Gambia River – zurück im Salzwasser

Stromabwärts sind wir deutlich zügiger unterwegs als den Gambia River hinauf, die Strömung plus der Ebbstrom schieben das Boot kräftig in Richtung Küste.Wir besuchen ein paar uns von der Hinfahrt bekannte Plätze und erforschen auch neue Orte. Ein Ort, den wir auf jeden Fall wieder besuchen möchten ist das Dorf Jareng Badala, das an einem Seitenarm des Gambia River liegt und durch Papa Island von Hauptstrom getrennt ist. Wir haben etwas Probleme, in den Seitenarm einzufahren, denn mal wieder ist der ganze Fluss mit ellenlangen Fischernetzen versperrt und die Navigation wird zum Labyrinth. Ganz am Ufer finden wir eine Passage, wo wir uns an den an der Wasseroberfläche treibenden Netzen vorbei stehlen können, dann geht es links ab und wir lassen Papa Island an Steuerbord liegen. Die Seitenarme des Flusses sind meist sehr tief und stellen kaum Probleme dar, nur selten werden die Wassertiefen flacher als drei Meter. Lediglich die Einfahrten in die Seitenarme und Creeks sind oft sehr flach, da dort Sandbänke angespült werden. Auf der Fahrt stromaufwärts haben wir jedoch alle unsere Tracks aufgezeichnet, so dass wir jetzt nur noch unserem alten Kurs folgen müssen.

Alte Freunde

Ein paar Seemeilen nach der Abzweigung vom Hauptstrom fällt der Anker bei Jareng Badala und es dauert nicht lange, bis auch schon das erste Einbaumkanu voller Kids angepaddelt kommt und zu uns ins Cockpit klettert. Wir lassen die Kleinen gerne gewähren und freuen uns, wenn sie uns an Bord besuchen kommen. Genauso groß ist die Freude bei den Kindern, denn sie haben noch nie ein Segelboot an oder gar unter Deck gesehen. Drei Tage bleiben wir in dem Dorf und jeden Vormittag haben wir die Viert- bis Sechstklässler auf dem Boot, die am Nachmittag in die Schule müssen und sich dann mit den Erst- bis Drittklässlern die Klinke an Bord in die Hand geben.

Der Kleine im großen Kanu

Den Kindern ist kein Aufwand zu groß, um uns zu besuchen und so kommt der Kleinste von Allen alleine im größten Kanu angepaddelt, welches er gegen die Strömung kaum vorwärts bewegen kann. Sein Paddel ist lediglich ein Palmstängel, andere Kinder nutzen ihre Flipflops oder die Hände zum paddeln. Richtige Paddel sind wie so viele andere Dinge Mangelware hier. Entsprechend häufig werden wir von Kindern und Erwachsenen nach den verschiedensten Dingen gefragt und oft müssen wir erklären, dass wir nicht wahllos all unseren Besitz hergeben können und nicht in Deutschland ein großes Haus voller Luxusgüter haben. Vieles, was wir entbehren können, schenken wir her. Einige Taschenmesser, Stifte, Bücher und Fußbälle haben in den letzten Wochen die Besitzer gewechselt. Aber die allergrößte Freude machen wir eben diesem kleinen Jungen, der so eine Spaß an Andrés Fliegenpatsche hat, dass wir es nicht übers Herz bringen, diese ihm wieder wegzunehmen. Selbst, als später im Dorf ein Affe, der dort als Haustier lebt, die Fliegenpatsche klaut, verteidigt er diese mit seinem Leben, kämpft mit dem Tier, nimmt ihn in den Schwitzkasten und lässt ihn erst wieder los, als der Affe sein Diebesgut wieder freigibt. Unsere „aracanga“ und der „Streuner“ sind für drei Tage die Kindertagesstätte von Jareng Badala und wenn wir nicht an Bord sind, dann werden wir an Land von einer großen Horde Kids begleitet, wie zum Beispiel auf dem Markt. Jeden Dienstag ist Markt in Jareng, dem größeren Nachbarort von Jareng Badala, was so viel wie „Jareng am Fluss“ bedeutet.

