Gastbeitrag: Papa Peters Gambia Erfahrungen

Vorwort:

Bevor es los geht mit meinen Gambia Erfahrungen möchte ich mich zunächst kurz vorstellen: Ich bin Martins Vater Peter und wahrscheinlich schuld daran, ihn in seiner Jugendzeit zum Segeln verführt zu haben. Ich selbst kam ebenfalls durch meinen Vater bereits als Kind zum Segeln, mit einer kleinen Jolle am Forggensee bei Füssen. Dieses Hobby ließ mich niemals los und mein Lebenstraum ist seit jeher eine Weltumsegelung. In 2010 haben wir uns den Traum einer eigenen Segelyacht in Form der IVALU, einer 42 Fuß Aluyacht, erfüllt. Martin konnte damals die Gelegenheit nutzen und hat mit diesem Schiff seine erste Weltumsegelung verwirklicht. Ich war damals als Polizeibeamter noch im Berufsleben und träumte davon, was Martin einfach wahr machte: Einmal um den Globus mit einem Segelschiff. Die IVALU liegt derzeit fast abreisefertig in Hamburg und mein Plan ist es, im Frühjahr die Segel zu setzen. Vorher lässt es die kalte Jahreszeit leider nicht zu…. Oder bin ich als Pensionär inzwischen zu verweichlicht, eine solche Reise in der Winterzeit zu starten? Ich habe jetzt glücklicherweise die Zeit, warmes Wetter und gute Windverhältnisse abzuwarten.

Gambia Erfahrungen - Mit guten Freunden in Gambia
Peter, Kaddy, Lamin und Martin

Während des ungeplant langen Heimaturlaubs wollte Martin natürlich einmal nach der ARACANGA, die derzeit in Gambia liegt, schauen. „Komm doch einfach mit, und wir fahren ein Stück den Fluss hoch“ meinte er und ich musste nicht lange überlegen und war dabei. Und hier meine Gambia Erfahrungen:

Wir flogen von München aus nach Banjul, der Hauptstadt von Gambia und kamen dort am12.11.2019 in der Nacht an. Gee, von dem ich schon einiges gehört hatte, holte uns am Flughafen ab und fuhr uns im Taxi seines Vaters nach Lamin, wo wir uns noch ein Ankunftsbier gönnten, bevor es dann zur Lamin-Lodge ging. Dort hatte Gee bereits ein Kanu organisiert, in welches wir unser Reisegepäck luden und zur ARACANGA paddelten. Der Platz auf dem 30 Fuß-Schiff ist sehr begrenzt, aber der Schlafplatz in der „Hundekoje“ war einfach traumhaft. Selten so gut geschlafen.

Die nächsten Tage verbrachten wir auf der ARACANGA und bereiteten diese für eine Flussfahrt auf dem Gambiariver vor. Wenn es dann gegen Mittag zu heiß wurde, fuhren wir mit dem Dinghi an Land und gönnten uns ein schönes Mittagessen im örtlichen Restaurant. Martin war dort wohl bekannt. Wann immer wir an Land paddelten wurde er von den Einheimischen herzlich begrüßt. So wurde ich in kurzer Zeit unter dem Namen „Papa Peter“ bekannt.

Die Leute, die an der Lamin-Lodge arbeiten und sich dort ihren Lebensunterhalt verdienen, unterscheiden offensichtlich zwischen Touristen, die dort ankommen, um eine Pirogenfahrt zu buchen und den Seglern, die aus eigener Kraft bis nach Gambia gesegelt sind. Touristen bezahlen schon mal „Touristenpreise“, während die Segler die Preise bezahlen, die auch ein Einheimischer hätte bezahlen müssen. So kostet uns ein Mittagessen für zwei Personen 50 Dalassi, was umgerechnet knapp einem Euro entspricht.

Aus der Sicht eines pensionierten bayerischen Polizeibeamten:

Zunächst konnte ich Gee, den jungen Mann mit Rastas, der ab und zu auch gerne mal einen Joint raucht, nicht einschätzen. Im Gegensatz zu Martin, der schnell gute Freundschaften schließen kann, bin ich doch, wahrscheinlich aufgrund meiner Berufserfahrung, zunächst etwas skeptisch. Doch bereits am zweiten Tag in Lamin fasste ich absolutes Vertrauen in den „Rastaman“ und kann behaupten, noch niemals zuvor so eine Herzlichkeit und Freundlichkeit der Menschen erfahren zu haben, wie hier und insbesondere von Gee. Die Menschen leben unter einfachsten Bedingungen. Wasser wird jeden Tag vom Dorfbrunnen geholt und auf den Köpfen der Frauen in 20-Liter-Kanistern nach Hause getragen. Strom gibt es so gut wie nicht. Das Leben spielt sich vor den strohgedeckten Hütten im Freien ab und das Wenige, was diese Leute besitzen, wird geteilt.

