Süßwassermatrosen auf dem Gambia River

Vor Anker in Kau-Ur

Mittlerweile sind wir so weit nach Osten gefahren, dass wir aus dem Salz- und Brackwasserteil des Gambia River ins Süßwasser gekommen sind. Im Moment liegen wir vor der etwas größeren Ortschaft Kau-Ur vor Anker, was einmal der wichtigste Binnenhafen von Gambia war. Abgesehen von der in die Jahre gekommenen Erdnussfabrik und davon, dass wir hier frische Lebensmittel, Brot, Milch und ähnliches bunkern können, ist die Ortschaft relativ reizlos. Von Banjul an der Atlantikküste bis Kau-Ur sind es etwa 110 Seemeilen (ca. 200 Kilometer) auf dem Fluss und mittlerweile befinden wir uns schon relativ weit im afrikanischen Kontinent, was wir an der täglichen Hitze spüren. Nachmittags klettert das Thermometer auf 35 Grad und mehr, abends und nachts ist es hingegen angenehm kühl.

Süß- statt Salzwasser

Mit dem Süßwasserteil des Gambia River hat sich auch die Landschaft und Vegetation geändert, die Mangroven an der Küste sind den mächtigen, bis zu zwanzig Meter hohen Süßwassermangroven gewichen, deren Wurzeln aus vielen Metern Höhe ins Wasser hängen und die einen richtigen Eindruck von afrikanischem Dschungel erwecken. Je weiter wir den Fluss nach Osten fahren, desto häufiger lichten sich die Mangroven von Zeit zu Zeit und geben den Blick auf das karge Hinterland frei.

Kleines Fischerdorf am Gambia River

Dort wechseln sich sanfte, rote Hügel mit Reisplantagen, mächtigen Baobab– und Kapokbäumen, Palmplantagen und hin- und wieder einer kleinen Ortschaft ab. Mittlerweile ist der Fluss deutlich schmaler geworden und teilt sich immer wieder in einzelne Seitenarme auf, die große Inseln umschließen. Für diese Inseln wie z.B. Elephant Island, Seahorse Island oder die etwas weiter Flussaufwärts gelegenen Baboon-Islands ist der Gambia Fluss bekannt, hier findet sich eine reiche Vielfalt an Wasservögeln und Wildtieren. Einer unserer wichtigsten Begleiter in den letzten Tagen ist unser Fernglas, das immer griffbereit im Cockpit liegt, um das Ufer nach Krokodilen oder Flusspferden abzusuchen. Krokodile sind nicht so wählerisch was das Wasser angeht und wir haben bereits ein paar dieser Meister der Tarnung im Brackwasserteil des Flusses gesichtet. Flusspferde sind etwas wählerischer und nur im Süßwasser anzutreffen, je weiter wir nach Osten fahren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir bald welche zu Gesicht bekommen.

Bombale

Die neue und einzige Brücke über den Gambia River

Vom Jurong Creek aus, wo der letzte Blogartikel endet, sind es nur wenige Meilen bis zur neuen Brücke über den Gambia River, die mit ihrer Durchfahrtshöhe von angeblich 20 Metern (ohne Gewähr, wir schätzen es ist weniger) für unsere kleinen Boote glücklicherweise kein Problem darstellt. Die Brücke ist Teil des Trans-Gambia-Highways und wurde erst dieses Jahr eröffnet. Bisher dürfen nur PKWs die Brücke nutzen, LKWs und Busse sind nach wie vor auf die Fähre angewiesen. Nach einer Nacht vor Anker an der Brücke heißt das nächste Ziel Bombale, eine kleine Ortschaft am nördlichen Seitenarm von Elephant Island wo wir, wie an allen Orten bisher, herzlich und gastfreundlich empfangen werden. Je weiter wir nach Osten fahren, desto einfacher werden die Dörfer und Lebensumstände der Menschen in den Ortschaften. Wie so oft ist auch hier das Problem, dass verhältnismäßig mehr Geld in die Städte als für die ländliche Bevölkerung ausgegeben wird. Das merken wir schon beim Anlanden an dem, was einmal der Steg für die Fischer war. Übrig sind nur noch ein Haufen Steine mit ein paar abgebrochenen Pfeilern, über die man vorsichtig hinweg balancieren muss, um nicht im Flussschlamm zu landen.

