Gambia River – von Hippos und Hirtenjungs

300 Kilometer sind wir mittlerweile ins Landesinnere getuckert, von Banjul an der Küste bis kurz vor Jang Jang Bureng weit im Landesinneren. Aktuell liegen die „aracanga“ und ihr Buddyboat „Streuner“ südlich der Kai-Ai-Islands bei der kleinen Ortschaft Sepu vor Anker, einem verschlafenen Dorf, von dem selbst die Einwohner sagen, dass es hier relativ langweilig ist. Gegen Mittag kommen wir nach einer windigen Fahrt mit dem Flutstrom hier an und werden gleich von ein paar Hirtenjungs begrüßt, die auf der gegenüberliegenden Uferseite vom Dorf eine Rinderherde hüten. Sie paddeln zu uns rüber und schenken uns zwei Liter „frisch gezapfte“ Milch.

Der örtliche Metzger

Da die frische und unbehandelte Milch bei der Hitze schnell schlecht wird, verwenden wir einen Schluck davon zum Kaffee und der Rest wird gleich zu Fetakäse weiterverarbeitet. Aus 2 Litern Milch bekommen wir über 200 Gramm Käse, was für ein Luxus! Das Leben der Einheimischen ist karg, hart und eintönig. Zu kaufen gibt es hier neben absoluten Grundprodukten kaum etwas. Es gibt  zwar noch ein paar letzte Restbestände an Leckereien an Bord, aber man passt sich ganz automatisch den lokalen Gewohnheiten an. Wir leben relativ einfach und essen das, was die Einheimischen auch essen, in erster Linie Reis mit Fisch. Zu trinken gibt es Wasser und selbstgemachten Sirup aus Hibiskusblüten, die man hier sehr günstig auf dem Markt bekommt. Kaufen kann man hier außerdem das einheimische Brot „Tabalabba“, Eier, Mehl, Reis, Couscous und mit viel Glück etwas Obst, hauptsächlich Orangen, und Gemüse, das man in der Regel jedoch noch am gleichen Tag verarbeiten muss. Fleisch gibt es nur sehr selten und wenn, dann ist der Besuch beim Metzger schon ein kleines Abenteuer.

Von Kau Ur, wo der letzte Blogartikel endet, fahren wir eine wunderschöne Etappe auf einem schmalen Seitenarm des Gambia River bis zu der kleinen Ortschaft Jareng Badala, was mit seinen traditionellen, palmgedeckten Lehmhäusern für uns bisher das schönste Dorf am Fluss ist. In den Seitenarm fahren wir auf „gut Glück“, wir haben keine Wassertiefen für den Flussarm und verlassen uns auf die Aussage eines Fischers, dass er tief genug ist und es lohnt sich. Nur einmal wird es etwas knapp unterm Kiel und das Echolot zeigt nur noch zwei Meter an (wir haben 1,7 Meter Tiefgang), aber ganz am Rand direkt bei den Mangroven finden wir durchgehende Wassertiefen von drei Metern und mehr. Jareng Badala ist nicht nur das schönste Dorf bisher, sondern bereitet uns wegen seiner Abgeschiedenheit auch den unvergesslichsten Empfang.

Jareng Badala

Sobald wir mit unserem Beiboot zwischen den vielen Einbäumen der Fischer anlanden, werden wir auch schon von einer Schar Kinder entdeckt, die laut „Toubab“ schreien, wie wir hier genannt werden. Sie nehmen uns an der Hand, an jeden Finger eines, und wer keinen Finger mehr bekommt nimmt einfach das nächste Kind an der Hand, hält uns am T-Shirt fest oder steckt kurzerhand seine Hand in unsere Hosentasche. Vom Landeplatz am Fluss sind es etwa 200 Meter bis zum Dorf, die wir von immer mehr lachenden Kindern begleitet werden, die uns nach unseren Namen fragen, sich um unsere Finger raufen und laut afrikanische Lieder singen. Wir haben kaum eine Chance, die Menschen im Dorf zu begrüßen, da die Kindertraube um uns herum immer noch größer wird. Sie ziehen und schieben uns zum Dorfplatz und zu ihrer Schule, wo wir uns kurz mit dem dortigen Lehrer unterhalten und ihm versprechen, am nächsten Tag Schulhefte und Stifte mitzubringen, die wir glücklicherweise an Bord haben. Auch einen Fußball haben die „Streuner“ noch an Bord, über den sich die Kinder und die Lehrer riesig freuen. Und wonach wir von allen Kindern gefragt werden sind leere Plastikflaschen, in denen sie Trinkwasser abfüllen können. Auch davon haben wir etliche an Bord und wir freuen uns über diese Art von Recycling. Ein Mädchen streckt uns sogar einen Dalasi entgegen, dass wir ihr eine Plastikflasche mitbringen, die wir ihr aber auch gerne ohne Bezahlung geben. Ein Dalasi sind umgerechnet ca. zwei Cent, aber hier natürlich deutlich mehr wert, vor Allem für ein kleines Kind.