Alte Bekannte und neue Freunde zu Besuch an Bord.

Da unsere Vorräte an frischen Lebensmitteln zur Neige gehen, laufen wir morgens die drei Kilometer nach Jareng und werden von etwa zehn Kindern begleitet. Als erstes stoppen wir bei einer Frau, die am Straßenrand belegtes Tabalabba verkauft, wie das Baguetteähnliche Brot hier heißt, und versorgen uns und die Kinderschar mit Frühstück. Dann geht es weiter entlang der Hauptstraße, wo unzählige Händler aus dem Umkreis ihre Waren anbieten, teils auf Marktständen, teils einfach auf dem Boden liegend. Von 50-Kilo-Reissäcken über Hanfseile für die Rinder, Waschbretter und –bottiche, Altkleidern aus Europa, Kohlekochern, gebrauchten Auto- und LKW-Reifen und Motoröl bis hin zu einer kleinen Auswahl an Obst und Gemüse gibt es hier einiges zu kaufen. Fast jeder größere Ort in Gambia hat einmal in der Woche Markt und dieser ist meist gut besucht, denn hier ist die Auswahl an Gütern deutlich größer als sonst. Wir decken uns mit etwas Frischzeug, Mehl und Eiern ein und kaufen außerdem ein Waschbrett. Jedes Kind möchte etwas tragen und für die drei Kilometer zurück ins Dorf gönnen wir uns und den Kids eine Fahrt mit dem Eselskarren, was hier das gängige Verkehrsmittel ist.

Tattoostudio „André“

Für den Heimweg bekommt noch jeder ein Eis, was allerdings nicht mit unserem Speiseeis vergleichbar sondern ein Tütchen gefrorener Hibiskussaft ist. Bei über 40 Grad Außentemperatur ist das genau das Richtige. Aus dem Mehl und den Eiern sowie ein paar Bananen bäckt André auf dem „Streuner“ einen Kuchen und bei den Kids ist die Verwunderung groß, was denn das für ein komisches, süßes Brot ist. Aber anscheinend schmeckt es, denn der Kuchen ist ratz-fatz verputzt. Für genauso große Verwunderung wie der Kuchen sorgt mein Tattoo auf dem Arm und natürlich möchte jeder so etwas haben. Zum Glück haben die Streuner einen weißen Eding an Bord, der auf der dunklen Haut wunderbar leuchtet. Die Tattoos kommen sogar so gut an, dass uns am nächsten Tag die Eltern und Erwachsenen im Dorf sagen, dass sie auch so etwas möchten. Glücklicherweise haben wir den Eding an Bord gelassen, denn sonst wären wir immer noch mit Tattoos für das ganze Dorf beschäftigt. Mindestens genauso gut wie die Tattoos kommt das Shampoo an, das einer der Jungs an Deck entdeckt und als wir sagen, dass es für zum Haare waschen ist, sich gleich auf den trockenen Kopf schmiert. Wir erklären, dass die Haare dafür nass sein müssen und nach einer ausgiebigen Badeeinlage und nachdem jeder mindestens fünfmal mit dem Fockfall von Deck ins Wasser geschwungen ist, möchte, sich danach alle die Haare mit Shampoo waschen und sind begeistert wie gut sie danach riechen.

Der „Streuner“ wird zur Badeinsel

André, der zur Zeit einsamer Strohwitwer an Bord ist, bekommt am späten Nachmittag gleich noch Besuch von zwei Kanus voller Mädchen im heiratsfähigen Alter, die sich kichernd über Tee und Kaffee an Bord freuen und kurz vor Sonnenuntergang wieder zurück an Land paddeln. Nach zwei Tagen kündigen wir an, dass wir am nächsten Tag aufbrechen und weiterfahren werden, was mit großen Missfallen aufgenommen wird. „You cannot go, you´re our friends!“ Jareng Badala wird uns mit Sicherheit als einer der schönsten Stopps auf unserer Flussfahrt in Erinnerung bleiben und wir möchten, bevor wir Gambia verlassen, noch einmal das Dorf von Banjul aus mit dem Bus besuchen.