Die Stegreste von Bombale

Von der Landungsstelle zum Dorf sind es ca. dreihundert Meter entlang einer roten Sandpiste mit Reisfeldern links und rechts so weit das Auge reicht. Im Ort angekommen wird man von einem riesigen Kapokbaum und einer noch größeren Schar Kinder begrüßt, die alle „Toubab“ schreien und uns an der Hand nehmen, eines an jedem Finger. Für manche der Kinder sind wir wahrscheinlich die ersten „Toubab“ die sie sehen. Aber nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Frauen und Männern des Dorfes sind wir die Attraktion und jeder möchte sich vorstellen und frägt nach unseren Namen. Wir hoffen, dass wir hier etwas Obst und Gemüse einkaufen können, was allerdings nicht möglich ist. Dafür müssten wir morgens um sieben mit dem Bus nach Farafenni, der nächsten Stadt fahren. Neben Obst steht noch Brot auf unserer Einkaufsliste und auf unsere Frage nach „Tabalabba“, dem lokalen Brot, wird uns ein massiver Lehmofen unter einem Wellblechdach gezeigt, wo abends gebacken wird. Also kommen wir um acht Uhr am Abend zurück, der Teig ist bereits in einer ausrangierten Badewanne geknetet und gerade werden die Baguette ähnlichen Rohlinge geformt. Nach und nach kommen immer mehr Dorfbewohner zur Backstube, um frisches Brot zu kaufen, der Laib für sieben Dalasi (ca. 12 Cent). Das Brot schmeckt wunderbar und hält problemlos ein paar Tage. Beim Warten aufs Tabalabba lernen wir Momodou kennen, den Direktor der Dorfschule, der uns einlädt, am nächsten Tag die Schule zu besuchen.

Schule ohne Wasser und Strom

Die Zweitklässler von Bombale

Auf dem Weg zur Schule kommen wir an der Dorfklinik vorbei. Die Klinik ist ein kleines Haus, allerdings ohne Arzt, der immer aus dem ca. 25 Kilometer entfernten Farafenni anreisen muss. Für ein Haus für den Arzt fehlt das Geld. Weiter geht es zur Schule, sie ist ein einfacher Bau ohne Strom und ohne Wasser. Unterrichtet wird vom Kindergarten bis zur Klasse neun, schichtweise zum Teil am Vormittag und zum Teil am Nachmittag. Wir werden von Klassenzimmer zu Klassenzimmer geführt, wo wir uns mit den Lehrern und den Schülern unterhalten und sich jeder über unseren Besuch und über ein wenig Abwechslung im Unterrichtsalltag freut. Nach der Führung sitzen wir im „Lehrerzimmer“, einem einzelnen Schreibtisch im Schatten eines Mangobaums mit ein paar Ordnern und einer Pausenglocke auf dem Tisch und hören von den Problemen der Schule, allen voran der Schulbrunnen mit seiner defekten Handpumpe. „Ob wir nicht mal nachsehen können, der Mechaniker wollte schon seit Tagen kommen…“ Mit Werkzeug bewaffnet kommen wir am Nachmittag zurück und – genau in der Zwischenzeit war der Mechaniker aus Farafenni da und hat die etwas nostalgisch anmutende Pumpe wieder in Gang gesetzt. Die Lehrer sind erleichtert, aber noch nicht glücklich. Sie träumen von einer solarbetriebenen Pumpe und einem Schulgarten, wo sie Obst und Gemüse anbauen und somit für etwas Abwechslung im Speiseplan der Kinder sorgen können.