Viele kleine Helfer beim Dinghi tragen

Zurück bei unserem Dinghi können wir gar nicht so schnell schauen, wie unzählige Kinderhände unser Beiboot greifen, ins Wasser tragen und lachend drinsitzen. Am nächsten Tag reicht es den Kindern nicht aus, auf unseren Besuch an Land zu warten, schon in der Früh steigen sie in ihre Kanus und kommen zu uns raus gepaddelt. Binnen kürzester Zeit sitzt das ganze Cockpit voller Jungs und Mädchen, die mit großem Interesse unser Boot bestaunen und sich freuen, als wir unsere Vorräte an Doppelkeksen auspacken und verteilen. Und natürlich möchte auch jeder einmal einen Blick unter Deck werfen und sehen, wie wir so leben. Für besonderes Staunen sorgen unsere beiden Fußpumpen in der Pantry, mit denen wir Wasser aus dem Tank oder von außenbords in die Spüle pumpen können. Aber das Highlight sind der Fotoapparat, das Fernglas und die Funkgeräte. Jeder möchte einmal die „Streuner“ am Funk anrufen oder sich zwischen Handfunke an Deck und Funkgerät in der Kajüte unterhalten. So spannend es für die Kinder ist, sich unser Zuhause anzusehen, so spannend sind für uns die Besuche im Dorf.

Bai und Ibrahim zu Besuch an Bord

Die meisten der Kinder gehen zur Schule, jedoch leider bei weitem nicht alle. Oft werden die Kleinen schon als Arbeitskräfte benötigt und besuchen nur wenige Jahre oder gar keine Schule. Besonders gut verstehen wir uns mit zwei Jungs, die nicht im Dorf leben, sondern auf der Nachbarinsel eine große Herde Kühe und Rinder hüten und uns oft mit ihrem Einbaum an Bord besuchen. Ibrahim und Bai sind etwa zehn Jahre alt, gehen nicht in die Schule und leben zusammen in einer kleinen Schilfhütte von etwa zwei auf zwei Metern. Ob sie in der Regenzeit auch in der Schilfhütte leben können wir aufgrund der Sprachbarriere nicht herausfinden, aber wir verstehen uns soweit, dass wir uns über einfache Dinge unterhalten mit ihnen Domino spielen und zusammen Bücher anschauen können. Besonders gefallen ihnen unser Atlas und das Buch über Fische, wo sie viele ihnen bekannte Exemplare finden. Als wir ihnen vor unserer Abfahrt das Dominospiel schenken, strahlen sie übers ganze Gesicht, denn es bedeutet eine kleine Abwechslung in ihrem sonst so arbeitsreichen Leben. Als Dankeschön bringen sie uns drei Liter frische Milch vorbei. Von hier fällt uns der Abschied besonders schwer und wir nehmen uns fest vor, auf dem Rückweg hier nochmal für ein paar Tage zu stoppen. Obwohl wir natürlich noch deutlich mehr nette Menschen hier kennenlernen, bleiben uns von Jareng Badala in erster Linie die vielen, liebenswerten Kinder in Erinnerung.

Das nächste Ziel nach Jareng Badala heißt Bird Island. Bei unserer Abfahrt stehen Ibrahim und Bai am Ufer ihrer Insel und winken uns nach, während wir uns auf den Weg weiter ins afrikanische Landesinnere machen. Mit jeder Meile in den Kontinent wird es heißer und das Thermometer steigt jeden Tag auf über 40 Grad, so dass wir versuchen, morgens oder abends auf dem Fluss zu fahren, wenn es etwas kühler ist. Bei Bird Island kommen wir kurz vor Sonnenuntergang an und bleiben für zwei Nächte. Die Insel, eigentlich sind es ja zwei Inseln, sind wunderschön und vermitteln einen richtigen Eindruck von undurchdringbarem Dschungel, ohne Machete kann man hier nicht an Land gehen. Mittlerweile finden sich kaum mehr Mangroven an den Ufern, dafür alle möglichen Arten von Palmen und mächtige Bäume, Mango, Kapok, Baobab, Cashew und viele mehr, deren Namen wir nicht kennen. Es ist ein sogenannter Galeriewald, wie er sich oft entlang großer, tropischer Flüsse findet. Immer wieder sehen wir Affen in den Bäumen, Stummelaffen, Meerkatzen und Paviane.