Gambia Erfahrungen - Zwei Jungs in Gambia
Zwei Jungs in einem kleinen Dorf

Martin brachte einige Hilfsgüter in verschiedene Dörfer in Gambia und so konnte ich Kinder und Jugendliche treffen, die Kleidungsstücke aus diesen Sammlungen trugen. Alle erinnerten sich an Martin und immer, wenn wir über die Sandpiste nach Lamin gingen, hatten wir 5 Kinder an jeder Hand, welche die „Tubabs“, also die Weißen, begleiteten. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung. Während bei uns die Kinder mit dem Auto direkt vor den Kindergarten gefahren werden um genau um 12.00 Uhr wieder mit dem Auto abgeholt zu werden, spielt sich das Leben dieser Kinder auf dem Dorfplatz ab. Ohne jegliches Spielzeug aus Plastik tollen die Kinder der ganzen Gemeinde auf den sandigen Straßen umher und haben einfach Spaß. Keine überängstlichen Mütter oder Väter, die ihre Kinder zum Kindergarten oder zur Schule bringen um sie dort pünktlich wieder abzuholen. Die Kinder des ganzen Dorfes wachsen zusammen auf – ohne Handy, ohne Barbiepuppe, ohne Modelleisenbahn… aber glücklich. So jedenfalls mein Eindruck.

Gambiariver:

Martin war durch seine bescheidenen Spendenaktionen und durch seine aufgeschlossene Persönlichkeit bekannt und ich wurde überall als Papa Peter in die Gemeinschaft aufgenommen. Für mich, zum ersten Mal in Afrika, eine völlig neue Erfahrung. Die Menschen besitzen nichts oder nicht viel, aber das Wenige wird noch geteilt.

Gambia Erfahrungen - Die aracanga inmitten prächtiger natur
Die ARACANGA im Whale-Creek, einem Seitenarm des Gambia River

Nach ein paar Tagen in Lamin haben wir die ARACANGA für eine Flussfahrt durch den Gambia-River vorbereitet und mit der ablaufenden Tide legen wir ab. Erstes Ziel war Banjul, wo der Fluss in den Atlantik mündet. In der Hauptstadt verpflegen wir uns noch mit frischen Lebensmitteln und kaufen Diesel für die Fahrt auf dem gewaltigen Fluss, der in Banjul eine Breite von etwa 8 Kilometern hat. Mit auflaufender Tide geht es dann flussaufwärts. Niemals zuvor habe ich eine solche Natur erleben dürfen. Ein gewaltiger Fluss inmitten einer intakten Natur. Mit dem kleinen Dieselmotor tuckern wir den Fluss entlang, vorbei an Kunta Kinteh Island (James-Island), entlang der Mangroven bis zu Abenddämmerung. Für die Nacht suchen wir einen geeigneten Ankerplatz in einem Seitenarm des gewaltigen Stroms und finden diesen im Mandori-Creek. Unberührte Natur, eine Vogelwelt, die ich nur aus Erzählungen kenne, Adler, Geier, Pelikane und sogar Eisvögel bekommen wir zu sehen. Vorsichtshalber schalten wir das Ankerlicht, auf der Mastspitze der ARACANGA, an und können in der Nacht Millionen Insekten beobachten, die vom Licht angezogen und von Fledermausschwärmen gejagt werden.

Nach drei Tagen Flussfahrt erreichen wir die Ortschaft Bambally. Riki und Martin hatten dort ein Projekt ins Leben gerufen. Mit einem Spendenaufruf haben es die beiden geschafft, dass an der örtlichen Schule ein alter, verfallener Brunnen wieder aktiviert werden konnte. Als wir auf dem Fluss vor der Ortschaft den Anker fallen ließen, kamen uns schon die Kinder entgegen. Martin…Martin… Wir legten mit unserem Dinghi an und gingen über die Sandpiste ins nahegelegene Dorf. Sowohl Martin als auch ich hatten an jedem Finger mindestens ein Kind, das uns begleitete und ins Dorf brachte. Dort angekommen wurden wir von der ersten Familie, die uns erblickte, zum Essen eingeladen. Eine große Platte mit Reis und Fisch. Die ganze Familie setzte sich um die Schale um das Mittagessen zu genießen. Und wir waren einfach eingeladen, im Kreise dieser Familie Platz zu nehmen.

