Die Magellanstraße ist ein natürlicher Kanal im südlichsten Süden Südamerikas, der auf einer Länge von 330 Seemeilen (ca. 610 Kilometer) den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Im Norden der Magellanstraße liegt Kontinentalsüdamerika, südlich davon eine Insel, deren Namen vermutlich jeder schon einmal gehört hat: Tierra del Fuego, Feuerland.

Wir befahren nicht die gesamte Magellanstraße, sondern nur den westlichen Teil von der Insel Tamar bis zum Kanal Pedro. Diesen Abschnitt der Reise versuchen wir, relativ zügig zu durchfahren, da die Magellanstraße direkt im Einzugsgebiet der regelmäßig aus dem Westen heranrauschenden Tiefdruckgebiete liegt und im Gegensatz zu den anderen Kanälen sehr breit und ungeschützt ist. Sie verhält sich wie eine Düse, in der sich schnell eine vier Meter hohe Welle, 60 Knoten Wind und mehr aufbauen können. Obendrein gibt es hier verhältnismäßig wenig sehr geschützte Ankerbuchten bzw. wenige, die man auch bei plötzlich hereinbrechendem Schlechtwetter gefahrlos anlaufen kann. Die Gefahr von Fallböen aus den umliegenden Bergen, den sogenannten Williwaws oder Ratchas, ist in diesem Abschnitt der Reise omnipräsent.
Erst ab der etwa 100 Meilen östlich des Pazifiks liegenden Insel Carlos III, um die die Magellanstraße eine S-Kurve macht und gleichzeitig schmaler wird, werden die Wellen kleiner und die Bedingungen deutlich besser. Ab hier findet man auch Ankerbuchten, die bei unerwartetem schlechtem Wetter gut genutzt werden können.

Puerto Profundo ist der letzte sichere Ankerplatz, bevor wir aus dem Kanal Smyth in die Magellanstraße einbiegen. Hier warten wir auf gutes Wetter. Ein bis zwei Wochen Wartezeit sind keine Seltenheit. Die ARACANGA liegt mit insgesamt sechs Landleinen plus Anker gesichert im hintersten Ende eines kleinen, schmalen Fjordes. Wir nutzen die Wartezeit, um auf die umliegenden Hügel zu kraxeln und aus der Ferne über die graue, regenverhangene Magellanstraße hinweg zu blicken. Während auf der einen Seite der Halbinsel der Fjord flach und ruhig daliegt, pfeifen im Kanal die Windböen nur so übers Wasser. Eine konfuse See mit kurzen, steilen Wellen und weißen Schaumkronen lädt nicht zur Weiterfahrt ein, und wir ziehen es vor, noch etwas abzuwarten.
Drei Tage später deutet sich eine Wetteränderung an. Die ersten Meilen sind die Schlüsselstelle. Wir müssen zunächst etwa zwei Stunden nach Süden segeln, um die Insel Tamar zu runden, die nicht gerade für ihre angenehmen Wetterbedingungen bekannt ist. Die Welle ist mit eineinhalb Metern und der Wind mit 25 Knoten vorhergesagt – gute Bedingungen also. Trotzdem sollte man im Hinterkopf haben, dass gerade hier, auch bei moderaten 25 Knoten, durchaus mal eine Böe mit der doppelten Geschwindigkeit durchpfeifen kann und die Wellenhöhe den Durchschnitt, nicht die Spitzen, beschreibt. Haben wir die Insel Tamar einmal gerundet, versprechen Wind und Welle mit jeder Seemeile nach Osten etwas ruhiger zu werden.