Mädels im Ausguck

Auch unzählige verschiedene Arten von Vögeln in allen Größen und Farben, von kleinen schwarz-weißen oder türkisenen Eisvögeln bis hin zu mächtigen Adlern, Reihern und Pelikanen fliegen und staksen ums Boot. Nach Bird Island legen wir einen kurzen Stopp bei der Ortschaft Kuntaur ein, wo wir ein paar Grundnahrungsmittel kaufen und fahren dann weiter zu einem der Highlights der Flussfahrt, den Baboon Islands. Die Inselgruppe ist ein Nationalpark, der allerdings nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Auf den Inseln werden Schimpansen aus illegaler Gefangenschaft ausgewildert. Schimpansen sind vor etwa 100 Jahren in Gambia ausgestorben, hier wird seit den 1970er Jahren erfolgreich versucht, die Tiere wieder anzusiedeln. Den Namen Baboon Islands haben die Inseln allerdings von den Pavianen, die hier sehr zahlreich leben. Das Highlight für uns sind aber ganz andere Tiere, die wir hier zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, nämlich die größten Tiere, die es am Gambia River gibt: Flusspferde.

Hippoballett mit Lodgenplätzen

Etwa 100 Meter von der „aracanga“ entfernt drehen sie friedlich und gemächlich ihre Runden, tauchen für ein paar Minuten ab und dann prustend wieder auf und geben beeindruckende bellend-brüllenden Laute von sich. Aus sicherer Entfernung sind die Tiere schön anzusehen, aber ihnen sollte man nicht zu nahe kommen, sie gelten als die gefährlichsten Tiere am Fluss. Selbst die Kinder aus Kuntaur warnen uns, nicht zu nahe hin zu paddeln: „They will kill you.“ Wie gespannt sitzen wir mit unseren Ferngläsern an Deck und beobachten die riesigen Tiere, die schwerer als unser Boot werden können. Begegnungen mit Tieren sind immer wieder spannend und faszinierend und die Hippos auf jeden Fall ein Höhepunkt der bisherigen Reise. Schimpansen bekommen wir leider keine zu Gesicht und die Parkranger sind sich nicht ganz einig, wie sie mit uns umgehen sollten. Die einen sagen, dass wir nah an die Insel fahren sollen, um die Tiere beobachten zu können, die anderen sagen, wir sollen ganz am anderen Ufer bleiben. Vielleicht sehen wir ja auf dem Rückweg noch welche…

Sonnenuntergang bei Baboon Island

Von den Baboon Islands brechen wir in der Früh auf, um mit der Morgenflut bis nach Sepu zu fahren, wo wir jetzt vor Anker liegen. Der Fluss wird, je weiter wir landeinwärts fahren, zusehends schmaler und auch flacher, immer wieder zeigt das Echolot nur noch gute drei Meter Wassertiefe an. Jetzt haben wir noch acht Meilen bis nach Jang Jang Bureng, das früher Georgetown hieß und auf der MacCarthy Island liegt. Jang Jang Bureng ist unser vorläufiges „Etappenziel“, dort geht eine Stromleitung über den Fluss und wir wissen nicht, wie hoch diese ist und ob wir darunter durch kommen. Ein paar Tage werden wir dort bleiben und dann weitersehen, ob wir weiter nach Osten oder zurück nach Westen fahren.

Soweit von Bord. Wir schicken ganz herzliche Grüße aus Gambia, einem Land, das wir sehr zu lieben gelernt haben. Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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4 Kommentare

  1. Hi Martin,
    von VivaConAgua kam heute leider eine Absage 🙁
    Moin Peter,
    vielen Dank für deine E-Mail. Da du bei Wasserprojekten an Viva con Agua denkst, zeigt uns dass wir unsere Arbeit richtig machen. Wir haben aktuell Projekte in mehreren Ländern über die du dich gerne auf https://www.vivaconagua.org/projekte informieren kannst. Aus diesem Grund ist es uns leider nicht möglich weitere Projekte zu unterstützen.
    Ich wünsche dir für euer Vorhaben trotzdem viel Erfolg und alles Gute

    Freundliche Grüße

    Raffaele

    Raffaele Clarizia
    Wasserprojekte / intern WASH projects

    Viva con Agua de Sankt Pauli e.V.
    Neuer Kamp 32 – 20357 Hamburg
    Tel: +49 (0) 40-466 355 75 (Mo-Fr 12-18Uhr)
    http://www.vivaconagua.org

    Hoffentlich klappt es mit dem Kontakt zu Bakery Jatta und seiner Entourage. Viel Glück! Peter

  2. Hi Ihr Zwei,
    nochmal zum Thema Bombale zurück (Siehe mein früherer post): Christian Wiebe von VivaConAgua ist bis Anfang April im Urlaub und meldet sich nach seiner Rückkehr bei mir oder gleich bei Euch. Mir kam da noch eine Idee. Wir haben hier in Hamburg einen sehr populären Spieler aus Gambia beim HSV. Bakery Jatta. Kontaktet den Jungen doch mal über sein Instagram-Profil (https://www.instagram.com/jatta18/). Mit seinem finanziellen Hintergrund und seiner fanbase im Rücken (die Landeskenntnisse nicht zu vergessen) könnte sich das Bombale-Brunnen-Problem evtl. schneller lösen lassen als gedacht. Auf geht’s! Und viel Erfolg! Gruss, Peter

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