Bambally:

Gambia Erfahrungen - Wasserhahn
Endlich gibt es Wasser an der Schule

Wir schlenderten durch das Dorf und wurden von den uns begleitenden Kindern schon angekündigt. In kurzer Zeit wusste jeder, dass Martin zusammen mit einem weiteren Tubab angekommen waren. Überall wurden wir herzlich empfangen und dazu eingeladen, uns einfach dazu zu setzen. So dauerte es eine ganze Zeit, bis wir die Schule, welche am oberen Dorfende liegt, erreichten. Dort wurden wir vom Direktor, Herrn Momodou Bah, und seinen Kolleginnen und Kollegen empfangen. Nach der ausgiebigen Begrüßungszeremonie machten wir einen Rundgang durch das Schulgelände. Unser Interesse galt natürlich dem Brunnen, der mit Hilfe von Rikis und Martins Spendenaktion wieder aktiviert werden konnte. Stolz zeigte uns Momodou, wie er das 2000 Liter-Fass mithilfe einer elektrischen Pumpe füllte und wir konnten die Schulkinder beobachten, wie sie an zwei Stellen im Schulhof ihre Wasserflaschen füllten und sich Hände und Gesicht wuschen.

Gambia Erfahrungen - Beete im Schulgarten
Im neuen Schulgarten werden Obst und Gemüse angebaut

Darüber hinaus begleitete uns Kalifa, ein strenger, aber sehr gebildeter und überaus sympatischer Lehrer, zum Schulgarten. Dort haben die Kinder unter Anleitung über 60 Beete angelegt. Im Unterrichtsfach „Landwirtschaft“ wird den Kindern dort die Aufzucht verschiedener Nutzpflanzen, Getreide- und Reisarten beigebracht. Bewässert werden die Beete mindestens zwei Mal täglich von den Schülern mit dem jetzt zur Verfügung stehenden Wasser.

Der einzige Wehrmutstropfen an diesem Projekt war der eiserne Stand, auf welchem das Fass stand. Unserer Ansicht nach viel zu labil und es bestand die Gefahr, dass ein Sturm das Gestell zum Zusammenbruch bringen könnte. Nicht auszumalen, wenn gerade dann ein Kind in der Nähe stünde. Martin und ich beschlossen, dieses Eisengestell durch einen gemauerten Stand ersetzen zu lassen. Was für uns alltäglich erscheint, man geht zum örtlichen Maurer oder kauft die Materialien in einem der vielen Baumärkte, ist hier etwas anders. Ein kleines Komitee begleitete uns durch das Dorf, zunächst zu einem Mann, der Ziegel herstellen kann. Es entstanden viele Skizzen, mit den Fingern im Sand gezeichnet, und es wurde gerechnet und diskutiert. Am Ende des Tages errechneten wir etwa 150 Ziegel, die nötig sein werden, um den Stand zu bauen. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Hersteller mit seiner Aufgabe gleich beginnen konnte. Nein, dieser musste erst einmal mit dem Bus in die Hauptstadt fahren, dort Sand, Kies und Zement organisieren und jemanden beauftragen, diese Materialien nach Bambally zu bringen, denn im ganzen Dorf gibt es kein einziges Auto. Den fälligen Betrag hat Martin erst mal aus eigener Tasche bezahlt. Über Bambally gäbe es noch so viel zu berichten, das würde hier wahrscheinlich den Rahmen sprengen.

Gambia Erfahrungen - Peter inmitten Gambianischer Kinder
Peter und die Kinder aus Jareng

Nach ein paar Tagen setzen wir unsere Reise fort, weiter flussaufwärts bis zur Ortschaft Jareng. Auch dort sind die ARACANGA und ihre Crew Martin und Riki bekannt. Kurz nachdem der Anker gefallen war, legten schon die ersten Kinder, welche auf Einbaumkanus herüber gepaddelt kamen, bei uns an und ruckzuck hatten wir 15 bis 20 Kinder an Bord. Es wurde durch das Fernglas geschaut, Bilder mit unseren Handys gemacht und viel gesprochen und gelacht. Die Verständigung erfolgte in englischer Sprache, der Amtssprache Gambias.

