Zurück an Bord

Nach über vier Monaten in Deutschland sind wir zurück in Gambia und zurück an Bord der „aracanga„. Es ist sozusagen die letzte Möglichkeit, noch einmal nach dem Boot zu schauen, ein paar Umbauten vorzunehmen und es familien- und babytauglich zu machen, bevor wir dann zu dritt sein werden. Riki ist mittlerweile im achten Monat und deswegen daheim in Deutschland geblieben. In Gambia bin ich (Martin) zusammen mit meinem Papa Peter. Der Plan ist, zwei Wochen den Fluss zu befahren, Natur, Land und Leute zu besuchen, in Bambally nach „unserem“ Brunnen zu sehen und im Anschluss ein bis zwei Wochen an Bord zu arbeiten.

Zurück an Bord

Riki fährt uns am 12. November gegen Mittag zum Flughafen nach München und am Abend landet unser Flieger etwa fünf Kilometer von der „aracanga“ entfernt in Gambia. Beim Aussteigen laufen wir gegen eine feuchtheiße Wand, trotz dass es mittlerweile zehn Uhr am Abend ist. Im Gepäck sind ein paar T-Shirts, Shorts und Flipflops und ansonsten Teile fürs Boot wie zwei Ventilatoren, ein Inverter und viele Kleinigkeiten. „What is this?“ fragt der Mann am Zoll in Gambia. „A ventilator.“ – „What else you have?“ nach einer kurzen Diskussion fallen keine Zollgebühren an, dafür versprechen wir, ihm nächstes Mal auch so einen Ventilator mitzubringen. Vor dem Flughafengebäude wartet bereits unser Freund Gee auf uns, um uns abzuholen und nach einem kurzen Stopp bei „Sue’s Bar“ auf ein kühles Bier geht es an Bord, wo wir müde und k.o. in die Kojen fallen.

Mit guten Freunden in Gambia
Mit unseren guten Freunden Kaddy und Lamin

Am nächsten Tag gibt es ein großes Hallo mit all den Jungs und Mädels bei der „Lamin Lodge“ und wir sind überwältigt von der Wiedersehensfreude unserer Freunde. So geht es die nächsten Tage weiter, ob bei Gee’s Familie, bei der wir zum Essen eingeladen sind oder bei den Freunden im Dorf, überall ist die Freude groß und es gibt Umarmungen und viel zu erzählen. Wir haben einiges zu organisieren, bevor wir mit der „aracanga“ in Richtung Bambally aufbrechen können, die Wasser- und Dieseltanks müssen gefüllt und einige Lebensmittel eingekauft werden. Was in Deutschland eine Sache von einer Stunde ist, kann hier einen oder mehrere Tage dauern und so braucht es zwei Tage, bis wir endlich Wasser in den Tanks haben und alles soweit vorbereitet ist, den Fluss hinauf zu fahren.

Flussaufwärts

Delfin in der Mündung des Gambia River
Delfin im Mündungsgebiet des Gambia River

Unterwegs werden wir immer wieder von Schulen von Delfinen begleitet, die im Mündungsgebiet des Gambia River leben und jagen. Nahrung ist hier für die großen Tümmler in Hülle und Fülle vorhanden. Als mögliche Ziele für die erste Nacht unserer Flussfahrt fassen wir Kunta Kinteh Island (James Island) oder den Bitang Creek etwa 20 Seemeilen flussaufwärts ins Auge, aber es läuft so gut, dass wir weiterfahren bis zum Mandori Creek, einem unbeschreiblich schönen Seitenarm des Gambia River. Die Einfahrt in den Creek ist flach aber problemlos und einmal im Nebenarm geht die Wassertiefe auf acht bis zehn Meter. Da der Creek mit einer großen Sumpf- und Seenlandschaft verknüpft ist, ist der Tidenstrom entsprechend stark, denn all das Wasser aus den Seen läuft durch den schmalen Flussarm zu und ab.

Pelikan auf dem Gambia River
Pelikan

Beim Hineinfahren in den Seitenarm scheint es, als ob man einen ganzen Zoo an Vögeln aufschreckt, von kleinen Eisvögeln über verschiedene Enten- und Gänsearten bis hin zu Reihern, Pelikanen, mächtigen Adlern und Geiern. Dementsprechend groß ist das Geschnatter und Geschrei und es dauert ein paar Minuten, bis wieder Ruhe einkehrt. Einige hundert Meter im Creek werfen wir den Anker und genießen einen schönen Abend mitten in einer absolut unberührten Natur. Die Ruhe währt leider nicht allzu lange, denn zur Dämmerung finden tausende Moskitos den Weg zu unserer Ankerlaterne, die wir wegen eventueller Fischer angeschaltet haben. Und wirklich, kurz vor Sonnenuntergang kommen ein Fischer mit seinem Sohn im Einbaum-Kanu aus dem Creek gefahren und winken uns freudig zu. Die Moskitos jedoch winken nicht freudig, sondern stechen uns in die Füße und zeigen sich nur wenig beeindruckt von Mückenspray, Räucherkringel und Co. Die Insekten wiederum locken Scharen von Fledermäusen an und es ist eine Schau, den flinken Fliegern im Schein der Ankerlaterne bei der Jagd zuzusehen. Trotzdem, wenn irgendwie möglich lassen wir in den folgenden Nächten das Ankerlicht aus und ziehen es vor, im Schein der Sterne im Dunkeln zu sitzen.