Los geht’s. Alles ist verzurrt und verräumt, und nachdem wir unter Maschine aus dem schmalen Fjord gefahren sind, setzen wir unsere kleine Genua. Wir halten einen Kurs etwas südlicher als nötig, um die Welle nicht direkt querab zu haben, werden aber trotzdem ordentlich durchgeschüttelt. Etwa 30 Knoten Wind und zwei Meter Welle sind zwar etwas mehr als vorhergesagt, aber auf 50 Grad südlicher Breite darf man da nicht so kleinlich sein. Nur unter Vorsegel machen wir über acht Knoten Geschwindigkeit, und nach etwa zwei Stunden Schaukelfahrt liegt die Insel Tamar im Kielwasser. Der Bug zeigt nach Osten, und eine überwältigende Gefühlsmischung aus Freude, Respekt und Stolz, die legendäre Magellanstraße auf eigenem Kiel zu befahren, macht sich in uns breit.
Die Welle nimmt ab; der Himmel reißt auf; karge Felsen und schneebedeckte Gipfel bestimmen das Ufer. Vorab haben wir sämtliche Ankerplätze gründlich studiert und die Optionen geplant. Eine kräftige mitlaufende Strömung meint es gut mit uns, und bei guten Bedingungen können wir einige Meilen gutmachen. Unser erster Ankerplatz in der Magellanstraße ist Playa Parda, eine rundum geschützte Bucht mit atemberaubendem Panorama aus steilen Granitwänden, tosenden Wasserfällen und schwarzen Stränden. Die Bucht gilt als sehr sicher, trotz der kräftigen Williwaws, und wurde seit ihrer Entdeckung von allen großen Seglern und Expeditionen genutzt, nicht nur als sicherer Hafen, sondern auch um Wasser und Brennholz zu bunkern. Sir Francis Drake, Robert Fitzroy, Joshua Slocum: Die Namensliste derer, die hier geankert haben, ist lang.

Wir kommen abends an und legen schon früh am nächsten Morgen wieder ab. Das Wetter sieht zu gut aus, um lange hier zu verweilen. Wir möchten noch am Vormittag die Insel Carlos III erreichen, daher holen wir gleich beim ersten Tageslicht den Anker auf und machen uns auf den Weg. Am Nachmittag kündigt sich eine Wetteränderung mit starken Böen an. Zeit genug, um den sicheren Ankerplatz Bahia Mussels auf der besagten Insel zu erreichen und dort das nächste Tief abzuwettern. Auch heute begleitet uns die karge Landschaft aus vom Wind glattgeschliffenen Felsen, die hohen Gipfel dahinter jedoch sind vom Grau der Wolken verschluckt. Zahlreiche Albatrosse gleiten majestätisch über dem Wasser, und zwei mächtige Finnwale, die nach dem Blauwal die zweitgrößten Wale der Welt sind, tauchen vor unserem Bug ab. Bereits in der Einfahrt der großen Bahia Mussels legt der Wind auf 30–40 Knoten zu; je weiter wir jedoch in die tiefe Bucht hineinfahren, desto ruhiger wird es. Wir ankern auf etwa zehn Metern Wassertiefe, ziehen unser Heck so weit wie möglich in Richtung Ufer und machen uns mit zwei Heckleinen an kräftigen Bäumen fest.

Jahr für Jahr versammeln sich im Sommer zahlreiche Buckelwale in der Umgebung der Insel Carlos III, da sie hier ein reichhaltiges Nahrungsangebot an Krill vorfinden. Das Gebiet ist besonders einzigartig, da es das einzige bekannte regelmäßige Futtergebiet für Buckelwale außerhalb der Antarktis ist. Während die Tiere das restliche Jahr in tropischen Gewässern verbringen, um sich zu paaren und ihre Jungtiere aufzuziehen, kehren sie regelmäßig von Januar bis April hierher zurück, um sich eine dicke Fettschicht anzufressen. Während der darauffolgenden Wanderung nach Norden und der Zeit in tropischen Gewässern fressen die Tiere kaum, da dort das Nahrungsangebot verhältnismäßig knapp ist.
Von Bahia Mussels aus möchten wir an einem Tag die Ankerbucht Caleta Félix im Kanal Pedro erreichen, der die Magellanstraße in Nord-Süd-Richtung mit den südlich davon liegenden Kanälen verbindet. Zwar ist die Welle unangenehm, aber mehrere Sichtungen von Finn- und Seiwalen sowie unsere steten Begleiter, Delfine, Pinguine und Albatrosse, machen die unangenehmen Bedingungen jedoch mehr als wett.