Trotz, dass wir den vielen Besuch an Bord sehr genießen, haben wir nach Jareng Badala Lust auf einen ruhigen Ankerplatz mitten in der Natur und wir suchen uns einen schmalen Seitenarm für den nächsten Stopp aus. Es stellt sich schnell heraus, dass der Creek zum ankern zu eng und zu tief ist, aber unser Entdeckergeist ist geweckt und wir fahren den Seitenarm so weit hinein, bis selbst für unsere kleinen Boote Schluss ist. Hier ist es sogar zum umdrehen zu eng und wir müssen ein ganzes Stück rückwärts wieder raus fahren, bevor wir wenden und zurück auf den Hauptfluss können. Einen schönen, ruhigen Ankerplatz finden wir dann auf der anderen Seite des Flusses südlich von „Seahorse Island“.

Ein Brunnen für die Schule

Für den nächsten Tag ist schon wieder volles Programm angesagt, wir ankern vor dem Dorf Bombale, wo wir schon ein paar Wochen zuvor waren und dessen Schule wir beim Brunnenbau unterstützen möchten. An Land werden wir wieder von vielen Kindern begrüßt, die sich alle noch an unsere Namen erinnern und uns zur Schule begleiten.

Die Schule in Bombale.

Dort treffen wir Momodou, den Direktor der Schule und teilen ihm mit, dass wir etwa 1.000 Euro an Spendengeldern für seinen Brunnen gesammelt haben. Viel Geld, aber leider noch nicht genug. Das erste Angebot beläuft sich auf etwa 4.000 Euro, aber wie so immer in Gambia gibt es auch hier noch viel Verhandlungsspielraum. Für den nächsten Tag machen wir einen Termin mit dem Brunnenbauer in Farafenni, der nächsten größeren Stadt, aus und um sieben Uhr in der Früh geht es los mit dem Zwölfsitzer in die Stadt. 40 Passagiere finden Platz in der Kabine des Wagens, ein paar Weitere sitzen noch auf dem Dach und entlang holpriger, ausgewaschener Sandpisten mit rekordverdächtigen Schlaglöchern fahren wir nach Farafenni. Gemeinsam mit dem Brunnenexperten Lamin diskutieren und verhandeln wir das Angebot Punkt für Punkt und mit ein paar Zugeständnissen beiderseits kommen wir am Schluss auf einen Preis von knapp 2.000 Euro, was weniger als die Hälfte des ursprünglichen Angebots ist. Dafür wird der vorhandene, anfällige, handbetriebene Brunnen aufwendig gereinigt, saniert und mit einer elektrischen Pumpe, einem 2.000 Liter Vorratstank auf einem Sockel, Filtern sowie allen nötigen Kabeln, Rohren Schläuchen und zwei Zapfstellen ausgestattet. Somit wird das Wasser aus dem Brunnen trinkbar sein und das Trinkwasser für die über 200 Schüler muss nicht mehr aufwendig aus dem Dorf geholt werden. Außerdem kann die Schule einen Gemüsegarten anlegen und somit für gesundes Essen für die Schüler sorgen.

Das Wasser des Schulbrunnens ist nicht trinkbar und muss mühsam per Hand aus der Tiefe gepumpt werden.

