen, denn sie haben bei der Befreiungsaktion auch noch eines ihrer Messer versenkt. Nachdem die Netze geborgen und die aracanga befreit ist trinken wir gemeinsam noch einen Kaffee im Morgengrauen und zum Abschied bekommen wir noch zwei Fische geschenkt, einen Wels und einen kleinen Tigerfish, die es am nächsten Tag zum Abendessen gibt.

Städte und Natur

Nach unserer Unglücksnacht ist der nächste Stopp Bansang, was nur eine halbe Meile flussabwärts liegt. Es ist eine nette, große Ortschaft, wo es für hiesige Verhältnisse sehr viel zu kaufen gibt und wir decken uns mit frischem Obst und Gemüse ein. Wir bleiben zwei Nächte in der Ortschaft, bevor es weiter zu MacCarthy Island geht, wo wir inmitten dichter Palmen bei einem atemberaubend schönen Seitenarm den Anker werfen. Ums Boot toben Paviane, Temminck-Stummelaffen und grüne Meerkatzen und bei Nacht können wir viele Paare von Krokodilaugen zählen, die das Licht unseres Suchscheinwerfers reflektieren.

Sonnenuntergang bei MacCarthy Island

Ein paar Meilen weiter westlich auf der Insel MacCarthy liegt die Stadt Janjanbureh, welche die erste Hauptstadt des Landes war und heute Provinzhauptstadt ist. Die Stadt gefällt uns persönlich nicht so gut wie einige der anderen Orte, die wir auf unserer Flussfahrt bisher besucht haben, daher nutzen wir den Stopp nur, um hier unsere Wasser- und Dieselvorräte aufzustocken und über Western Union etwas Geld abzuheben. Während der Wartezeit am Schalter kommt eine junge Frau mit einer Plastiktüte rein und unterhält sich ein wenig mit der Dame am Schalter. Dann legt sie die Tüte auf den Tresen und zählt 100.000 Dalasi raus – umgerechnet knapp 2.000 Euro – ein kleines Vermögen hier. In der Tüte befindet sich mit Sicherheit noch einmal der gleiche Betrag, wenn nicht mehr. So funktioniert Geldtransport auf gambianisch, die Menschen sind zwar sehr arm und leben vom Nötigsten, trotzdem werden große Summen Bargeld ganz offen und unversteckt in der Plastiktüte transportiert, ohne auch nur die geringste Angst, ausgeraubt zu werden. In Janjanbureh ankern wir vor dem Gouverneursgebäude und die beiden Wachmänner freuen sich über die Abwechslung. Anstatt das Regierungsanwesen zu bewachen, schleppen sie aus irgendeiner Ecke ein altes, weißes Sofa an und stellen dieses ans Ufer mit Blick auf die „aracanga“ und den „Streuner“. Mitsamt ihren Gewehren machen die Beiden es sich auf der Couch bequem, legen die Füße hoch und leuchten regelmäßig mit der Taschenlampe rüber, ob sich an Bord was tut.

Baboon Islands

Schimpanse auf den Baboon Islands

Am nächsten Tag um sieben Uhr in der Früh legen wir mit dem Ebbstrom ab in Richtung der Baboon Islands. Die Baboon Islands sind eine der „Touristenattraktionen“ des Landes und nach langer Zeit sehen wir hier mal wieder andere Europäer, vier an der Zahl. Die Inseln, die zwar nach den Pavianen benannt sind, sind in erster Linie für ihre Schimpansen bekannt. Affen aus illegaler Gefangenschaft werden hier erfolgreich wieder ausgewildert und leben frei auf den Inseln. Im restlichen Land sind die Tiere, die hier einmal heimisch waren, seit vielen Jahren ausgerottet. Einmal am Tag werden die Schimpansen von einem Boot aus mit Obst gefüttert, in erster Linie um sie ans Ufer zu locken und zählen zu können, denn zu Essen gibt es auf den Inseln genug. Um diese Zeit hat man ganz gute Chancen, die Tiere zu sehen und von unserem kleinen Dinghi aus können wir einige der Schimpansen direkt am Ufer beobachten. Vor uns Schimpansen, hinter uns Nilpferde – spannend!
Jetzt liegen wir vor Bird Island vor Anker, etwa acht Seemeilen weiter flussabwärts. Auf der kurzen Etappe von den Baboon Islands hierher konnten wir noch mehrere Flusspferde beobachten, von denen man meist nur die Ohren und Nasenlöcher sieht. Tagsüber sind die Tiere im Wasser, um sich vor der Sonne zu schützen und erst nachts kommen sie zum fressen an Land. Wir haben Glück und können zwei Nilpferde auf einer Schlammbank beobachten, die gerade die Morgensonne und die um diese Uhrzeit noch angenehmen Temperaturen von „nur“ knapp über 30 Grad genießen.

Es grüßen ganz herzlich von Bord die „aracangas“ Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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2 Kommentare

  1. Hallo Riki & Martin, wirklich sehr geil euere Berichte. Die Website und der Blog sind echt super, man kann alles nachvollziehen und fühlt sich manchmal als wäre man dabei. ich telefoniere zwar öfters mit Andre aber da kann man ja garnicht über alles was sich in tagen oder Wochen ereignet sprechen. Schöne Grüße an Andre und vielleicht lernen wir uns ja mal persönlich kennen. Grüße Alex

  2. Einfach phantastisch, Eure Erlebnisse. Ihr macht es richtig, solche Pfade in Eurer Jugend zu erforschen.

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