Martin und die Senegambia Bridge
The Bridge

Am nächsten Tag fahren wir unter der „Senegambia Bridge“ hindurch, die das ganze Land einfach nur als „The Bridge“ kennt, da es die einzige Brücke über den Gambia River ist. Sie hat eine Durchfahrtshöhe von 17 Metern (laut dem Hafenmeister in Banjul) und ist somit leider für viele Segelboote die Endstation am Fluss. Wir haben eine Masthöhe von etwa 12 Metern und können problemlos weiter den Fluss hinauffahren. Das nächste Ziel ist der Whale Creek ein paar Meilen nach der Brücke, wo wir auf etwa fünf Meter Wassertiefe genau in der Mündung des Seitenarms ankern, um am nächsten Morgen früh zu starten und mit dem einsetzenden Flutstrom die letzten Meilen bis nach Bambally zu fahren. Dort fällt gegen neun Uhr der Anker und vom Ufer aus rufen schon ein paar Kinder „Martin, Martin!“.

Zurück in Bambally

Der erste Gang in Bambally geht natürlich zur örtlichen Schule, wo wir mit Hilfe der Spendengelder von vielen lieben Menschen (an dieser Stelle noch einmal DANKE an alle Spender) den alten, maroden und defekten Brunnen modernisieret neu aufgebaut haben. An der Schule treffen wir Momodou, den Direktor und einige seiner Lehrerkollegen sowie unzählige Kinder, die gerade Pause haben und uns sofort wiedererkennen. Nach dem obligatorischen „Ataia“ (sehr süßer, starker grüner Tee) machen wir uns daran, den Brunnen zu inspizieren, sozusagen die Endabnahme. Bis auf den geschweißten Stand, auf dem der 2.000 – Liter Tank steht, sieht alles gut aus und funktioniert tadellos. Immer wieder laufen die Kinder zu einer der beiden Zapfstellen und trinken oder füllen Wasser in ihre Flaschen ab.

Beete im Schulgarten
Im neuen Schulgarten werden Obst und Gemüse angebaut

Durch den funktionierenden Brunnen sind jetzt schon einige Veränderungen an der Schule merklich. Die Schüler müssen nicht mehr ins Dorf laufen um zu trinken oder die schweren 20 Liter Kanister vom Dorf zur Schule tragen. Es ist genug zu Wasser für alle da und, was uns am meisten beeindruckt hat, ist der neue Schulgarten mit insgesamt über 60 Beeten, in denen verschiedenstes Obst und Gemüse angebaut wird. „Farming“ ist fester Bestandsteil des Unterrichts in Gambia und die Schulen werden dazu angehalten, wenn möglich einen eigenen Garten anzulegen.

Wie bereits erwähnt sind wir mit dem tankstand nicht zufrieden, der Schweißer hat leider keine gute Arbeit abgeliefert. Das Gestell ist zu schwach und zu wackelig, um die zwei Tonnen Wasser zu halten, sollte es mal ordentlich stürmen. Nach einiger Diskussion haben wir uns geeinigt, dass das Stahlgestell gegen einen gemauerten Stand ausgewechselt werden und der Stahl für neue Schulbänke verwendet werden soll, die hier ebenfalls Mangeware sind (und die man auch nicht von der Stange kaufen kann). Das Geld für den neuen Tankstand (rund 200 Euro) haben wir ausgelegt und falls sich noch jemand daran beteiligen möchte kann man das HIER gerne tun. (Betreff: Bambally. Das Geld geht selbstverständlich komplett an die Schule und sollte mehr zusammenkommen wird es in Schulbänke investiert. Danke!) Die Ziegel für das neue Tankgestell werden aktuell schon auf dem Schulhof hergestellt.

Zwei Euro pro Schüler und Jahr

Der Schule in Bambally, in der etwa 220 Kinder unterrichtet werden, stehen pro Jahr knapp über 20.000 Dalasi zur Verfügung, das sind weniger als 100 Dalasi pro Kind, was weniger als zwei Euro sind. Von diesem Geld muss alles gezahlt werden, die Instandhaltung der Gebäude, Kopien, Strom falls vorhanden, Unterrichtsmaterialien, Bücher, Möbel, … Es darf kein zusätzliches Geld von den Schülern eingesammelt werden, da manche Eltern ihre Kinder sonst nicht in die Schule schicken könnten. Mittags wird entweder im Rahmen der Welthungerhilfe an der Schule gekocht, oder verschiedene Mütter aus dem Dorf kommen und verteilen Essen an die Kinder. Dass wir, ob wir wollen oder nicht, jedes Mal mit eingeladen sind, ist hier selbstverständlich. Wir können nicht vom Boot durch das Dorf bis zur Schule laufen, ohne mindestens an einem Haus zum Mittagessen eingeladen zu werden.