Wir werden seit wir in Gambia unterwegs sind immer wieder nach Unterstützung gefragt und sehen viele gutgemeinte Projekte, die leider nicht gepflegt werden und mit der Zeit verfallen. Der Direktor der Schule in Bobmale ist ein kluger und weitsichtiger Mensch, der bei uns einen guten und vernünftigen Eindruck hinterlassen hat. Er zeigt uns Bilder der Schule aus den letzten Jahren, seit er die Schulleitung übernommen hat und hier hat sich seitdem viel getan. Sein erklärtes Ziel ist, die Schule zu einem Ort zu machen, den die Kinder gerne besuchen und wir sind überzeugt, dass das Geld hier sinnvoll und langfristig gut angelegt ist. Wer also noch Interesse hat, den Brunnenbau und die Kinder von Bombale zu unterstützen, der kann das gerne über unsere Kaffeekasse mit dem Betreff „Bombale“ machen. Dass das Geld zu 100% in den Brunnenbau geht und dass auch wir etwas dazu spenden ist selbstverständlich. Danke!

Zusätzlich zur Unterstützung beim Brunnenbau schenken wir der Schule einen Fußball, den wir in Farafenni kaufen. Es gibt einen Bolzplatz neben der Schule, aber keinen Ball. Ein richtiger Fußball ist hier etwas sehr besonderes, mit großem Tamtam wird der Ball den Schülern präsentiert und der Sportlehrer beginnt gleich voller Eifer mit dem Training, denn jetzt kann er endlich zum ersten Mal bei der Bezirksmeisterschaft der Schulen teilnehmen.

Zurück ans Meer

„Abkühlen“ in den Mangroven

Von Bombale aus fahren wir in den uns schon bekannten Jurong Creek, diesmal jedoch motoren wir deutlich weiter den Creek hinauf als beim letzten Mal und finden einen ruhigen Ankerplatz ein paar Meilen im Inneren des Seitenarms. Bei über 45 Grad kann man es kaum aushalten an Bord und wir packen die Hängematte ins Dinghi und spannen diese zwischen den Mangroven, wo es im Schatten angenehm „kühl“ ist. Vom Juron Creek geht es via Tendeba, wo es seit langer Zeit mal wieder ein kaltes Bier gibt, weiter flussabwärts in Richtung Banjul. Eine Nacht ankern wir am Ufer und werden in der Nacht Zeuge, wie ein Krokodil einen Pelikan reißt. Lautes Geschrei und Geplatsche lässt uns aus dem Schlaf hochschrecken und mit dem Suchscheinwerfer können wir die Szene, die sich etwa 30 Meter neben der „aracanga“ abspielt, gut beobachten. Am nächsten Tag soll es früh weitergehen und um sieben Uhr starten wir die Maschine. Bei der routinemäßigen Kontrolle des Kühlwassers stellen wir fest, dass der Motor keine Kühlung bekommt und starten die Fehlersuche. Der Filter ist sauber und der Impeller sieht top aus, also pusten wir einmal alle Schläuche durch, bauen alles wieder zusammen und versuchen es noch einmal. Wieder kein Kühlwasser. Etwas ratlos bauen wir die Kühlwasserpumpe wieder aus (wir müssen blöderweise die ganze Pumpe ausbauen um den Impeller zu wechseln, da diese recht eng zwischen Motor und Getriebe sitzt), inspizieren alles noch einmal und stellen fest, dass die Madenschraube, die den Impeller hält, abgeschoren ist. Wir bauen gleich einen neuen Impeller ein und zwei Stunden später als geplant sind wir wieder unterwegs mit dem Ziel James Island etwa 15 Meilen vor Banjul, wo die „aracanga“ und der „Streuner“ jetzt vor Anker liegen. Hier bekommen wir  wieder einen ersten Eindruck vom Atlantik, den wir knapp zwei Monate nicht gesehen haben.

Es riecht nach Meer, ein leichter Schwell lässt unsere „aracanga“ sanft schaukeln und eine Schule Delfine begrüßt uns am Ankerplatz. So schön!

Liebe Grüße von Bord senden Riki und Martin

 


Freiheit auf Zeit – Weltumsegler erzählen (Kristina Müller)

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume.
Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt, gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davon zu segeln…

Zwölf Weltumsegelungen – zwölf ganz unterschiedliche Geschichten – unter Anderem die Geschichte unserer Weltumsegelung mit der Ivalu von 2010 bis 2013 


 

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