Um Feuerland und durch den Beagle-Kanal nach Puerto Williams

Kira und Naia mit Schultüten
Kiras Einschulung in Caleta Kira – eine Schultüte (und eine Kindergartentüte) darf natürlich nicht fehlen

In Caleta Kira, einer kleinen Ankerbucht südlich der Magellanstraße, feiern wir Kiras sechsten Geburtstag und ihre Einschulung. Ab heute wird sich unser Alltag an Bord ändern. Lesen, Schreiben, Rechnen – jeden Vormittag steht von nun an Unterricht auf dem Programm. Zusätzlich zu Haus und Transportmittel wird die ARACANGA jetzt auch noch zur mobilen Schule. Zum Geburtstag gibt es Puzzle und Bücher, und zur Einschulung darf die obligatorische Schultüte – gefüllt mit Stiften und Stickern, Schere und Kleber, Heften und Bastelmaterial – natürlich nicht fehlen.

Da der Wind in den kommenden Tagen von West zunächst auf Nord und dann weiter über Ost und Süd zurück nach West drehen soll und die Windgeschwindigkeiten mit vorhergesagten 55 Knoten – also etwa 100 km/h – alles andere als angenehm sind, beschließen wir, in eine rundum geschützte Ankerbucht um die Ecke zu segeln. Unsere Caleta Kira ist zwar perfekt gegen Westwind geschützt, nach Osten hin jedoch völlig offen. Die etwa zehn Seemeilen entfernte Bucht Puerto Niemann ist unser Ziel.

Puerto Niemann
Puerto Niemann

Puerto Niemann ist eine große, nach Süden offene Bucht, an deren Nordseite sich eine kleine, in alle Richtungen geschützte Bucht befindet. Diese ist gerade groß genug, dass wir mit einer Leine nach vorne, einer nach Backbord, dem Anker nach Steuerbord und zwei Leinen nach achtern wie in einer Badewanne geschützt liegen.

Die ARACANGA in Puerto Niemann
Gut geschützt im Spinnenetz – Puerto Niemann

Das Ausbringen der Leinen gestaltet sich hier zum ersten Mal etwas problematisch. Wie immer lassen wir bei Vorwärtsfahrt den Anker fallen, um die Kette an unserem anvisierten Liegeplatz straffkommen zu lassen und das Boot um die gespannte Kette drehen zu lassen. Während dieser Pirouette bleibt normalerweise genug Zeit, eine erste Landleine auszubringen, um das Boot zu „fixieren“. Diesmal verschätzen wir uns jedoch bei Windrichtung und Reihenfolge der Leinen, und eine unerwartete Böe, die seitlich auf das Boot drückt, treibt uns gefährlich nahe an die Felsen. Mit etwas Glück gelingt es uns, das Boot mit dem Dinghy wegzudrücken und die Bugleine rechtzeitig an einen Baum zu knoten. Jetzt sind wir an drei Punkten fest – es kann nichts mehr passieren.

Puerto Niemann - Naia im Kajak
Naia unterwegs im Kajak

Nach dem Schreckensmoment bringen wir in Ruhe die restlichen Leinen unseres „Spinnennetzes“ aus und liegen sicher. Als der Wind am nächsten Tag auf Sturmstärke zunimmt, legen wir noch zwei weitere Heckleinen an kräftige Bäume und ziehen uns möglichst weit ins Innere der Bucht zurück – für maximalen Schutz vor Wind und Schwell. Drei Tage lang heult der Wind im Rigg aus verschiedensten Richtungen, während wir es uns unter Deck am Ofen gemütlich machen und die Regenpausen nutzen, um die umliegenden Hügel zu erkunden oder im geschützten Inneren der Bucht mit dem Kajak zu paddeln. Puerto Niemann ist wegen seines nahezu perfekten Schutzes eines unserer Highlights der letzten Monate.

Ein Schwarzbrauen-Albatros im Canal Brecknock

Vor uns liegen mehrere offene Passagen, die wir bei ruhigem Wetter befahren möchten. Zunächst müssen wir durch den zum Pazifik hin offenen Kanal Cockburn und dann eine längere Strecke durch ein Gebiet mit breiten Kanälen zurücklegen, das immer wieder weit nach Süden offen ist und nicht gerade für sichere Ankerplätze bekannt ist.

Wenige Tage später sehen Wind und Welle gut und machbar aus. Den Schrecken unseres Anlegemanövers noch gut im Kopf, machen wir einen Plan, wie wir uns sicher aus dem Spinnennetz befreien können. Diesmal klappt alles wie am Schnürchen: Die Leinen sind eingeholt, der Anker ist oben, und weiter geht die Reise nach Süden.