Impfungen im Schatten des Mangobaums
Impftermin für alle Mädchen

In Bambally wird, wie in den meisten Schulen in Gambia, aus Mangel an Klassenzimmern vormittags und nachmittags unterrichtet und jeden Montag kommen vor Unterrichtsbeginn alle Klassen auf dem Schulhof zu einer Ansprache zusammen. Die Ansprache wird auf Englisch gehalten und beeindruckt uns sehr. Kalifa, der Englischlehrer, geht mit seinen Schülern schwer ins Gericht was das Lernen, die Ordnung und das äußere Erscheinungsbild betrifft, so dass wir uns in unseren Shorts und staubigen T-Shirts gleich etwas schlecht vorkommen. Am Ende der Ansprache, die im Schatten eines Mangobaums stattfindet, werden die Jungs in die Klassenzimmer zum Unterricht geschickt, während alle Mädchen gegen HPV geimpft werden.

Schatten des Busses
Insgesamt zählen wir 55 Personen im und auf dem Sprinter

Am nächsten Tag sind wir eingeladen, mit dem Bus mit ins Nachbardorf zu fahren, um das Fußballspiel anzusehen. Der Bus ist ein alter Mercedes Sprinter und es gibt genügend Platz für die Mannschaft und alle Fans aus dem Dorf. Insgesamt zählen wir 55 Menschen in und auf dem Bus, während wir über staubige Sandpisten von Bambally nach Sarakunda fahren. Das Spiel ist unspektakulär und leider nicht besonders gut, die Stimmung dafür umso besser. Bambally verliert 1:3, was vielleicht auch daran liegt, dass die Mannschaft keinen Fußball hat um zu trainieren. Den letzten Ball haben vor über vier Monaten wir mitgebracht und dieser wurde bis zu seinem Tod vor ein paar Wochen jeden Tag von Sonnenauf- bis -untergang bespielt. Für den nächsten Besuch im Dorf haben wir einen neuen Ball versprochen.

Nach Jareng Badala und zurück Richtung Küste

Wasserspaß
Bald ist Weihnachten – mit dem Code „AHOI10“ bekommt ihr 10% Preisnachlass auf die SUPs von Bluefin

In Bambally beschließen wir spontan, noch etwa 30 Meilen den Fluss hochzufahren bis in das kleine Dorf Jareng Badala, das uns von unserer ersten Flussfahrt in so guter Erinnerung ist. Jareng Badala ist im Vergleich zu Bambally noch einfacher und naturnäher, hier gibt es so gut wie keinen Plastikmüll und die Familien leben in traditionellen Lehmhütten mit Schilfdächern. Seit unserem letzten Besuch im April sind keine anderen Besucher dort gewesen und auch hier ist die Wiedersehensfreude groß, vor allem bei den Kindern, die gleich mit ihren Einbaumkanus zu uns rausgepaddelt kommen. Der Renner bei den Kids ist unser neues SUP von Bluefin und jeder möchte einmal darauf stehen und eine Runde paddeln. Auch für uns ist das SUP eine ideale Ergänzung zum Dinghi und auch wenn wir die Einbäume der Kinder noch cooler finden, hat das SUP an Bord doch den Vorteil, dass wir es zusammenrollen und in der Backskiste verstauen können. Neben den Kids kommen uns auch zwei Männer an Bord besuchen und bringen gleich einige frisch gefangene Fische zur Begrüßung mit. Als wir meinen, dass es viel zu viele Fische sind und wir höchstens zwei davon nehmen wollen wird beschlossen, dass wir die Fische gemeinsam an Land zubereiten werden. Also sitzen wir in einer etwas rustikalen Lehmhütte, essen frisch geröstete Erdnüsse und parallel werden in der anderen Ecke der Hütte die Fische zubereitet. Leider werden unsere Gastgeber etwas aufdringlich und unverschämt, dass wir ihnen doch dies und das schenken und Geld für alles Möglich geben sollen, was den netten ersten Eindruck etwas trübt. Trotzdem – Jareng Badala ist ein tolles Dorf mit absolut liebenswerten Menschen und nach wie vor eines unserer Highlights in Gambia, daran können auch die beiden Jungs nicht rütteln.

Kunta Kinteh Island
Kunta Kinteh Island im Sonnenuntergang

Von hier aus geht es langsam wieder flussabwärts in Richtung Banjul und „Lamin Lodge“, wo noch etwas Arbeit auf uns wartet. Aktuell liegen wir vor der kleinen Insel Kunta Kinteh vor Anker und morgen machen wir uns auf, die letzten 15 Meilen nach Banjul zu fahren.

Es ist schön, wieder zurück an Bord zu sein. Viele liebe Grüße von der „aracanga“ senden Peter und Martin


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


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