Mädchen in Bombale

Das gleiche Problem erleben wir am nächsten Tag wieder. Kebba, ein junger Mann aus dem Dorf führt uns herum und zeigt uns unter Anderem den Gemüsegarten des Dorfs, der allerdings eher einem Stück Wüste ähnelt. Nur wenige Quadratmeter sind bewirtschaftet, dort wachsen Kassava, Tomaten, Schnittlauch und eine Handvoll anderer Pflanzen. Der Rest des Gartens liegt brach und auch hier ist der Grund ein defekter Brunnen. Auch Kebba träumt von einer elektrischen Pumpe um nicht jeden Liter Wasser Hand über Hand aus zwölf Meter Tiefe holen zu müssen. „Ob wir ihm helfen können?“ Wir können einen gewissen Betrag beisteuern und wir können darüber schreiben. Vielleicht fühlt sich ja jemand angesprochen, wenn außer uns noch der ein- oder Andere einen kleinen Betrag beisteuert, können wir vielleicht eines der Projekte „Dorfpumpe, Schulpumpe oder Ärztehaus“ etwas auf die Sprünge helfen. Wer Interesse hat – ihr könnt uns eine Nachricht schreiben oder direkt in unsere „Kaffeekasse“ mit dem Betreff „Bombale“ spenden. Auf dem Rückweg werden wir wieder an dem kleinen Dorf Bombale stoppen. Dass das Geld komplett weitergegeben wird ist selbstverständlich.

Bei jedem Besuch eines neuen Ortes lernen wir viele Menschen kenne, jede neue Bekanntschaft ist eine Bereicherung und manchmal können wir auch etwas zurück geben. So hat unser gelbes Beiboot, das für das Meer nicht so gut geeignet aber für den Fluss gut ist, hier in Bombale einen neuen, stolzen Besitzer gefunden und den einzigen Außenborder des Dorfes konnten wir mit etwas Glück wieder zum Laufen bekommen.

Von Bombale aus sind wir in zwei kleinen Etappen mit einem kurzen Stopp bei Seahorse Island nach Kau-Ur gefahren, wo wir jetzt vor Anker liegen. Seahorse Island verdankt seinen Namen den portugiesischen Seefahrern, die hier zum ersten Mal in ihrem Leben Hippos gesehen haben und diese „Horses of the Sea“ genannt haben. Wir hatten leider nicht so viel Glück, Flusspferde zu sehen, aber das kommt mit Sicherheit noch.

Krokodil bei Elephant Island

Der Abstecher nach Afrika ist für uns etwas ganz Besonderes. Wir leben hautnah mit der Natur und lernen Orte kennen, die nur sehr selten von anderen Seglern oder Touristen besucht werden. Es ist sehr sicher hier, seit Monaten haben wir unser Boot nicht mehr abgeschlossen, die Einheimischen sind äußerst gastfreundlich und hilfsbereit und die Natur ist atemberaubend schön. Der einzige Haken – genau wegen dieser ursprünglichen Natur können wir hier nicht einfach ins Wasser springen um uns abzukühlen. Die Abkühlung gibt es aus dem Eimer – seit langer Zeit die erste Süßwasserdusche.

 

Viele Grüße aus Gambia senden die aracangas

Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

Hier könnt Ihr unseren Blog als monatlichen Newsletter abonnieren

–> unsere Kaffeekasse <–

3 Kommentare

  1. Pingback:Gambia River - auf dem Weg zurück ins Salzwasser - ahoi.blog

  2. Nachtrag zu Senegal:
    Wie die EU Fischern die Lebensgrundlage nimmt

    https://www.sueddeutsche.de/politik/fischerei-senegal-eu-1.4349248

  3. Man bekommt richtig Lust auf Afrika. Toller Blog! Wie schafft ihr das bloggen in diesen entlegenen Gegenden?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.