Die ARACANGA im Brecknock Kanal
Sturmgepeitschte Landschaft, kaum Vegetation. Das ist der Süden Patagoniens

Der Kanal Cockburn ist bekannt für seinen hohen Schwell, der aus dem eisigen Südpazifik hereindrückt. Trotz ruhigen Wetters sind die Wellen beeindruckend. Viel kritischer als die Wellenhöhe ist allerdings die Amplitude, also der Abstand zwischen den Wellenkämmen. Eine lange Amplitude ist angenehm und ungefährlich – und genau das haben wir hier. Zwischen den Wellen sehen wir nur noch die Gipfel der umliegenden Berge und die Wassermassen um uns herum.

Erst als es um die Ecke in den angrenzenden Brecknock-Kanal und damit in geschütztere Gewässer geht, kommt die Welle kurzzeitig von der Seite und schaukelt uns durch. Fünf Minuten später ist alles vorbei. Wie ein Ententeich liegt der Kanal da, Feuerland an Backbord und die letzte Inselkette zwischen uns und der Antarktis im Süden.

Buckelwale im Beagle-Kanal
Eine Schule Buckelwale im Beagle-Kanal

Die Landschaft ist sturmgepeitscht: Kein Baum, kein Busch wächst auf den vom ständigen Wind glattgeschliffenen Felsen. Hier und da plätschern Wasserfälle den Stein hinab, ansonsten wirkt alles wie eine Mondlandschaft – wären da nicht die zahlreichen Albatrosse und Seehunde. Auch Pinguine sehen wir häufig und hin und wieder die Fontäne eines Wals, die sich das reichhaltige Nahrungsangebot an Krill auf ihrer Reise in wärmere Gewässer schmecken lassen.

Die Gewässer im äußersten Süden Südamerikas bieten zahlreichen Wal- und Delfinarten ideale Bedingungen. Besonders häufig sind Buckelwale anzutreffen, die sich während der Sommermonate in den nährstoffreichen Kanälen aufhalten, um sich an Krill und kleinen Fischen Fettreserven anzufressen. Regelmäßig sehen wir auch Fin- und Seiwale, die etwas scheuer sind und oft nur an ihren ruhigen, gleichmäßigen Blasstößen und den Rücken und Schwanzflossen zu erkennen sind. Neben den Walen werden wir immer wieder von Delfinen begleitet. Typisch für die geschützten, küstennahen Bereiche ist der Chilenische Delfin, eine hier endemische Art, die häufig in kleinen Gruppen nahe der Ufer unterwegs ist. In den offeneren Kanälen und Fjorden begegnen wir häufiger dem Austral-Delfin, der verspieltere und aktivere der beiden.

Durch den Ballenero bei bestem Wetter

Nach Osten geht es bei bestem Wetter unter Maschine und Segeln. Die Kanäle bilden ein Labyrinth – mal zeigt der Bug nach Süden, mal nach Osten oder Norden. Immer wieder strömt die Tide kräftig durch die Engstellen. Weiter geht es durch den Ballenero, einen breiten, ungeschützten Abschnitt unserer Route ohne sichere Ankerbuchten.

Wir peilen die kleine Insel Medio Paso an, eine der wenigen guten Ankermöglichkeiten in der Gegend. Dort gibt es eine flache Lagune, in der wir die Nacht verbringen können. Quer durch die Lagune haben Fischer eine dicke Trosse gespannt, an der wir uns festmachen und zusätzlich mit zwei Leinen an Land sichern.

Auch für den kommenden Tag ist ruhiges Wetter vorhergesagt – perfekt, um weitere Meilen nach Osten zu machen. Mittlerweile sind wir in den südlichsten Kanälen unserer Reise unterwegs. Bis nach Puerto Williams, unserem nächsten großen Ziel, ist es nicht mehr weit.

Caleta Cinco Estrellas

An der Vegetation erkennen wir, dass wir die sehr ungeschützten Bereiche des Ballenero verlassen haben und wieder in etwas geschützteren Kanälen unterwegs sind. Flache Sträucher und einzelne Bäume tauchen wieder am Ufer auf. Einerseits freuen wir uns auf Puerto Williams und etwas Zivilisation nach unserer langen Reise durch die Wildnis, andererseits möchten wir den letzten Abschnitt genießen und die Ankunft möglichst hinauszögern.