Am Tag darauf besuchten wir das Dorf, welches aus ein paar Lehmhütten, welche mit Palmblättern gedeckt sind, besteht, einer gemauerten Schule, welche zwei Klassenzimmer aufweist und einem Dorfbrunnen. Strom oder Handynetz gibt es hier nicht. Die Leute sind, aus unserer Sicht, arm, aber haben das was man zum Überleben benötigt. Fisch bietet der Fluss und Reis wird neben dem Dorf angebaut. Exotische Früchte und Nüsse gibt es je nach Jahreszeit.

Überall wurden wir zum Essen eingeladen, es gab Reis mit verschiedenen Soßen, darauf ein Fisch oder ein Stück vom Huhn. Sehr lecker, wir haben alles gegessen und niemals irgendwelche Verdauungsprobleme bekommen. Wir saßen zusammen mit den Einheimischen am Dorfplatz und es war immer eine Freundlichkeit und Herzlichkeit zu spüren, die wir selbst überhaupt nicht gewöhnt sind. Das Wenige, was die Leute besitzen, wird untereinander und mit Gästen geteilt. Dort alles normal…….

Natur pur

Gambia Erfahrungen - Die aracanga auf dem Fluss bei Sonnenaufgang
Auf dem Fluss bei Sonnenaufgang

Ein Kapitel sollte der Natur gewidmet sein, denn diese ist gewaltig. Auf dem Gambiariver findet so gut wie keine gewerbliche Flussfahrt statt. Lediglich Fischer in ihren Pirogen und Einbäumen legen Netze aus und diese schon mal quer über den halben Fluss. Links und rechts wird das Gewässer von Mangrovenbäumen begrenzt und bei Ebbe kann man sehen, dass die Wurzeln, die jetzt teilweise aus dem Wasser ragen, dicht mit Muscheln und Austern bewachsen sind. Im Fluss herrscht richtig Leben. Durch Ebbe und Flut und die damit verbundene teils hohe Fließgeschwindigkeit ist das Wasser trübe und aufgewühlt. Aber nachts, vor Anker, hört man das Plätschern, das durch kleine und auch größere, dort jagende Fische, verursacht wird. Mit etwas Glück bekommt man ein Krokodil zu Gesicht. In Mündungsnähe begleiten uns Delfine und oben im Fluss leben Hippos, die ich selbst zwar nicht gesehen, aber in der Nacht gehört habe. Deren Geräusche sind unverwechselbar. Tagsüber sitze ich oft stundenlang im Cockpit und beobachte durch Martins Fernglas die unbeschreibliche Vogelwelt. Adler, Geier, Pelikane, Reiher, und sogar Eisvögel drehen ihre Kreise um und über dem Fluss, der ihnen reichlich Nahrung spendet. Man kann sich einfach nicht satt sehen.

Viel zu schnell vergeht die Zeit und wir machen uns auf den Rückweg nach Lamin, wo wir noch einige Tage am Schiff arbeiten, bevor er am Abend des 09.12. wieder nach Hause geht.

Martin und ich diskutieren viel während unserer Reise über unsere Gambia Erfahrungen. Die Leute sind arm, die Kinder bekommen teilweise keine oder nur wenig Bildung. Der Fortschritt bringt viele Probleme mit sich, wenn dieser zu schnell geht. Plastikmüll und Umweltschäden zum Beispiel, die an der Küste deutlich sichtbar sind, flussaufwärts allerdings so gut wie gar nicht. Wir sind uns einig, dass man die dortigen Kinder und ihre Schulen unterstützen muss und für eine gute Bildung und ein besseres Umweltbewusstsein sorgen muss, denn ein so intaktes Ökosystem wie der Gambia River ist heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich.

Ich selbst bin jedenfalls infiziert und werde, sobald es Wind und Wetter zulassen, mit der IVALU lossegeln und eines meiner großen Ziele wird Gambia mit seinen freundlichen und herzlichen Menschen und seiner gewaltigen Natur sein.

Viele Grüße, Peter

–> Die Kaffeekasse der ARACANGA <–

2 Kommentare

  1. Pingback:Zug zum Flug? Oder Ivalu zur aracanga? - ahoi.blog

  2. Lieber Peter,
    mehrfach habe ich Deinen Gastbeitrag inzwischen gelesen und bin begeistert von den einfühlsamen Beschreibungen und dem Erfahrungsbericht, aus dem Dein Respekt für die Menschen und die Natur sehr deutlich erkennbar ist. In diesem Sinne: viel Freude bei der Reiseplanung und ” Anker auf, IVALU ”
    Danke !

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