Eine steile Welle im Canal Pedro lässt uns die Pläne kurzfristig ändern, und anstatt bis in die Caleta Félix zu fahren, entscheiden wir uns für eine frühere Ankerbucht, um auf eine Wetterbesserung zu warten. Caleta Hidden ist ein schmaler Fjord mit einem Becken an seinem Ende, das sich als ziemlich ideale Ankerbucht herausstellt. Das Ufer fällt so steil ab, dass wir mit dem Heck bis fast ans Ufer manövrieren können, wo wir zusätzlich zum Anker drei Landleinen ausbringen, um die bevorstehenden Tiefdruckgebiete abzuwarten. Ein breiter Strand aus flachen, schwarzen Schiefersteinen, massenhaft Chaurabeeren am Ufer und einige moos- und grasbewachsene Hügel, die zum Wandern und Erforschen einladen, machen die Bucht zu einem unserer Lieblingsplätze in der Gegend. Während draußen in der Magellanstraße der Wind mit 50 Knoten pfeift, liegen wir hier ruhig und sicher.

Unsere Vorräte an Mehl, Milch, Obst, Gemüse und Salat neigen sich langsam dem Ende zu; daher freuen wir uns umso mehr über die vielen einheimischen Beeren wie Chaura, Miquai und Calafate. Und die wilden Selleriepflanzen werten unseren so langsam etwas eintönigen Essensplan deutlich auf. Eine Woche warten wir in Caleta Hidden ab, bis sich eine Wetterbesserung einstellt.
Es ist zwar nach wie vor windig, allerdings weht es nun nur noch mit 25–30 Knoten aus Nord. Wir wollen nach Süden, also mit dem Wind von hinten. Die Kanäle Pedro und Acwalisman verbinden die Magellanstraße mit den südlich davon gelegenen Kanälen. Wir haben uns vorab von der Armada eine Erlaubnis eingeholt, diese Kanäle befahren zu dürfen, da sie abseits der offiziellen Route liegen. Hier gilt es wieder einmal, gut zu planen, da es mehrere Engstellen auf dem Weg gibt. Wir holen den Anker um 13.00 Uhr auf, um Paso O’Ryan, die schmalste und flachste Stelle, bei mitlaufender Strömung zu befahren. Hier verengt sich der Kanal, der sonst über 100 Meter tief und relativ breit ist, auf knapp 100 Meter Breite und 6 Meter Tiefe. Die Flut läuft von Nord und Süd in den Kanal, was die Berechnung der Strömungen nicht unbedingt einfacher macht. Während der nordwärts setzende Strom lange andauert, dauert die für uns günstige, nach Süden setzende Strömung nur etwa zwei Stunden und ist entsprechend stark.

Aus der Ferne sehen wir das Wasser im Kanal kochen. Es erinnert an einen reißenden Fluss irgendwo in den Bergen, nur dass hier Seehunde in der Strömung spielen und jagen. 6 Knoten, 7 Knoten, 8 Knoten – langsam nimmt die Geschwindigkeit zu und wir werden in den Trichter gesogen. Das Boot wird auf beide Seiten gerissen. 10, 11, 12 Knoten. Wir schießen dahin. 13 Knoten, und schon sind wir durch. Der Kanal wird breiter, die Strömung lässt nach, nur noch der ein oder andere Strudel zwingt uns zu Kurskorrekturen und plötzlich ist es so, als wäre nichts gewesen. Wir visieren Caleta Parmelia, eine breite Bucht, in die zwei Flüsse münden, als Ankerplatz an, sind dann aber nicht überzeugt. Zu breit, zu flaches Land außenrum, zu wenig Schutz und keine guten Bäume für Landleinen. Während Riki das Boot langsam wieder aus der Bucht steuert, klappere ich mit dem Dinghy die umliegenden Möglichkeiten ab und messe die Wassertiefen. Verlässliche Seekarten für dieses Gebiet gibt es keine. Die meisten Buchten stellen sich als zu flach heraus, bei einer vorgelagerten Insel jedoch finden wir eine wie maßgeschneiderte Bucht für uns, in der wir gesichert an vier Leinen, zwei nach vorne und zwei nach achtern, ein passendes Wetter abwarten, um die nächste Schlüsselstelle zu befahren. Der nächste Tag ist Kiras sechster Geburtstag, daher taufen wir die namenlose Bucht Caleta Kira.
Herzliche Grüße aus dem Süden Patagoniens senden die vier ARACANGAs
Naia, Kira, Riki und Martin

Eine spannende Geschichte aus einer phantastischen Welt – inspiriert von unseren Erlebnissen