Am Pia-Gletscher

Hier im Süden, rund um die Insel Gordon und den Beagle-Kanal, erwartet uns eine spektakuläre Kulisse aus Gletschern, Felsen, tiefen Fjorden und wunderbar geschützten Ankerplätzen. Wir sind am südlichsten Zipfel Südamerikas unterwegs. Windgeschwindigkeiten von 100 km/h und mehr sind hier keine Seltenheit – wir müssen uns also keine Sorgen machen, Puerto Williams „zu früh“ zu erreichen, denn zwei weitere Tiefdruckgebiete bremsen uns ohnehin aus.

In Caleta Cinco Estrellas, einer rundum geschützten Lagune mit Wasserfall auf der einen und einer schmalen Zufahrt auf der anderen Seite, verbringen wir einige Tage, bevor wir den auf der anderen Seite des Kanals gelegenen Pia-Gletscher besuchen.

Der Pia-Gletscher ist einer der schönsten Gletscher der Reise – auch, weil das Wetter mitspielt. Der Ankerplatz ist zwar tief und der Grund recht felsig; wir brauchen fünf Versuche, bis der Anker hält. Dafür bietet die Bucht einen perfekten Blick auf den Gletscher, den wir am nächsten Tag mit dem Dinghy besuchen.

Durch dichte Treibeisfelder motoren wir langsam bis nahe an die Gletscherzunge heran, wo wir das Boot an einem Felsen festmachen. Zu Fuß geht es weiter bis zum Gletscher. Regelmäßig knackt und kracht es, und kleinere wie größere Eisbrocken stürzen mit Getöse ins Meer. Die Landschaft ist rau und unwirklich, die Atmosphäre magisch. Nur wir und der Gletscher. Den ganzen Tag verbringen wir dort, erst am Abend machen wir uns auf den Rückweg zur ARACANGA – begleitet von Delfinen.

Bilderreihe: Der Pia-Gletscher

Unser letzter Stopp vor Puerto Williams ist Caleta Olla. Man merkt, dass wir der Zivilisation näher kommen: Als wir ankommen, liegt bereits ein anderes Boot vor Anker. Die Bucht ist breit und gut geschützt und bietet Platz für mehrere Boote.

Caleta Olla und der Beagle-Kanal

Am nächsten Tag sind wir zu viert – zum ersten Mal seit gefühlter Ewigkeit treffen wir andere Segler. Die Böen peitschen den Kanal auf, an Weiterfahren ist vorerst nicht zu denken. Es regnet. Im Windschatten der Bäume jedoch ist es ruhig und trocken – ideal für ein spontanes Lagerfeuer und BBQ. Jeder bringt mit, was er hat; Wind und Wetter sind vergessen. Während die Kinder im Sand spielen, Beeren, Blumen und Kräuter sammeln, machen am Feuer die ersten Flaschen Wein die Runde – und es verspricht, ein fröhlicher und geselliger Abend zu werden.

Martin Pescador
Martin Pescador in Caleta Olla

Eine knappe Woche bleiben wir in Caleta Olla, bevor wir die letzten Meilen nach Puerto Williams in Angriff nehmen. Zu guter Letzt, keine zehn Meilen vor unserem Ziel, gibt es noch einen kurzen Aufreger: Der Öldruck der Maschine fällt ab und die Temperatur steigt. Kurzzeitig überlegen wir, eine Ankerbucht anzulaufen. Nachdem wir den Ölfilter gewechselt und etwas Öl nachgefüllt haben, bleibt der Druck im unteren, aber stabilen Bereich, und die Temperatur sinkt wieder etwas. So tuckern und segeln wir schließlich die letzten Meilen bis Puerto Williams.

Puerto Williams. Wie viele Jahre haben wir davon geträumt, diesen Ort einmal auf eigenem Kiel zu erreichen. Es ist die südlichste Ortschaft der Welt – und Heimat des südlichsten Yachtclubs der Welt: des Club de Yates Micalvi.

Puerto Williams
Der Club de Yates Micalvi in Puerto Williams

Die Micalvi ist ein Frachtschiff, das 1925 gebaut wurde und nach einer langen Odyssee hier auf einer Sandbank seinen letzten Liegeplatz gefunden hat. Seitdem dient es als Anleger für die wenigen Yachten, die sich so weit in den Süden wagen. Aber dazu mehr im nächsten Blogeintrag.

Aus Puerto Williams (54° 56‘ S; 67° 37‘ W) grüßen die vier ARACANGAs: Riki, Martin, Kira und Naia.


Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen

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